Berlinale-Wettbewerb: "Fabian" von Dominik Graf

    Intelligenter Bilderkosmos

    08:11 Minuten
    Der Schauspieler Tom Schilling in der Titelrolle des Films "Fabian oder Der Gang vor die Hunde" von Dominik Graf.
    Flaneur, Beobachter und Moralist: Jakob Fabian (Tom Schilling). © Hanno Lentz / Lupa-Film
    Von Patrick Wellinski · 02.03.2021
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    Erich Kästners Sittengemälde der Weimarer Republik wurde schon einmal verfilmt. Jetzt hat Dominik Graf sich des Romans "Fabian" angenommen. Ein großer Wurf, schwärmt unser Kritiker: intelligent, verspielt, modern und mit tollen Darstellern.

    Worum geht es ?

    Dominik Grafs Spielfilm folgt zunächst sehr treu der Vorlage von Erich Kästner: Der promovierte Philologe Jakob Fabian arbeitet eher erfolglos in der Werbeabteilung eines Zigarettenherstellers. Eines Abends trifft er im Berliner Nachtleben des Jahres 1931 Cornelia - die Liebes seines Lebens. Gemeinsam mit ihr und seinem wohlhabenden Freund Labude stürzen sich die drei in das Gewusel der letzten Jahre der Weimarer Republik. Dabei gerät Jakob Fabian immer zwischen die Fronten der politischen Extreme.

    Was ist das Besondere ?

    Dominik Graf hat es geschafft, einen Klassiker der deutschen Literatur zu entstauben und zu aktualisieren, ohne dabei große Zugeständnisse an den Massengeschmack zu machen. Sein Film ist roh und voller Energie. Er stellt die Kostüme nicht aus, arbeitet im 4:3 Format, mit Brecht’schen Verfremdungseffekten, mit Off-Erzähler und vielen Anachronismen.
    So treten die Filmfiguren plötzlich auf Stolpersteine in Berlin, dabei kündigt sich der Schrecken des Nationalsozialismus erst an. Die Liebesgeschichte zwischen Fabian und Cornelia bekommt nicht zuletzt wegen der tollen darstellerischen Leistung von Saskia Rosendahl und Tom Schilling eine erotische Spannung, die selten ist im deutschen Kino. Aus diesem Bilderkosmos heraus entwickelt Graf unglaublich intelligent die großen Fragen des Romans und macht sie gegenwärtig: Wie soll man sich im Zeitalter der extremen Haltungen verhalten?

    Bewertung

    "Das Zeitgemäße konnte nicht zeitloser gesagt werden", hieß es auf der Binde der Erstausgabe von Fabian. Dominik Graf beweist mit seinem reifsten und besten Spielfilm, wie wichtig diese Geschichte ist. Filmisch haben wir es hier mit der sicherlich wichtigsten deutschen Literaturverfilmung seit Volker Schlöndorffs "Blechtrommel" zu tun.
    Dominik Graf bemüht die ganze Klaviatur der Filmgeschichte. Zeigt was modernes audiovisuelles Erzählen aussehen kann. Intelligent und verspielt, dramatisch und leicht. Kurzum: Ein großer Wurf!

    Fabian oder Der Gang vor die Hunde
    Literaturverfilmung, Deutschland 2021, 176 Minuten
    Regie: Dominik Graf
    mit: Tom Schilling, Saskia Rosendahl, Albrecht Schuch, Meret Becker

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