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Lesart / Archiv | Beitrag vom 07.06.2016

Hemmungen überwinden für die BuchmesseNiederländische Autoren lernen Deutsch

Von Katharina Borchardt

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Von links nach rechts: Joost de Vries, Daniël van der Meer, Niña Weijers, Jeanette Bisschops (Deutschlandradio / Katharina Borchardt)
Von links nach rechts: Joost de Vries, Daniël van der Meer, Niña Weijers und Jeanette Bisschops (Deutschlandradio / Katharina Borchardt)

Gut vorbereitet wollen sie sein – die Niederländer und Flamen, die dieses Jahr ihre Literatur auf der Frankfurter Buchmesse vorstellen. Die Goethe-Institute in Brüssel und Amsterdam bieten aktuell Deutschkurse an, die speziell auf Verleger, Literaturvermittler und Autoren zugeschnitten sind. Das Angebot wird gern angenommen, berichtet Katharina Borchardt.

"Wir machen weiter mit Improvisationstraining. Schnell reagieren! Ihr dürft stehen! Wir bilden eine Art Kreis."

Ein Seminarraum im Goethe-Institut Amsterdam. Deutschkurs für niederländische Autoren und Literaturvermittler. Die Fenster zur Herengracht stehen offen. Heute dabei sind zwei Autoren und zwei Mitarbeiter der Literaturzeitschrift "Das Mag". Die junge Literaturgeneration bereitet sich vor auf ihren Auftritt in Deutschland.

"Mein Name ist Niña Weijers."

"Ich heiße Joost de Vries."

"Jeanette Bisschops."

"Daniël van der Meer."

Einfach reden ist die Devise. Hemmungen überwinden. Lehrerin Julia Heydorn hat einen regenbogenfarbigen Wuschelball mitgebracht.

"Wir machen eine Assoziationsrunde bzw. mehrere mit diesem furchtbaren Wuschelball. Mit dem kann man richtig gut werfen. Und zwar ist das Thema 'Lesung'. Was fällt euch dazu ein? Ich werfe den Ball, und der, der ihn bekommt, der sagt automatisch ein Wort, das ihm dazu einfällt spontan."

"Lesung!"

"Wasserglas!"

"Publikum!"

"Autoren!"

"Mikrophon!"

"Wein!"

"Geld!"

"Was haben wir vor in Deutschland? Wir organisieren ein Leseclub-Festival in Berlin am 24. Juni."

"Und wir machen eine deutschsprachige Ausgabe von unserem literarischen Magazin. Auch im Juni."

Die Zeitschrift heißt "Das Mag". Die aktuell angesagteste Literaturzeitschrift der Niederlande.

"Sehr schön. Das war eine super erste Runde. Vielen Dank!"

Alle Holländer sprechen Deutsch? Das stimmt heute so nicht mehr!

"Das ist mein erstes Mal Deutsch lernen! In der 2. Klasse [am Gymnasium] hatten wir die Wahl: Deutsch oder Französisch. Ich habe Französisch gemacht."

"Mein Deutsch ist paniekvoetbal!"

Der Autor Joost de Vries:

"Kennst du paniekvoetbal? Mein Deutsch ist paniekvoetbal! Panik-Fußball!"

Was soviel heißt wie: blindlings drauflos. Jeanette Bisschops, Daniël van der Meer und Niña Weijers stehen angesichts der deutschen Sprache etwas weniger unter Schock:

"Ich habe, ich glaube, fünf Jahre Deutsch gelernt in der Schule."

"Ich auch, fünf Jahre."

"Wie alle in den Niederlanden, wir lernen ein bisschen Deutsch. Aber das Problem ist, dass die Deutschlehrer in den Niederlanden, ich weiß auch nicht warum, aber die sind oft nicht so gut. Und der Deutschkurs in der Schule –  für mich war das keine Literatur, nur Grammatik und Wortschatz. Das war ganz langweilig."

... sagt die Autorin Niña Weijers.

"Deutsch ist schwieriger, als ich gedacht habe. Weil die niederländische Sprache und die deutsche Sprache sind so … Man denkt: Ah, das ist dasselbe. Aber viele Wörter sind so verschieden. Und die Grammatik auf Deutsch ist etwas anders. Für mich ist es nicht so einfach, Deutsch zu lernen."

"Wir machen jetzt gleich weiter. Ihr seid jetzt zu viert. Das heißt: Ihr setzt euch zu zweit zusammen und ihr schreibt einfach alle Fragen auf, die ihr so gestellt bekommt, auf die ihr reagieren müsst."

Daniël und Joost setzen sich zusammen. Am anderen Tisch Jeanette und Niña.

"Jungen gegen Mädchen!"

Ausgelassene Stimmung im Deutschkurs

Nach fünf Minuten werden die Fragen vorgelesen und auch Antworten geübt. Herausgeber Daniël ist als Erster dran.

"Warum hast du einen Verlag gegründet?"

"Gute Frage, Joost! Weil es sehr notwendig war! Alle anderen Verleger sind sehr – konservativ! – ja, konservativ, danke, Joost! Und das musste [sich] ändern!"

"Das musste [sich] ändern!"

Es herrscht ausgelassene Stimmung. Daniël schlägt sich wacker.

"Das hast du ganz, ganz toll gemacht!"

"Dann möchte ich Joost auf den heißen Stuhl bitten."

Denn diesen Sommer wird Joost de Vries‘ preisgekrönter Roman "Die Republik" auf Deutsch erscheinen. Die Präsentation wird im Kurs geübt. Letzte Woche war Niña Weijers dran, deren Debütroman "Die Konsequenzen" ebenfalls übersetzt wird.

"Das ist der Beginn von meinem Roman, meinem zweiten Roman 'Die Republik'. Das Fragment introduziert die Protagonisten des Buches. Das Fragment zeigt ihre Rollenverteilung, ihren gegenseitigen Zusammenhang."

Eine akademische Satire, die sich zum Teil in einem Fachbereich namens "Hitler-Studien" abspielt.

"Deutsch klingt sehr intellektuell"

An der Aussprache wird noch gearbeitet.

"Milchaufschäumer ..."

Begriffe wie "Türsteher" oder "Unigelände" werden zwischendurch geklärt. Was aber bitte heißt "einlullen" und "an den Lippen hängen"?

Nicht einfach, diese deutsche Sprache. Und wie klingt sie in den Ohren der Niederländer?

"Für mich schöner als gedacht. Wir hören das nicht oft, nur in Scheveningen. Scheveningen am Meer mit sehr lauten Deutschen. Aber hier im Deutschkurs und wenn Interviews mit Autoren gucken, das ist subtiler als gedacht."

"Für mich sehr intellektuell! Die Wörter sind oft sehr lang. Die Sätze können ja auch sehr lang sein. Für mich klingt das sehr schön. Es ist eine sehr schöne Sprache, ja."

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