Helga Kurzchalia: „Weltzeituhr“

Jenseits von verdruckster Innerlichkeit und offenem Widerstand

Cover des Romans "Weltzeituhr" von Helga Kurzchalia.
© Friedenauer Presse

Helga Kurzchalia

WeltzeituhrFriedenauer Presse, Berlin 2026

146 Seiten

22,00 Euro

Von Marko Martin |
In „Weltzeituhr“ blickt Helga Kurzchalia auf ihr Leben in den Siebziger- und Achtzigerjahren in Ostberlin zurück. Das Buch beschreibt eine außergewöhnliche Familiengeschichte mit konzentriertem Ton und Blick.
Die 1948 in Ostberlin geborene Schriftstellerin und Psychotherapeutin Helga Kurzchalia war in der breiteren literarischen Öffentlichkeit lange Zeit kaum bekannt. Dabei hatte bereits ihr 2010 veröffentlichter Briefroman „Lamaras Briefe oder vom Untergang des Kommunismus“ eine Ahnung vermittelt vom ungewohnt weiten Erfahrungshorizont dieser Autorin. Die Tochter einer jüdischen Kommunistin aus Wien, die nach dem Krieg zusammen mit ihrem Mann aus London in die DDR übergesiedelt war, fremdelte von Beginn an mit der ideologisch grundierten Entscheidung ihrer Eltern. Dennoch blieb sie in der DDR – anders etwa als die 1984 nach Strasbourg ausgereiste Schriftstellerin Barbara Honigmann, deren Bücher sich aus vergleichbaren biografischen Erfahrungen speisen.
Ende der Siebzigerjahre hatte Helga Kurzchalia in Georgien ihren zukünftigen zweiten Ehemann kennengelernt, und so öffneten „Lamaras Briefe“ eine komplexe deutsch-georgische Familiengeschichte. Kurzchalias 2000 publizierter Roman “Im Halbschlaf“ führte zurück in die bleiern sedierte Zeit nach der Ausbürgerung Wolf Biermanns im November 1976. Mit dem vor fünf Jahren in der Friedenauer Presse publizierten „Haus des Kindes“, einer berührenden Erinnerung an eine ganz besondere, von Neugier und Befremden geprägte Ostberliner Kindheit, wurde Helgas Kurzchalias unverwechselbare Stimme dann endlich stärker wahrgenommen.
In ihrem soeben erschienenen autobiografischen Buch „Weltzeituhr“ blickt sie nun zurück in das Ostberlin der Siebziger- und Achtzigerjahre. Eine Zeit, die geprägt ist von ihrer denkbar außergewöhnlichen Familienbiografie. Und wie schon in ihren vorausgegangenen Büchern ist da sofort dieser konzentrierte Ton und Blick, der Szenarien offenbart, durch deren beklemmende Enge immer auch ein Lichtstrahl dringt.

Beobachtung und Selbstreflexion

Jenseits von verdruckster Innerlichkeit und offenem Widerstand wird sie als junge Frau einen Weg suchen, der ihrem Dasein Sinn verleiht – und zwar in psychologischen Hilfeleistungen für andere. Dass daraus nie die vorwurfsvolle Pose verhärteter Aufopferung wird, verdankt sie dabei nicht zuletzt ihrer nicht-korrumpierten Fähigkeit zu Beobachtung und Selbstreflexion. So wie sie auch an ihrem älteren Bruder Thomas, der später in den Westen gehen wird, den freien Geist bewundert.

Thomas, wie meine älteren Geschwister in England geboren, lächelte vielsagend, bevor er kommentarlos ein beschriebenes Blatt aus seiner Jeansjacke zog und ein Gedicht vorlas. Ich lauschte seinem fliegenden Atem wie einer vertrauten Tonart. Mir gefiel der Trotz in seiner Stimme, so uneins mit der Welt und unseren Genossen Vätern. In Zukunft wollte auch ich auf keinen Fall mehr zu nachsichtig sein und weniger Verständnis zeigen.

