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Länderreport | Beitrag vom 11.04.2019

Herfa-Neurode in HessenDie größte unterirdische Giftmüll-Deponie der Welt

Von Ludger Fittkau

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Fässer mit giftigem Müll sind in der Untertagedeponie (UTD) Herfa-Neurode der K+S Entsorgung GmbH in rund 660 Metern Tiefe mit einem "Gift"-Aufkleber versehen. (dpa / picture-alliance / Uwe Zucchi)
In rund 660 Meter Tiefe lagern in der Untertagedeponie Herfa-Neurode giftige Industrieabfälle. (dpa / picture-alliance / Uwe Zucchi)

Arsen, Cyanid, Quecksilber - unter der hessischen Kleinstadt Heringen lagern im Schacht Herfa-Neurode giftige Industrieabfälle aus Europa und den USA. Trotz Versiegelung hat eine Bürgerinitiative Angst vor einem Super-GAU.

Das monotone Brummen einer Abluftanlage ist das einzige Geräusch, das an der Einfahrt zum Salzbergwerk zu hören ist. Sonst ist es an diesem Morgen still unter dem grün gestrichenen Stahl-Förderturm, der sich aus einem Ensemble von Backstein-Gebäuden in den wolkenverhangenen Himmel reckt. Die osthessische Salz-Mine Herfa-Neurode liegt nur wenige Kilometer von der hessisch-thüringischen Landesgrenze entfernt. Die Bergwerks-Stollen durchziehen in mehreren hundert Meter Tiefe das Gebiet der 7300-Einwohner-Stadt Heringen am Ufer der Werra.

Unterirdische Schächte bis nach Thüringen

Der Schacht Herfa-Neurode gehört zum örtlichen Verbundbergwerk des internationalen Bergbaukonzerns Kali und Salz, kurz K+S. Das Unternehmen mit Sitz in Kassel verkauft weltweit Kali-Produkte als Düngemittel oder Rohstoffe, etwa für die Chemieindustrie. Auf dem Erdboden oberhalb des Bergwerks leben die Menschen in den sieben Ortsteilen der ländlichen Stadt Heringen. Unter der Erde ist das miteinander verbundene Labyrinth der Schächte und Salzabbaufelder jedoch noch weit größer als das Stadtgebiet von Heringen und reicht bis nach Thüringen. "Wir leben hier Untertage auf einer Fläche, die so groß ist wie München und drum herum", sagt der 34 Jahre alte Politikwissenschaftler Daniel Iliev. Er ist seit zwei Jahren der SPD-Bürgermeister von Heringen.

Unter der Stadt lagern 2,7 Tonnen giftige Abfälle

Seit einem halben Jahrhundert werden im stillgelegten Schacht Herfa-Neurode hochgiftige Industrieabfälle aus Europa und den USA eingelagert – etwa Arsen- oder Cyanidfässer, quecksilberbelastete Erde, Aluminium-Filterstäube. Bisher rund 2,7 Millionen Tonnen giftige Abfälle. Bürgermeister Daniel Iliev sagt: "Die wurde damals errichtet. Irgendwo müssen ja auch die Sonder- und Giftmüllstoffe hin. Damals gab es eine entsprechende Standortentscheidung, dass dies hier stattfindet. Ich sage mal: Als Stadt oder vielleicht damals noch Gemeinde und als Bürgerinnen und Bürger: Man lebt dann damit."

Ein Mitarbeiter der K+S Entsorgung GmbH lädt in der Untertagedeponie (UTD) Herfa-Neurode in rund 660 Metern Tiefe mit giftigem Müll beladene "Bigbacks" ab. (dpa / picture-alliance / Uwe Zucchi)Ein Mitarbeiter der K+S Entsorgung GmbH lädt in der Untertagedeponie (UTD) Herfa-Neurode giftigen Müll ab. (dpa / picture-alliance / Uwe Zucchi)

Die Untertage-Giftmüll-Deponie Herfa-Neurode wird 1972 eröffnet. Gut ein Jahrzehnt vorher wird in Westdeutschland erstmals ein Wasserhaushaltsgesetz verabschiedet. Damit werden die Wasserbehörden verpflichtet, die Gewässer "so zu bewirtschaften, dass jede vermeidbare Beeinträchtigung unterbleibt". 

Wohin also mit den Chemieabfällen, wenn sie nicht mehr in die Flüsse eingeleitet werden sollen? An der Einfahrt zum Giftmüll-Bergwerk steht heute eine Plakatwand, auf der fünf Männer in blauer Arbeitskleidung mit weißen Schutzhelmen vor dem Förderturm in eine vor ihnen ausgebreitete Landkarte schauen. Darüber der Schriftzug: "Wir investieren 360 Millionen Euro in den Umweltschutz. K+S."

