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Lesart | Beitrag vom 04.05.2020

Helen Wolff: "Hintergrund für Liebe"Ein lang versteckter Schatz

Marion Detjen im Gespräch mit Gesa Ufer

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Helen und Kurt Wolff in New York City 1941. (privat / Weidle Verlag)
Helen und Kurt Wolff in New York City 1941. (privat / Weidle Verlag)

Zusammen waren Helen und Kurt Wolff eins der begnadetsten Verlegerpaare, das Deutschland je hatte. Jetzt, 26 Jahre nach ihrem Tod, erscheint ein von ihr geschriebener Roman. Historikerin Marion Detjen, deren Großtante Wolff war, ist die Herausgeberin.

Dass deutsche Autoren wie Max Frisch, Günter Grass, Uwe Johnson oder Jurek Becker auch in Amerika erstaunlich hohe Auflagen erreichen konnten, das lag maßgeblich auch an dem großartigen Verlegerpaar Helen und Kurt Wolff. Nach dem Tod ihres Mannes führte Helen Wolff den gemeinsamen Verlag lange allein weiter und als 1994 starb, schrieb "Die ZEIT":

"Wo findet die deutsche Literatur wieder so eine Hebamme, Mutter, Liebende?"

Ihre eigenen Romane und Theaterstücke hat Helen Wolff immer unter Verschluss gehalten – erst jetzt erscheint der Roman "Hintergrund für Liebe". Die Historikerin Marion Detjen hat das Buch mit einem Nachwort versehen.

Zwischen Mutterrolle und begnadeter Linguistin

Wolff habe sich als Verlegerin der alten Schule verstanden, die ganz stark ihren Autoren zugewandt gewesen sei und fast einen Geniekult um sie betrieb. Dabei habe sie auch eine Art Mutterrolle für sie eingenommen und sich um die privaten Angelegenheiten der Schriftsteller gekümmert.

Gleichzeitig sei Wolff aber auch eine ausgezeichnete Linguistin gewesen, die in vier Sprachen arbeiten konnte und an allen Texten der englischen Übersetzung mitgewirkt hat – und das nicht nur sprachlich, sondern auch kulturell.

Ein Liebesroman mit autobiografischen Zügen

Ihr Roman "Hintergrund für Liebe" spielt Anfang der 30er-Jahre und handelt von einer jungen, mittellose Frau, die mit ihrem 20 Jahre älteren Liebhaber in die Ferien an die Côte d'Azur fährt. Die Rollenverteilung ist klar: er hat das Geld, er hat das dicke Auto, und er ist der Mann von Welt, der zwischen Grand Hotel, Casino und Langusten-Bar gern auch allerlei andere Frauen beeindruckt.

Sie hat sich das alles anders vorgestellt, träumt vom einfachen, unverstellten Glück am Meer. Und obwohl sie ihn liebt, lässt sie ihn sitzen. Sie mietet sich alleine ein kleines Häuschen in Saint Tropez, lernt neue Leute kennen, und wenig später begegnen sich die beiden zufällig wieder auf einem Fischer-Ball.

Dort ist der ältere Mann so beeindruckt von der Eigenständigkeit der jungen Frau und realisiert, dass er bereit für die echte Liebe.

Ein bezauberndes Stück Text

Marion Detjen war bei Helen Wolffs Sohn Christian, dem bekannten Komponisten und Wissenschaftler als sie den Text zum ersten Mal gesehen. Sie berichtet von der Scheu, die beide verspürten, als es darum ging den Roman zu lesen:

"Wir haben auch da gar nicht so drüber geredet und waren uns auch sehr unsicher in dem literarischen Urteil. Also ist es jetzt ist es jetzt große Literatur? Oder ist es eben nur ein autobiografischer Versuch, der nicht richtig seinen Wert hat oder den Wert also über diesen Wert?

Es sei zwar keine ganz große Literatur geworden, so Detjen, aber ein wirklich bezauberndes Stück Text, in dem man viel über die Zeit damals lernen können. Diese Frau, die arbeiten gehe und dabei sogar Hosen trägt, sich aber trotzdem in einem Liebesverständnis letztlich dem Mann unterwerfe.

Der deutsche Schriftsteller Günter Grass mit der US-Verlegerin Helen Wolff, die ihm das erste Exemplar einer in den USA erschienenen Sonderausgabe der "Danzig Triologie" am 7.10.1987 in Frankfurt am Main überreichte.  (dpa / Heinz Wieseler)Günter Grass und US-Verlegerin Helen Wolff - die beiden verband eine tiefe Freundschaft. (dpa / Heinz Wieseler)

Detjen ist der Meinung, dass das die Person Helen Wolff schon sehr gut treffe, die explizit antifeministisch war:

"Sie hat immer wieder über Feministinnen gehöhnt und war da sehr festgelegt, auch immer auf der Seite ihrer männlichen Autoren gegen die Emanzipationsbestrebungen von deren Frauen. Gleichzeitig hatte sie eine sehr schöne Metapher für ihr Verhältnis mit Kurt Wolff, indem sie zusammen als Verlegerehepaar ein Zentaur bilden, ein Mischwesen zwischen Tier und Mensch und der Mann ist das animalische, triebgesteuerte Wesen, das in der Welt wirkt und und mächtig ist, und sie hat oben den Kopf drauf hat, der dieses Wesen lenkt und steuert."

Helen Wolff: "Hintergrund für Liebe"
mit einem Nachwort von Marion Detjen
Weidle Verlag, 2020
216 Seiten, 20 Euro

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