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Länderreport | Beitrag vom 05.06.2019

Hessentag in Bad HersfeldVolksfest mit Trachtenumzügen und Bluesrock

Von Ludger Fittkau

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Das Rathaus vor der Stadtkirche in Bad Hersfeld aufgenommen am 04.10.2017. Der 59. Hessentag findet vom 07.-16.06.2019 in der hessischen Kurstadt Bad Hersfeld statt. (picture alliance / dpa / Swen Pförtner)
Rathaus und Stadtkirche: In der Kurstadt Bad Hersfeld findet der 59. Hessentag statt. (picture alliance / dpa / Swen Pförtner)

Der Hessentag ist das älteste deutsche Landesfest. 2019 findet es in Bad Hersfeld statt. Dort präsentieren sich Hessens Regionen mit kulturellen Veranstaltungen und Ausstellungen. Bis zu eine Million Besucher werden in den kommenden Tagen erwartet.

Viele Fachwerkhäuser prägen das Stadtbild im Zentrum von Bad Hersfeld. Der weitläufige Marktplatz ist an diesem Nachmittag jedoch noch von Autos zugeparkt. In wenigen Tagen werden sie verschwunden sein. Denn der Markt wird zu einem zentralen Veranstaltungsort des Hessentages. Privat-PKW werden deshalb für zehn Tage komplett aus dem Zentrum der 30.000-Einwohnerstadt in Osthessen verbannt. Die Einwohnerschaft stellt sich längst darauf ein:

"Also ich werde mein Auto in der Vorlaufzeit und in der Nachlaufzeit stehen lassen. Ich werde nur noch mit dem Fahrrad unterwegs sein."
"Hier sind ja keine Parkplätze."

Zweieinhalb Kilometer lang wird sich die sogenannte "Hessentags-Straße" vom Hersfelder Bahnhof durch die engen Gassen der Altstadt über den Marktplatz und das grüne Gelände der Stiftsruine bis zum Kurpark der Stadt ziehen. Bühnen, die Zelte vieler Vereine und Verbände und Verpflegungsstände werden das Festareal säumen.

In der Fußgängerzone wird darüber gerätselt, wie viele Menschen zum diesjährigen Hessentag kommen werden - auch aus dem unmittelbar angrenzenden Thüringen:
"800.000 Besucher.  Ich denke ja. Wir liegen zentral und attraktiv."
"Viele sagen – zwei Millionen Leute".
"Die vielen Leute, wo sollen die alle hin hier?"

Logistische Herausforderung für eine Kleinstadt

"Das ist schon eine Herausforderung. Es heißt zwar immer: Der Hessentag passt sich an die Städte an. Nichtsdestotrotz waren wir schon sehr intensiv auf der Suche nach geeigneten Plätzen", sagt Anke Hofmann, die Hessentags-Beauftragte der Stadt Bad Hersfeld.

Klar war von vornherein, dass auch die spektakuläre Ruine der Stiftskirche einbezogen wird, in der normalerweise die Bad Hersfelder Theaterfestspiele stattfinden: "Wir planen drei Konzerte in der Ruine. Das ist für die Besucher immer ein ganz besonderes Highlight, auch zu den Festspielen haben wir ja Konzerte."

Volker Bouffier, hessischer Ministerpräsident, vor einer grünen Wand (picture alliance / dpa / Andreas Arnold )Volker Bouffier freute sich im vergangenen Jahr schon auf den 59. Hessentag in Bad Hersfeld. (picture alliance / dpa / Andreas Arnold )

"Und es ist immer wieder eine Freude, wenn so viele Menschen zusammenkommen und ein Stück Gemeinsamkeit miteinander verbringen. Deshalb – herzlichen Dank an alle, die diesen Hessentag zu dem Erfolg gemacht haben, der er ist. Wir freuen und jetzt auf den 59. Hessentag – in Bad Hersfeld. Alles Gute."

Volker Bouffier, der hessische CDU-Ministerpräsident, schlug zum Ende des letztjährigen Landesfestes im nordhessischen Korbach den Bogen nach Bad Hersfeld. Dort werden am 13. Juni unter anderem die amerikanischen Alt-Rocker von ZZ TOP auftreten - die es fast solange gibt wie den Hessentag – nämlich seit den 1960er Jahren.

