Commodore 64

Die digitale Steinaxt wird 40

04:46 Minuten
Jugendliche probieren im Mai 1985 einen Commodore 64 in einem Nürnberger Kaufhaus aus
Der wegen seiner rundlichen Form auch liebevoll Brotkasten genannte Commodore C64 gilt als der meistverkaufte Homecomputer weltweit. © picture-alliance / dpa / Karl Staedele
Eine Laudatio von Peter Glaser · 21.01.2022
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Einst waren Computer wohnzimmergroße Apparaturen - bis Heimcomputer Anfang der 80er eine Revolution auslösten. Wer dabei war, schwelgt in Erinnerungen. So wie der Schriftsteller Peter Glaser in seiner Laudatio zum 40. Jubiläum.
Als er vor 40 Jahren auf den Markt kam, wurde er für viele Kids der Einstieg ins Computerzeitalter: der Commodore 64. Die Bezeichnung Heimcomputer signalisierte, dass die bis vor kurzem noch wandfüllenden Geräte nun dank Miniaturisierung auf jedem Küchentisch Platz fanden. Die verwegene Idee, dass nun jeder Mensch einen Computer haben sollte, löste eine Weltrevolution aus.

Ähnlich kühn wie Slime - der grüne Schleim

In ihrer Kühnheit erinnert sie mich an ein ebenfalls enorm erfolgreiches Produkt aus jener Zeit: Slime. Jemand muss irgendwann zu jemand anderem gesagt haben: „Lass uns ekligen, grünen Schleim in kleine Plastikmülltonnen füllen und damit reich werden!“
In einem ähnlich genialischen Moment muss jemand zu jemand anderem gesagt haben: “Lass uns kleine Maschinen, mit denen man feindliche Funksprüche entschlüsseln und die Personaldaten von Großunternehmen verwalten kann, für jeden verfügbar machen!“ Das in etwa waren die Aufgaben, für die Computer bis dahin eingesetzt worden waren.

Spiele als Verkaufsargument

Jack Tramiel, dem Chef von Commodore, war klar, dass es ein überzeugendes Verkaufsargument brauchte - und das waren Spiele. Telespiele waren ein Kassenschlager, und nun wurden Eltern in ihrem antiquierten Analogsein vom Nachwuchs darüber informiert, dass man mit einem Homecomputer auch viel für die Schule machen könne, hüstel, Rechnen, Datenbanken, usw.

Der C64 war ein derartiger Verkaufserfolg, dass die Vorführgeräte in den Spielzeugabteilungen einiger Kaufhäuser auf der Ladentheke festgeschraubt wurden, damit keiner sie mitnehmen konnte. Heute gilt das wegen seiner rundlichen Form auch liebevoll Brotkasten genannte Gerät als der meistverkaufte Homecomputer weltweit.

Gesellschaftsspiel Tabellenkalkulation

Man könne damit, hieß es, sogar Sachen für’s Büro machen ... Ich erinnere mich an einen Tag, an dem ein Freund eine Diskette mit einer Tabellenkalkulation in unsere WG mitbrachte. Keiner von uns wusste, was eine Tabellenkalkulation ist. Es gab Kästchen am Bildschirm, in die man etwas eintragen konnte, manchmal änderte sich dann etwas in einem anderen Kästchen. Für uns war das ein Spiel. Also spielten wir einen Abend lang Tabellenkalkulation. Gewonnen hatte, wer weiter neugierig blieb; wer keine Lust mehr hatte, der hatte verloren.

Der C64 wurde an den Fernsehbildschirm angeschlossen, und es waren nicht nur die Spiele, die uns vor der Flimmerkiste festhielten, bis die Augen tränten. Die C64-Generation war mit dem Fernseher als einem Gerät aufgewachsen, an dem man nicht viel mehr als Lautstärke, Helligkeit und einen Sender einstellen konnte. Nun war da ein kleines Gerät, mit dem man in das Vakuum der Bildröhre eindringen und, neben den mächtigen Sendeanstalten, nunmehr sein eigenes Programm auf den Bildschirm bringen konnte. Der Computer machte autonom.

Programmierer schufen kleine Meisterwerke

Mit einem heutigen Rechner verglichen, entsprechen die Leistungsdaten des C64 einer digitalen Steinaxt. Das blockige Bild bestand aus 320 mal 200 Punkten bei maximal 16 Farben. Die Rechengeschwindigkeit betrug 1 Megahertz - heutige PCs kalkulieren meist drei- bis viertausend Mal schneller. Auf Disketten hatten 175 Kilobyte pro Seite Platz. Man bräuchte etwa zehn C64 Disketten, um auch nur ein einziges mit einem modernen Smartphone aufgenommenes Foto darauf zu speichern.

Aber der Mangel gebiert Großes. Betriebssystem des C64 war die Programmiersprache BASIC, und Tausende kleiner Programmierer legten los und schufen Meisterwerke an Findigkeit und Effizienz. Nicht nur virtuose Spiele, die in die 38.911 Bytes an Arbeitsspeicher gequetscht wurden, sondern beispielsweise auch ein begnadetes Stück Code, das die Diskettenstation dazu veranlasste, mit dem Rattern des Schrittmotors für den Schreib-Lese-Kopf und dem modulierten Summen des Zeilentrafos den Radetzkymarsch zu spielen.

Jeder hatte nun mit seinem C64 eine Art Enterprise-Kommandobrücke vor sich. Und auf ging’s in die digitale Zukunft!

Peter Glaser ist Ehrenmitglied des Chaos Computer Clubs, Bachmann-Preisträger und begleitet seit vier Jahrzehnten die Entwicklung der digitalen Welt. Er selbst schreibt über sich: „1957 als Bleistift in Graz geboren. Lebt als Schreibprogramm in Berlin.“ Er twittert als @peterglaser.

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