Tod in sowjetischen Lagern

Ein solcher Vorsatz erweist sich freilich als gar nicht so einfach, da doch die geliebte Mutter weder über das Judentum sprechen will noch über die sowjetischen Lager, in denen jene ihrer Freunde und Freundinnen gelitten hatten und zugrunde gegangen waren, die damals in den Dreißigerjahren nicht nach England, sondern ins vermeintliche Arbeiterparadies Stalins geflohen waren. Dennoch besteht die Mutter darauf, dass ihre Tochter Helga nach Moskau reist und dort eine inzwischen ebenso bejahrte Jugendfreundin trifft, die Gulag-Überlebende Eva. Diese offenbart sich der jungen Frau aus Ostberlin.
Mit geschärftem Blick kehrt Helga Kurzchalia schließlich zurück in die spät-sozialistisch stagnierende Honecker-DDR. Und zelebriert auch dies nicht etwa als ein weiteres Kapitel eines selbstbezogenes  Entwicklungsromans; dafür ist ihre Prosa glücklicherweise zu modest und zu fern jeglicher Selbststilisierung. Denn wiederum sind es nicht zuletzt die Erfahrungen und das Tun anderer Menschen, die im Mittelpunkt des Buches stehen und die Wahrnehmung der Autorin stimulieren. Die Titel gebende „Weltzeituhr“ am Alexanderplatz wird dabei zu einer Metapher, deren sinnlich präzises Ausbuchstabieren zeitliche, geografische und vor allem mentale Freiheitsräume öffnet.
Die Nervenklinik in Ostberlin-Lichtenberg, in der sie dann zu arbeiten beginnt, ist jedoch alles andere als ein Refugium. Heute weiß man, wie stark besonders im Bereich der Psychologie Ärzte ihr Unwesen trieben, die klandestin der Staatssicherheit verpflichtet waren. Bereits an der Oberfläche war das Autoritäre sichtbar. Der Klinik-Chef gibt Anweisungen im Stil von „Keine Gruppenbildung!“ und „Keine Extrawurst!“, hält Kinderpsychotherapie für eine „westliche Modeerscheinung“. Und sogar im Institut für Psychologie regiert ein Denken, in dem psychische Probleme lediglich ein Störfall sind, der im Sinne der „sozialistischen Menschengemeinschaft“ schnell und effizient zu beheben ist – auch mittels Elektroschocks.

Kaputt gegangen am alltäglichen Widerspruch

Einer der Patienten, auf die Helga Kurzchalia trifft, ist ausgerechnet ihr einstiger Schulfreund Alexander, auch er ein Kind von Eltern, die zuvor im Exil gewesen waren. Sein Gesicht ist inzwischen aufgeschwemmt von Medikamenten. Alexander war im schrecklichsten Wortsinn kaputt gegangen am alltäglichen Widerspruch zwischen behaupteter sozialistischer Emanzipation und den mannigfaltigen Wucherungen und Traditionen des Inhumanen und Despotischen. Es macht den literarischen Reiz dieses Buches aus, dass die bis heute subkutan fortwirkenden Verheerungen, die in diesem Staat angerichtet wurden, nicht verklausuliert erinnert und auch nicht bequem nur den politisch Verantwortlichen angelastet werden.

Wir lebten in einem Staat, in dem ständig etwas vertuscht oder schöngefärbt wurde. Ausnahmen und Unterschiede waren unerwünscht. Selbst bei den Schwestern in Haus II, die den Staat für gewöhnlich mit Argwohn beäugten. Alle sollten gleich, also nicht besser als man selbst, behandelt werden. Das bekam auch der fünfjährige René zu spüren. Auf der Station beschwerte man sich, dass er schwerer zu lenken sei, seit er weniger Pillen schluckte. Erst gestern habe er auf seinem Teller die Hälfte liegengelassen und sei ohne Erlaubnis auf die Toilette gegangen. ‚So wird er nie gruppenfähig‘, urteilte die Küchenhilfe.

Helga Kurzchalia zu lesen, bedeutet das zu entdecken, was sich an Konkretem weder in den hochgelobten Büchern einer Christa Wolf noch einer Jenny Erpenbeck auch nur ansatzweise findet.
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