Die Vorfreude in der osthessischen Festspielstadt ist aber nicht nur wegen ZZ TOP groß. Erst zum zweiten Mal nach 1967 findet der Hessentag in Bad Hersfeld statt. In den vergangenen Jahrzehnten mussten die Osthessen zum Teil sehr weit reisen, um einen Hessentag zu erleben.

Die Hersfelderin Cecilia Feik ließ sich von den Entfernungen nie abschrecken: "Wir haben immer am Hessentags-Umzug mitgemacht- mit unserer Tanzgruppe. Orientalische Tänze machen wir."

Integration von Flüchtlingen und Vertriebenen

Der Hessentag war eine Nachkriegsidee des damaligen hessischen Ministerpräsidenten Georg August Zinn. Rund eine Millionen Kriegsflüchtlinge und Vertriebene mussten im neuen Bundesland in der Mitte Deutschlands integriert werden. Der Sozialdemokrat Zinn wollte ein neues Wir-Gefühl schaffen, in das auch die Neu-Hessinnen und Hessen einbezogen werden.

"Hesse ist, wer Hesse sein will" – rief er zur Eröffnung des ersten Hessentages in Alsfeld in die Menge: "Toleranz, Geistesfreiheit und Bürgerstolz sollen immer Merkmale dieses Landes sein. Deshalb habe ich hier in dieser Stunde den Wunsch, dass der Hessentag zu einer neuen, lebendigen Tradition unseres Landes werden möge."

Die Integration der Geflüchteten, die nach dem Zweiten Weltkrieg Hessen kamen, förderte Zinn durch den sogenannten "Hessenplan". Damit wurden Wohnungen und Arbeitsplätze in besonders strukturschwachen Gebieten des Landes geschaffen. Zur kulturellen Integration diente hingegen der Hessentag. Dort konnten die Heimatvertriebenen in den Festzügen auch in den Trachten ihrer Herkunftsgebiete auftreten. Bis heute prägen die Trachtenumzüge den Hessentag mit.

Volker Bouffier, der heutige Ministerpräsident: "Hessen ist das Land mit den meisten Trachten. Kein anderes Land hat so viele Trachten. Was sind Trachten? Trachten sind ein Stück unserer Kultur, unserer Identität."

Anfang der 60er Jahre dauerte das Landesfest drei Tage und lockte rund 40.000 Menschen nach Alsfeld. Sechs Jahre später in Bad Hersfeld, der osthessischen Kur- und Festspielstadt nahe der damaligen Grenze zur DDR, waren es bereits 150.000. In den vergangenen Jahren kamen zum inzwischen zehntägigen Hessentag an immer wechselnden Orten im Land oft rund eine Millionen Menschen oder mehr - bei rund sechs Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern in Hessen.

Für die Veranstalter stellen die erwarteten Menschenmassen kein Problem dar – auch wenn die Hersfelder Fest-Beauftragte Anke Hofmann wohl nur einmal in ihrem Leben einen Hessentag organisieren dürfte. Denn: "Die Akteure, mit denen man zusammenspielt, haben Hessentags-Erfahrung über Jahre. Es sitzen auf vielen Seiten Profis. Die Polizei ist vertreten, die Bundeswehr. Die hessische Vereinigung für Trachtenpflege, der Hessische Rundfunk. Es sind ganz viele Player, die das viele Jahre machen und die natürlich mit einem ganz anderen Selbstverständnis herangehen."

"Speed-Dating" der Landespolitik

Auch die Landesregierung und die Landtagsfraktionen verlegen seit langem ihre Aktivitäten für zehn Tage aus der Landeshauptstadt Wiesbaden auf den Hessentag. Anke Hofmann empfiehlt in diesem Jahr ein besonderes "Speed-Dating" mit den Landtagsfraktionen.

"Ja, es gibt öffentliche Fraktionssitzungen, die werden im Schulzentrum der Modellschule Obersberg stattfinden, und zwar von allen Fraktionen. Das finde ich sehr reizvoll. Denn der Besucher wird die Chance haben, innerhalb der Schule die Räumlichkeiten zu wechseln und so mehrere Fraktionssitzungen zu besuchen. Das ist nicht in jeder Hessentags-Stadt der Fall."

Die Hessentags-Städte investieren unterdessen jeweils Millionen für das Landesfest – doch am Ende zahlt es sich immer aus, betont der heutige CDU-Finanzminister Thomas Schäfer. Auch weil das Land wie zahlreiche Unternehmen viel Geld in die Hand nehmen- zum Beispiel im vergangenen Jahr in Korbach.