Kein Zugang zu den unterirdischen Stollen

Wie diese Investitionen hier unter Tage genau aussehen, dürfen wir uns nicht anschauen. Zurzeit gewährt die Firma den Zugang zu den unterirdischen Stollen also nicht. Es erstrecken sich dort kilometerlange unterirdische Straßen, die zu den früheren Abbaugebieten führen, in denen jetzt die Giftfässer gestapelt sind. Stollen, die in  Werkstätten münden, Tunnel mit Förderbändern und Metall-Schleusentoren, die im Notfall bei Giftalarm oder Bränden geschlossen werden können.

Tonschichten sollen verhindern, dass Wasser eindringt

"Die Kapazität der Untertagedeponie Herfa-Neurode, wenn man noch weitere Ablagerungs-Felder hinzunehmen möchte, ist praktisch für unsere chemisch-toxischen Abfälle unbegrenzt", sagt der Bergbau-Ingenieur Udo Selle. Er leitet das Dezernat Bergaufsicht im Regierungspräsidium Kassel. Diese Behörde ist für die Überwachung der kommerziell betriebenen Giftmüll-Untertagedeponie Herfa-Neurode zuständig. Udo Selle erklärt, dass die Deponie insgesamt nur sieben Zugänge von der Erdoberfläche aus durch wasserundurchlässige Tonschichten hat,  sowie eine weitere Verbindung zu einem benachbarten Grubenfeld, in dem noch Salz abgebaut wird. Wenn ein Grubenfeld mit Giftmüll verfüllt wird, wird es luftdicht abgeschlossen. "Diese Zugänge werden dann – wie man so schön sagt – langzeitsicher verschlossen", sagt Udo Selle. "Die werden vollständig verfüllt und im Bereich des Tons auch wieder mit Ton verschlossen, so dass hier kein Wasser in das Grubengebäude eindringen soll."

2016 brannte es in der Giftmülldeponie

Was aber passiert, wenn es in Giftmüll-Deponiefeldern anfängt zu brennen? Wir können uns nicht im Schacht anschauen, wie K+S mit dem unterirdischen Schwelbrand Ende 2016 umgegangen ist, der zu staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen führte. Diese sind inzwischen eingestellt worden. Doch der Heringer Bürgermeister Daniel Iliev erinnert sich noch gut an den Schrecken, den die Meldung vom Brand in der Giftmülldeponie vor zwei Jahren verursachte, als er gerade sein Amt angetreten hatte:

"Für uns ist das nicht Gang und Gäbe, das kommt auch nicht so oft vor und natürlich hat man da selber als Bürgermeister einen Schrecken und ist froh, wenn es dann tatsächlich auch nur ein Schrecken ist mit Ende. Aber wir haben hier auch ein großes Vertrauen vor Ort."

Eine Hand entnimmt im Proben-Rückstellraum der Untertagedeponie (UTD) Herfa-Neurode rund 700 Meter unter der Erde ein Gefäß mit einer Müllprobe. Die Proben von mehr als 50.000 Mülllieferungen seit 1991 sind hier aufbewahrt.    (dpa / picture-alliance / Uwe Zucchi)Die Proben von mehr als 50.000 Mülllieferungen seit 1991 werden im Proben-Rückstellraum der Untertagedeponie (UTD) Herfa-Neurode aufbewahrt. (dpa / picture-alliance / Uwe Zucchi)
Großes Vertrauen auch in Bergbauingenieur Udo Selle und seine für die Deponie zuständige Aufsichts-Behörde mit Sitz im nahegelegenen Bad Hersfeld.

"Es gibt immer Abfälle, die sich entzünden können, wenn sie nicht richtig sortiert worden sind. Das ist in der Tat schon häufiger passiert, auch in der Untertage-Deponie Herfa-Neurode."

Das passiert etwa, wenn Giftmüll feucht wird, erklärt Udo Selle. Dann komme es zu chemischen Reaktionen:

"Hier hat die Untertage-Deponie einerseits eine Annahme-Kontrolle, die aber nur stichprobenartig sein kann. Und bei jeder Stichprobe kann mal etwas durchrutschen. Und dann greifen die Notfallkonzepte. Das heißt, die Abfälle werden in bestimmten Stoffgruppen eingelagert, getrennt eingelagert. Und bestimmte kritische Stoffgruppen werden so eingelagert, dass der Bereich sofort geschlossen werden kann, wenn es hier zu Bränden oder zu ungewöhnlichen Entwicklungen kommen kann."

Eine Bürgerinitiative sorgt sich um die Gesundheit der Bürger

Ortswechsel. Wenige Kilometer weiter östlich – das alte Fachwerkdorf Dankmarshausen auf der thüringischen Seite des Kalireviers an der Werra. Hier lebt der pensionierte Diplomingenieur Klaus Reinhardt, Sprecher der bundesländer-übergreifenden Bürgerinitiative "Für ein lebenswertes Werratal".

Den rund 160 aktiven Mitgliedern der Initiative bereitet die weltweit größte unterirdische Giftmüll-Deponie im nahen Herfa-Neurode weiterhin Sorgen. Die Gruppe habe nach dem letzten Brand in der Giftmüll-Deponie Ende 2016 die Behörden gefragt, ob für die Bewohner auf der Oberfläche Gesundheitsgefahr bestanden hätte, erzählt Klaus Reinhardt, der Sprecher der Bürgerinitiative, in seinem Wintergarten.

