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Fazit / Archiv | Beitrag vom 14.12.2018

Helmut Böttiger zum Tod von Wilhelm Genazino "Er war ein großartiger Beobachter von Alltagsphänomenen"

Helmut Böttiger im Gespräch mit Gabi Wuttke

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Wilhelm Genazino im Oktober 2016 auf der 68. Frankfurter Buchmesse in Frankfurt/Main (dpa-Zentralbild)
Wilhelm Genazino auf der Frankfurter Buchemesse im Oktober 2016 (dpa-Zentralbild)

Als Schriftsteller hat Wilhelm Genazino an die Romane von Franz Kafka angeknüpft. Genazinos Kunst, Groteskes, Komik und Düsteres meisterhaft in seinen Romanen zu verbinden, sei sein Geheimnis geblieben, meint Literaturkritiker Helmut Böttiger.

Wilhelm Genazino nannte die Anti-Helden in seinen Geschichten "Individualisten wider Willen". Vielfach wurde er für seine Bücher ausgezeichnet, 2004 gewann er den Georg-Büchner-Preis, die wichtigste Literaturauszeichnung im deutschsprachigen Raum. Am Mittwoch ist Genazino im Alter von 75 Jahren gestorben.

Das Glück im Kleinen

Genazinos Romanhelden seien immer auch Antihelden gewesen, sagte Literaturkritiker Helmut Böttiger im Gespräch mit Deutschlandfunk Kultur. Die Sehnsucht seiner verlorenen Existenzen nach etwas Anderem habe Genazino in kleinen Details gefunden, so wie die Hauptfigur in seinem 1977 erschienen Roman "Abschaffel". 

"Dieser Angestelltentypus charakterisierte die frühe Bundesrepublik, in die Genazino hineinwuchs, wie kein anderer. Das ist ein Mann ohne Namen, ohne Vornamen, die Figur ist ganz klein, sie versteckt sich, sie taucht unter. Und manchmal möchte er wenigstens eine Nachttischlampe einschalten, weil er Angst hat, dass er in der Dunkelheit auch selber verschwindet."

Herkunft als Quelle der Inspiration

Das kleine Angestellten-Dasein, das "Sich-Ducken" vor Allem und das argwöhnische Registrieren, der als feindlich empfundenen Umwelt, sei das Charakteristische aller Helden von Genazino. Und das spiegele auch wider, dass er in einem kleinbürgerlichen Umfeld in Mannheim aufwuchs.

"Er ist in diese Angestelltenwelt hineingewachsen, mit Ärmelschonern, mit komischen Büroaktenordnern. Das akribische Festhalten von Details, von Einzelheiten, das hat auch etwas mit der Angst zu tun, vollkommen verloren zu gehen, vollkommen verloren zu sein. Er ist ein großer Beobachter von Alltagsphänomenen und vor allem ein Spezialist, die Alltagsphänomene in ihrer grotesken Erscheinungsform darzustellen."

Über Kafka hinausgewachsen

Offensichtlich sei, dass ihn Kafka in den Fünfziger und Sechziger Jahren sehr beschäftigt habe: "Kafka als Angestellter, als einer, der die Entfremdung der modernen Arbeitswelt als einer der Ersten geradezu vorausgeahnt hat."

Daran habe Genazino mit seinen Büchern angeschlossen. Anders als Kafka habe Genazino aber auch die Qualität eines Satirikers gehabt. Bis Anfang der Siebziger Jahre habe Genazino auch für die Satirezeitschrift "Pardon" geschrieben: "Dieses satirische Moment steigert bei ihm die Verzweiflung geradezu noch."

Erst ab 2001 sei Genazino richtig berühmt geworden mit seinem Roman "Ein Regenschirm für diesen Tag", in dem man dessen humorvolle Note erkenne:

"Das ist das Eigenartige: ein Balanceakt zwischen Humor und Verzweiflung. Das ist etwas, was keiner so machte, wie er."

Ausdruck eines besonderen Lebensgefühls

In der größten Verzweiflung seiner Figuren sei auch immer die größte Komik enthalten. Alle diese Helden seien im Grunde lebensuntauglich, die sich dann aber doch irgendwie durchschlagen. Dabei komme es zu grotesken Situationen, die dann aber etwas Komischen hätten und dann doch die Lust an der Existenz wachriefen: "Und wie er das gemacht hat, ist sein großes Geheimnis. Dass trotz aller entfremdeten Situationen, Einsamkeitssituationen, immer etwas aufblitzt, dass es Schönheiten im Alltag gibt." 

Das Groteske, das Komische und das Düstere stünden dabei immer ausgewogen gegenüber und gingen ineinander über:

"Man kann das nicht unterscheiden und vielleicht ist das das Lebensgefühl, das er am Deutlichsten ausgedrückt hat."

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