"Der Bürgermeister sagt immer, er hat am Ende mit drei Millionen Defizit zu rechnen, aber 30 Millionen Investitionen in die öffentliche und private Infrastruktur. Und das sieht man hier in Korbach an allen Ecken und Enden. Selten so gut Geld investiert."

Investitionsprogramm für die Gastgeber

Dazu kommt, dass die Hessentags-Städte jeweils einige Millionen zusätzlich vom Land bekommen, die in Stadtentwicklungsprojekte fließen dürfen, die über das Landesfest hinaus nachhaltige Wirkung entfalten. Anke Hofmann, die Hessentags-Beauftragte der Stadt Bad Hersfeld:

"Die Städte erhalten Förderungen für Investitionsprojekte, das sind Förderungen in Höhe von rund 6,5 Millionen Euro oder sogar noch mehr. In Bad Hersfeld  werden verschiedene Investitionsprojekte umgesetzt. Teilweise vor dem Hessentag, teilweise nach dem Hessentag."

Hessens Ministerpräsident  Georg August Zinn (M) wagt ein Tänzchen mit einer jungen Frau in hessischer Tracht. Der erste Hessentag fand am 1. Juli 1961 in Alsfeld statt. (picture-alliance / dpa / Eberth)Hessens damaliger Ministerpräsident Georg August Zinn (M) wagt beim ersten Hessentag im Jahr 1961 in Alsfeld ein Tänzchen. (picture-alliance / dpa / Eberth)

So renoviert die Stadt mit einem Teil des Geldes etwa ein Stadion, das ohnehin saniert werden musste. Jetzt dient es frisch modernisiert dem Hessentag als Veranstaltungsort. Kritik gab es in der Vergangenheit jedoch immer wieder daran, dass Steuergelder nicht nur in Infrastruktur, sondern direkt in das zeitlich befristete Festprogramm flossen.

Auch der frühere SPD-Ministerpräsident Georg August Zinn, der "Erfinder" des Hessentages, musste sich bereits 1965 angesichts des fünften Hessentages in Darmstadt im Hessischen Rundfunk die Frage gefallen lassen, ob das Landesfest im Grunde nicht nur ein großes, weitgehend inhaltsleeres Volksfest sei, für das zu viel Geld ausgegeben werde:

"Sicherlich findet auf dem Hessentag ein Festzug statt, der immer größeren Anklang findet und an dem immer weitere Teile der Bevölkerung und der Verbände und Organisationen teilnehmen wollen. Aber der Hessentag besteht ja nicht allein aus diesem Festzug, sondern aus zahllosen Veranstaltungen kultureller Art, die immer größeren Anklang finden und deren Besucherzahl ständig steigt."

Dennoch – schon vier Jahre später, beim Hessentag in Gießen 1969, versuchte die damalige Studentenbewegung, den Hessentag zu sabotieren, weil er ihr zu teuer und zu spießig vorkam. Ein Ausschnitt aus einer Radiosendung des Hessischen Rundfunks zu den Studierendenprotesten gegen das Landesfest in der Unistadt – ein damaliger Organisator nimmt Stellung:

"Es sind ja Störaktionen angekündigt worden, ich habe hier ein anonymes Flugblatt, in dem steht wörtlich: Wir halten das für richtig, Fahnen herunter zu reißen und zu verbrennen, Fensterscheiben einzuwerfen, das Schwimmbad für längere Zeit untauglich zu machen. Wir halten es für richtig, den Hessentag zu stören, wo wir es nur können. Ich nehme aber an, dass die Reaktion der Bevölkerung, diese große Teilnahme, die Provokateure zurückgedrängt hat."

Hoher Sicherheitsaufwand aus Angst vor Terroranschlägen

Störaktionen wie zu Zeiten der 68er-Bewegung sind in Bad Hersfeld wohl nicht zu erwarten. Dennoch ist der Sicherheitsaufwand groß – es geht darum, mögliche Terroranschläge auf das größte deutsche Landesfest zu verhindern. Gewisse Sorgen bereitet das in Bad Hersfeld schon:

"Man soll die vielen Menschen meiden. Wegen der Terroristen. So sicher ist es hier auch nicht.
Reporter: "Aber es soll doch große Sicherungsmaßnahmen geben."
"Ja, das glaube ich schon."
"Die suchen schon einen Fleckchen, glauben sie ja!"
"Da brauchen wir uns keine Sorgen machen. Das ist eine Großveranstaltung, wir können froh sein, dass das bei uns nicht passiert ist. Wir können einfach nur lernen von anderen."