"Bei diesem letzten Brand 2016 sind garantiert auch Dämpfe durch den Schacht, durch den Wetterschacht nach außen gedrungen. 100-prozentig. Wo sollen sie auch hin? Die ersten ein, zwei Tage denke ich. Dann hat man ja den Schacht zugemauert und hat das vor sich hin kokeln lassen. Aber es sind garantiert auch Dämpfe an die Oberfläche gekommen. Wir haben die Frage gestellt: Sind Luftmessungen durchgeführt worden? Ist nicht gemacht worden. Da wird immer gesagt: Die Grenzwerte, das sind Durchschnittswerte. Vielleicht sind da mal ein, zwei Tage giftige Dämpfe entwichen, aber das hat keinen Einfluss auf die Umwelt an sich. So wird das meistens dann auch beantwortet."

Angst vor einem Super-GAU

Noch mehr als mögliche Brände in der irgendwann luftdicht verschlossenen Giftmüll-Deponie unter Tage, fürchtet Klaus Reinhardt mögliche unbeobachtete Wassereinbrüche in Herfa-Neurode. Er denkt dabei vor allem an das Trinkwasser künftiger Generationen:

"Wir haben ein Wasserproblem hier in unserer Region. Der Schacht Herfa-Neurode ist zwar abgetrennt zu den anderen Schächten – der Schacht, in dessen Grubenfeldern der Giftmüll  liegt, ist durch einen rund hundert Meter breite Gesteinsschicht von den anderen Bereichen des Kali-und Salzbergwerkes Werra getrennt, in denen noch abgebaut wird – aber man weiß ja nicht, was in hundert Jahren ist. Der Super-GAU wäre, wenn dort Wasser eindringen würde. Dann könnte man diesen Prozess natürlich nicht mehr beherrschen."

Bergbauingenieur Udo Selle von der staatlichen Aufsichtsbehörde in Bad Hersfeld sieht aufgrund der örtlichen Geologie jedoch keine Gefahr, dass in die luftdicht abgeschlossenen und mit Ton versiegelten Deponiebereiche des stillgelegten Salzbergwerks irgendwann Wasser eindringen könnte.

Süßwasser könnte die Salzpfeiler auflösen

Doch Klaus Reinhardt von der Bürgerinitiative "Für ein lebenswertes Werratal" beruhigt das nicht. Er erzählt vom nahegelegenen K+S-Grubenfeld Springen in Thüringen:

"In der ehemaligen Grube Springen, die jetzt geschlossen ist, gibt es einen Süßwasser-Eintritt. Den kann man auch nicht stoppen. Und man weiß auch gar nicht, wo das Süßwasser herkommt. Und Süßwasser ist gefährlich. Süßwasser löst die Pfeiler."

Denn die Grubenfelder der Salzbergwerke werden von Steinsalz-Pfeilern getragen, die beim Abbau bewusst stehen gelassen wurden. Von diesen Pfeilern hängt die Stabilität der Gruben in der Region ab. Klaus Reinhardt sagt: "Man hat immer das ungute Gefühl, weil hier einige Gruben miteinander verbunden sind, dass sich Wasser durch unterirdische Verwerfungen auch in diesen Gruben breitmachen könnte."

Bürgermeister warnt vor Langzeitfolgen

Im osthessischen Kali-Revier befindet sich noch für einige Jahrzehnte genug Rohstoff unter der Erde, um weiter abzubauen. Doch der Heringer Politikwissenschaftler und jetzige Bürgermeister Daniel Iliev weiß: Es wird die Zeit kommen, in der der Konzern K+S nicht mehr in der Region aktiv sein wird. Dann dürfe man die Kommunen nicht mit den Langzeitfolgen des Bergbaus sowie der Kontrolle der größten Giftmüll-Untertagedeponie der Welt alleine lassen, fordert Iliev:

"Was passiert irgendwann dann eben mit den möglichen Bergschäden? Mit den entsprechenden Kosten, die übernommen werden müssen? Da muss die Politik, wie es eben im Ruhrgebiet auch einen Schwur gab, da muss sich das Land hier vor Ort auch etwas einfallen lassen. Weil die Kommunen kann man hier vor Ort damit nicht alleine lassen.

Keine Kontrollen nach endgültiger Versiegelung 

Die staatliche Bergaufsicht in Bad Hersfeld plant jedoch nicht, die größte unterirdische Giftmüll-Deponie der Welt nach ihrer endgültigen Versiegelung durch meterdicke Tonpfropfen an den acht Öffnungen noch länger zu beobachten. Udo Selle vertraut auf das Salz, das die toxischen Abfälle für immer in sich aufnehmen soll:

"Langfristig wird durch die Fließeigenschaften des Salzes der Abfall vollständig umschlossen werden, so dass auch ein späteres Monitoring nicht nötig ist. Weil das Verhalten des Salzes bekannt ist, braucht man da nicht ständig zu gucken."

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