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Buchkritik | Beitrag vom 14.03.2019

Helen Weinzweig: "Schwarzes Kleid mit Perlen"Der Spion, den sie liebte

Von Manuela Reichart

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Buchcover: "Helen Weinzweig: Schwarzes Kleid mit Perlen" und Pärchen, das Händchen hält. (Wagenbach Verlag / imago / Stephan Metzner)
Raus aus dem langweiligen Eheleben, hinein in die Affäre: "Schwarzes Kleid mit Perlen" ist auch eine Erzählung über weibliche Selbstermächtigung. (Wagenbach Verlag / imago / Stephan Metzner)

Shirley Kaszenbowski kündigt ihr braves Leben als Ehefrau eines langweiligen Mannes und Mutter zweier Kinder auf. Sie folgt ihrem Geliebten, einem Geheimagenten, durch die Welt. Doch nach einer Odyssee durch Hotellobbys geht sie einen anderen Weg.

Als der Roman 1981 erschien, war die Autorin 65. Ihre Heldin ist 20 Jahre jünger, in ei­nem Alter also, in dem sie zwar nicht mehr alle Blicke auf sich zieht, aber sich selbst­si­cher ihrer Sexualität bewusst ist.

Sie ist keine strahlende Erscheinung, wird von Hotelange­stell­ten misstrauisch beobachtet: Kann sie ihre Rechnung zahlen, bleibt sie alleine? Die Frau im un­auffälligen kleinen Schwarzen reist mit einem falschen Pass, der auf den Namen Lola Montez ausgestellt ist, jener skandalträchtigen Tänzerin, die einst dem bayrischen König den Kopf verdreht und die Münchner Bevölkerung in Aufruhr versetzt hatte.

Helen Weinzweig (1915 in Polen geboren, 2010 in Toronto gestorben), die als Kind mit der Mutter nach Kanada ausgewandert war, erzählt von der Ehefrau eines langweiligen Mannes und Mutter zweier Kinder, die ihr braves Leben aufgekündigt hat. Ihr Geliebter, der als Spion für eine nicht näher erklärte "Agency" tätig ist, hat ihre Existenz auf den Kopf ge­stellt.

Ihn trifft sie nach einem kompliziert ausgeklügelten Geheimcode an den verschiedenen Orten der Welt, schläft mit ihm (im war­men Süden besser als im kalten Norden), liebt und be­gehrt ihn. Sie ist eine ewig Wartende - und das macht sie nicht gerade zum Idealbild einer fe­mini­sti­schen Heldin. Schließlich richtet sich all ihr Sehnen auf den Mann, der kommt oder auch nicht, der sich verkleidet und verstellt, der zu Hause ein braves Eheleben führt und daran auch nichts ändern will.

Komplizierte Fragen stören die Erektion

Aber diese Geliebte aus Passion und Entschluss, diese unsichtbare Frau mittleren Alters im schwarzen Kleid ist auch eine genaue Beobachterin und kluge Kom­men­tatorin. Sie weiß, dass sie im Bett keine komplizierten Fragen erörtern soll, weil das seine Erek­tion stört, sie streitet mit dem Geliebten über weibliche De­mut, betrachtet die männlichen Gäste im Frühstücksraum, denen man weder Orgasmus noch Lügen ansieht:

"Mit der Rasur am Morgen hatten alle Männer die vergangene Nacht abge­kratzt und richteten nun den Blick konzentriert auf den kommenden Tag."

Mann und Geliebten ausgetauscht

Helen Weinzweig lässt ihre Heldin durch Toronto streifen und schließlich im eigenen Haus bei Mann und Kindern landen. Dort ist ihr Platz jedoch besetzt, eine andere, nicht besonders attraktive Frau erfüllt die ehelichen Pflichten.

Nach einer Nacht zu dritt im Ehebett, wo die Neue die undankbare sexuelle Rolle der Alten spielen muss, verlässt Shirley Kaszenbowski die Familie erneut: Die Perlenkette überlässt sie ihrer Nachfolgerin, den Geliebten tauscht sie gegen einen neuen Mann aus, der ihr nicht zuletzt körperliche Erfüllung verspricht. Eine weibliche Entscheidung, die auch heute noch ziemlich provokant ist.

Helen Weinzweig: Schwarzes Kleid mit Perlen
Roman
Aus dem kanadischen Englisch von Brigitte Jakobeit
Wagenbach Verlag Berlin 2019
192 Seiten, 22 Euro

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