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Mahlzeit / Archiv | Beitrag vom 07.10.2016

HerbstfrüchteErntezeit für Tiere

Von Udo Pollmer

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Johannisbeere  (Deutschlandradio / Constanze Lehmann)
Nicht nur bei Vögeln begehrt: Johannisbeeren (Deutschlandradio / Constanze Lehmann)

Verlocken die leuchtenden herbstlichen Beeren nicht zum Reinbeißen? Sofern Amseln oder Stare im Garten davon noch etwas übrig lassen. Denn in der Vogelwelt sind die heimischen Beeren ziemlich begehrt. Warum, weiß Udo Pollmer.

Wozu eigentlich packen Kirschbäume oder Beerensträucher ihre Kerne in Fruchtfleisch ein? Ist doch nur pure Verschwendung! Der harte Kern, in dem der Samen ruht, würde vollauf genügen – so wie bei den Haselnüssen. Doch auch Pflanzen denken sich etwas dabei, wenn sie Saatgut bereitstellen. Sie wollen ihrem Nachwuchs einen guten Start ins Leben ermöglichen. Manche überantworten ihre Saat dem Wind, wie die Pusteblume. Da wäre Fruchtfleisch nur unnötiger Ballast. Im Gegensatz dazu fällt das Obst nicht weit vom Stamm. Doch damit es verbreitet wird, braucht es Spediteure wie Stare oder Dachse. Diese fressen die Beeren und scheiden die Kerne, also den Samen andernorts wieder aus, noch dazu mit einem Dunghaufen. Der Spediteur wird mit Naturalien, sprich Fruchtfleisch entlohnt.

Die Pflanze hat die Qual der Wahl, wen sie als Spediteur engagiert – lieber einen Vogel oder doch ein Säugetier? Beide haben ganz unterschiedliche Lebensweisen und Verdauungsorgane. Vögel erkennen Farben schon von weitem, das leuchtende Rot der Johannisbeeren und Hagebutten, das satte Dunkelrot der Kirschen, oder die orangeroten Beeren des Sanddorns. Dunkle, blauschwarze Beeren enthalten zusätzlich eine UV-Zeichnung, die dem Federvieh ins Auge sticht. Die Verbreitung der schwarzen Früchte der Tollkirsche erledigen die Vögel, denen macht das Gift nichts aus. Was für einen Vogel gesund ist, kann für den Menschen tödlich sein.

Vögel - die idealen Transporter

Vögel können fliegen. Deshalb präsentieren viele Pflanzen ihre reifen Beeren in dornigen Hecken oder pendelnd an langen Stielen, wie die Kirschen, damit sie in luftiger Höhe ungestört schnabuliert werden können. Oft sind sie nach Art der Trauben oder Vogelbeeren auf kleine, schnabelgerechte Portionen aufgeteilt. Beim Menschen hält sich der Konsum von frischem Vogelobst meist in Grenzen; jeden Morgen ein Schälchen saurer Johannisbeeren widerstrebt einem über kurz oder lang. Aber als Gelee ist das kein Problem. Die frischen Beeren sind nun mal auf die Bedürfnisse des Federviehs ausgelegt, die haben einen Kropf und einen Muskelmagen, ihr Körper braucht andere Nährstoffe und verträgt andere Gifte.

In Mitteleuropa gedeiht vor allem vogelverbreitetes Obst. Denn im Winter ist es den Pflanzen verwehrt, die Tiere mit Frischobst zu versorgen. Deshalb gibt es im Herbst eine Schwemme an Beeren. Die Vögel schlagen sich damit die Bäuche voll und entfleuchen in den sonnigen Süden. Wir müssen unsere heimischen Vogelfrüchte verarbeiten, nicht nur um sie haltbar zu machen, sondern auch, weil sie dann viel besser schmecken. Deshalb gibt es statt frischen Beeren Holundersekt und Preiselbeermarmelade, Sanddornsaft und Stachelbeerkompott.

Viele Säugetiere sind nachtaktiv und relativ farbenblind. Sie sehen die Welt eher schwarz-weiß. Wir Menschen sind da eine Ausnahme. Säugerfrüchte sind unansehnlich bräunlich wie Ananas, Kiwis oder Bananen oder grünlich wie Feigen oder Papayas. Sie sind größer, damit die Tiere sie mit ihrem Maul wegschleppen können, voll reif duften sie. Säugetiere erschnuppern sich in der Dämmerung den Weg zur Futterstelle. Sie haben meist feinere Näschen als Vögel.

Ananas oder Bananen - konzipiert für Säuger

In den Tropen gibt es viele Früchte, die für Säuger konzipiert sind. Dort gibt es keinen Winter und die Pflanzen können die Verbreiter ihres Saatgutes das ganze Jahr über mit Ware beliefern. Dieses Obst ist naturgemäß für uns bekömmlicher als Vogelobst. Wir genießen Ananas oder Bananen frisch und roh. Kaum jemand kocht daraus mühevoll Marmelade. Es ist nicht die Exotik, die unseren Appetit reizt, sondern die Bekömmlichkeit.

Bleibt die Frage: Warum kommt die Hasel ohne Fruchtfleisch aus? Weil sie eine andere Strategie verfolgt als Pfirsiche. Die Nuss des Haselstrauchs ist so beschaffen, dass sie Eichelhäher und Eichhörnchen verleitet, sie als Wintervorrat zu sammeln und zu vergraben. Doch die Tiere vergessen einen Teil ihrer Läger. Im Frühjahr keimen die verbuddelten Samen aus und wachsen zu Haselsträuchern heran. Nuss für Nuss.  Mahlzeit!

 

Literatur:

Murray DR: Seed Dispersal. Academic Press, Orlando 1986

Levey DJ et al: Seed Dispersal and Frugivory: Ecology, Evolution, and Conservation. CABI, Wallingford 2001

Van der Pijl L: Principles of Dispersal in Higher Plants. Springer, Heidelberg 1969

Feling TH, Estrada A: Frugivory and Seed Dispersal: Ecological and Evolutionary Aspects. Advances in Vegetation Science 1993, Vol 15, Springer, Dordrecht

Siitari H et al: Ultraviolet reflection of berries attracts foraging birds. A laboratory study with redwings (Turdus iliacus) and bilberries (Vaccinium myrtillus). Proceedings of the Royal Society B: Biological Sciences 1999; 266: 2125-2129

Lambert JE et al: Seed Fate: Predation, Dispersal, and Seedling Establishment. CABI, Wallingford 2007

Dennis AJ et al: Seed Dispersal. Theory and Application in a Changing World. CABI, Wallingford 2007

Honkavaara J et al: Ultraviolet vision and foraging in terrestrial vertebrates. Oikos 2002; 98: 505–511

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