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Fazit | Beitrag vom 04.03.2021

"Herr Bachmann und seine Klasse" auf der BerlinaleEin Lehrer mit dem Herz aus Gold

Von Patrick Wellinski

Eine Filmszene aus "Herr Bachmann und seine Klasse" zeigt mehrere SchülerInnen in einem Klassenzimmer. (Madonnen Film)
In jedem Menschen steckt Potential. Der Lehrer Dieter Bachmann versucht, es bei seinen Schülerinnen und Schülern zu finden. (Madonnen Film)

Wie viel engagierte Lehrer erreichen können, beweist die Langzeitdokumentation von Marie Speth. Der Film zeigt aber auch die Defizite unseres Bildungssystems auf - ein fesselndes Portrait ohne Effekthascherei.

Worum geht es?

Dieter Bachmann unterrichtet an einer Gesamtschule in Nordhessen. Seine Schüler stammen fast alle aus Familien mit einer Migrationsgeschichte. Diese Geschichten prägen das Klassenklima. Sie sind ständig präsent, sie bestimmen das Verhalten der Schüler, sind Problem und Gewinn.

Am Ende des Jahres sollen die Schüler auf weitergehende Schulen verteilt werden. Herr Bachmann versucht das Potential aller herauszukitzeln, dabei nutzt er mitunter ungewöhnliche Methoden. Doch gegen gewisse Tatsachen kommt selbst er nicht an.

Was ist das Besondere?

Die Langzeitdokumentation ermöglicht es uns ein ganzes Schuljahr aus nächster Nähe zu erleben. Durch die Laufzeit von dreieinhalb Stunden werden wir selbst zum Teil dieser Klasse. Wir erkennen die Schwierigkeiten der Schüler, ihre Verzweiflung über ihre Situation. Wir weinen, lachen und ärgern uns mit ihnen.

Das Zentrum bildet die zenhafte Ruhe von Herrn Bachmann, der mehr ein Sozialarbeiter mit einem Herzen aus Gold ist und weniger dem klassischen Bild eines Lehrers entspricht.

Damit stellen sich auch ganz politische Fragen an unser Bildungssystem: Wo liegen die Grenzen? Was können Lehrer leisten? Spannungsfelder, die durch die pandemie-bedingten Schulschließungen erst recht ins Zentrum unserer Aufmerksamkeit gerückt sind.

Bewertung

"Herr Bachmann und seine Klasse" ist kein pädagogisches Bildungskino. Es ist eine Reise in das vielleicht prägendste System unserer Gesellschaft. Eine Reise, die ohne das mediale Begleit-Theater von Politik und Medien daherkommt. Durch die ruhige Beobachtung öffnen sich Reflexionsräume über Chancengleichheit und Integration, über Perspektiven und Verlustängste.

Die Utopie, die Regisseurin Maria Speth mit ihrer klugen Kamera einfängt, ist eine der Perspektive: Herr Bachmann sieht in seinen Schülern nicht die Probleme, sondern nur ihr Potential.

Wenn wir es auch tun, hat dieser berührende Film sein Programm erfüllt.

Herr Bachmann und seine Klasse
Dokumentarfilm, Deutschland 2021
Regie: Maria Speth, 217 Minuten
Mit: Dieter Bachmann, Aynur Bal, Önder Cavdar und den Schüler*innen der Klassen 6 b und 6 f der Georg Büchner Gesamtschule in Stadtallendorf
weitere Informationen auf der Website des Festivals

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