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Buchkritik | Beitrag vom 20.09.2021

Heinrich August Winkler: "Deutungskämpfe. Der Streit um die Deutsche Geschichte"Worüber Historiker uneins sind

Von Hans von Trotha

Das Cover zeigt einen Militäraufmarsch aus dem 19. Jahrhundert vor einem großen Tor mit Säulen (Deutschlandradio/C.H. Beck Verlag)
Heinrich August Winkler wendet sich als Wissenschaftler und als Staatsbürger ans Publikum: ein wertvoller Beitrag zur Meinungsbildung. (Deutschlandradio/C.H. Beck Verlag)

Warum hat Deutschland als einziges hochindustrialisiertes Land nach 1929 sein demokratisches System aufgegeben? Dieser und anderen Fragen geht der Historiker Heinrich August Winkler in seiner Aufsatzsammlung nach. Mit pointierten und klaren Urteilen.

Sammelbände haben eher einen schweren Stand, erst recht die Zweitverwertung alter Zeitschiften- und Zeitungsartikel oder gar Rezensionen. So gesehen, könnten viele den gerade erschienen Band "Deutungskämpfe" von Heinrich August Winkler mit spitzen Fingern in die Hand nehmen – um dann aber, so sie sich aufs Lesen einlassen, vorgeführt zu bekommen, dass gerade ein solches Buch seinen eigenen Reiz entfalten und überraschende Erkenntnis bereithalten kann – erst recht, wenn der Autor einer der profiliertesten deutschen Historiker ist.  

Wie war das nochmals mit dem Sonderweg?

In Blöcke thematisch sortiert (Deutschland vor 1918, Zwischen den Weltkriegen, Das geteilte Deutschland, Nach dem Mauerfall – die Zeit nach der Einigung folgt in einem separaten Band), behandelt Winkler in ganz unterschiedlichen historischen Situationen diverse Deutungskämpfe um die deutsche Geschichte.

Der älteste Text stammt von 1963, einige Debatten tauchen immer wieder auf, etwa der deutsche Nationalismus, Hitlers Aufstieg und die allenthalben neu ventilierte These vom Deutschen Sonderweg, also die Frage, warum Deutschland als einziges hochindustrialisiertes Land nach 1929 sein demokratisches System aufgegeben hat. Der abschließende Text von 2021 widmet sich dieser Frage noch einmal, Motto "Totgesagte leben länger".

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Überhaupt erweist sich das publizistische Unterfangen gerade jetzt als besonders hilfreich, da ganz aktuell ein neuer Deutungskampf um das deutsche Kaiserreich und dessen Erbe entbrannt ist, nicht zuletzt anhand der Projektionsfläche der Berliner Schloss-Fassade, der Kolonialismus-Debatte und der Restitutionsansprüche der Hohenzollern.

Auch zu der in diesem Zusammenhang diskutierten Frage, ob der letzte deutsche Kronprinz dem Nationalsozialismus Vorschub geleistet habe, nimmt Winkler in wünschenswerter Deutlichkeit Stellung: "Die Antwort lautet Ja."

Vom Historikerstreit zum "Clark-Effekt"

Auch sonst kann man sich auf dezidierte Urteile ("Einer quellenkritischen Überprüfung halten beide 'Theorien' nicht stand") und pointierte Formulierungen ("inhaltlich eine Fohlenkoppel, formal eine Kadettenanstalt") freuen, und man kann einem Historiker bei der Arbeit zusehen.

Einige der wichtigsten historischen Debatten der Bundesrepublik werden lebendig: Fritz Fischers These von der deutschen Schuld am ersten Weltkrieg (zuerst formuliert auf dem Historiker-Tag in Berlin 1964, über den Winkler berichtete), der Historikerstreit, den Ernst Nolte 1986 auslöste, aber auch die Erinnerung an linke Uni-Gruppen 1971 ("zu viele rote Lehrkörperchen") oder der von Winkler so genannte "Clark-Effekt" – die deutsche Rezeption von Christopher Clarks "Die Schlafwandler" 2012 ("Und erlöse uns von der Kriegsschuld") und eine – aktuelle – Forderung wie: "Es ist Zeit für eine Selbstrevision der Revisionisten".

Zusammen mit dem auf kritischem Quellenstudium beharrenden Wissenschaftler bemüht sich dabei immer auch der engagierte demokratische Staatsbürger Heinrich August Winkler darum, uns zu überzeugen. Man muss ihm nicht immer folgen – aber die Lektüre hilft ungemein dabei, sich eine eigene Meinung zu bilden.

Heinrich August Winkler: "Deutungskämpfe. Der Streit um die Deutsche Geschichte"
C.H. Beck, München 2021
278 Seiten, 26 Euro

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