Die Stiftsruine von Bad Hersfeld ist jedes Jahr Kulisse für die Theaterfestspiele. (Deutschlandradio - Ludger Fittkau)Die Stiftsruine von Bad Hersfeld ist jedes Jahr Kulisse für die Theaterfestspiele. (Deutschlandradio - Ludger Fittkau)

Oder auch lernen von den Theaterfestspielen in Bad Hersfeld. Dort hatte man zuletzt sehr auf die Sicherheitsmaßnahmen geachtet, vor allem beim Zugang zur Stiftsruine. Festspielintendant Jörn Hinkel rief bei der Eröffnung der Festspiele im vergangenen Jahr zum friedlichen Miteinander auf:

"Während unserer Proben lief ein Mann um die Stiftsruine und rief laut: Allahu Akbar. Gott ist groß. Das kann er natürlich rufen, wenn nur diese Worte damit gemeint sind. Aber die Assoziation, die der damit bei unseren beiden Schauspielern aus Afghanistan weckte, die vor Terror und Krieg fliehen mussten, beunruhigten uns natürlich sehr. Diese Mauern hier, meine Damen und Herren, wurden in Kriegen zerstört, teilweise wieder aufgebaut, aber die Wunden sind natürlich noch sichtbar. Diese Mauern hier sind keine Abgrenzung, aber Schutz, eine Umarmung, eine Konzentration."

Die gesellschaftlichen Konflikte und politischen Themen der jeweiligen Zeit haben die Hessentage im Laufe der Jahrzehnte immer wieder mitgeprägt. Das spiegelte sich teilweise auch den Kulturbeiträgen. Der politische Zeitgeist etwa der 90er Jahre drückte sich so auch in einem Lied aus, das Udo Jürgens damals auf dem Hessentag in Erbach im Odenwald auf die Bühne brachte:

"Lieb Vaterland, wofür soll ich Dir danken? Für die Versicherungspaläste oder Banken? Atomkraftwerke? Für die teure Wehr? Und Schulen fehlen und noch mehr. Konzerne dürfen maßlos sich entfalten, im Schatten stehen die Schwachen und die Alten. Für Krankenhäuser fehlen hier Millionen, doch das Geschäft mit Schwarzgeld scheint zu lohnen."

Noch einmal zwei Jahrzehnte später - beim Hessentag 2017 in Rüsselsheim – wird ein Musiker, der schon eingeladen war, wieder ausgeladen: Der Rapper Kollegah, dem jüdische Organisationen in einem offenen Brief an die hessische Landesregierung Antisemitismus vorwarfen.

Veranstalter im Dauerstress: Erst Hessentag, dann Festspiele

Wenn am 16. Juni ZZ Top und die anderen Stars und Sternchen des Hessentages in Bad Hersfeld ihre Koffer gepackt haben, bleiben nur noch wenige Wochen bis zum Beginn des großen Freilichttheaters in der Stiftsruine.

Die Festspiele Bad Hersfeld beginnen am 5. Juli mit Kafkas "Prozess". Zum Ensemble werden dann unter anderem Marianne Sägebrecht und Ingrid Steeger gehören. Anke Hofmann, die Hessentags-Beauftragte der Stadt:

"Na ja, es gibt eine kurze Pause. Die Festspiele haben Premiere am 5. Juli. Die Pause braucht die Stadt auch, denn es muss ja auch einiges wieder abgebaut werden, hergerichtet werden. Die Festspiele oder die Schauspieler müssen auch mal die Möglichkeit haben, in der Ruine zu proben."

Es wird knapp dieses Jahr mit der Probezeit zwischen Hessentagsende und Festspielbeginn. Aber dafür, so hoffen die Verantwortlichen in Bad Hersfeld, werden viele Hessentags-Besucher in den kommenden Jahren wieder dabei sein – diesmal bei den Festspielen. Das wäre dann kulturelle Nachhaltigkeit.

"Wir wollen natürlich auch punkten mit Dingen, die uns noch im Nachgang beschäftigten. Da wären zum Beispiel die Festspiele, wir wollen neue Besucher akquirieren."
"Die Stadt kann davon profitieren, nochmal die Besucher hier nach Bad Hersfeld zu bringen."

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