Computerfreaks in der DDR

    Ein Commodore 64 kostete ein halbes Jahresgehalt

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    Ein alter DDR-Computer Marke Eigenbau mit einem kleinen Fernseher als Monitor.
    Computerfreaks aus der DDR bauten sich ihre Rechner oft selbst zusammen - auch weil Computer aus dem Westen selbst gebraucht kaum zu bezahlen waren. © imago images / Sabine Gudath
    Von Katja Hanke · 01.07.2021
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    Auch in der DDR entwickelte sich in den 1980er-Jahren eine Subkultur von Computerfreaks und -bastlern. Einer von ihnen ist Stefan Paubel. 1986 gründete er in Ost-Berlin einen Computerclub - mit zwei Rechnern.
    Stefan Paubel, ein munterer Mann von Ende Sechzig, steht vor einem Regal im Arbeitszimmer seiner Wohnung in Berlin-Weißensee, darin ein uralter Bildschirm, mehrere Tastaturen und Joysticks. In den Händen hält er einen kleinen schwarzen Kasten, den Sinclair ZX 81. "Heute würde man denken, dass das ein Taschenrechner ist", sagt er.
    Ende 1984 hat er den einem Freund abgekauft, sagt er. Völlig unwissend, was auf ihn zukomme. Denn bis dahin hatte der Berliner nichts über Computer gewusst.
    "Ich habe das Ding angemacht und die ersten kleinen Programme eingetippt und dann war es passiert. Das mich sofort gefesselt und ich habe mich richtig intensiv damit beschäftigt", erinnert er sich. "Der Unterschied zu heute ist ja, wenn man die alten Dinger angemacht hat, blinkte da ein Cursor und das war's. Das war aber eigentlich auch die Herausforderung."

    Auch in der DDR gab es Computerfreaks

    Wie Stefan Paubel sind in den 1970er- und 80er-Jahren viele der neuen Technik verfallen. Aber Paubel lebte in Ost-Berlin. Auch dort war er mit seiner Begeisterung nicht allein und bald Teil einer aktiven Subkultur.
    Die Historikerin Julia Erdogan sieht ihn sogar als Teil einer Hackerkultur in der DDR, die sie in einem Buch beschrieben hat. Hacker habe es auch da gegeben, sagt Erdogan. Das heutige Verständnis von Hackern hält sie für sehr verengt:
    "In der Auseinandersetzung ist mir aufgefallen, dass der Hackerbegriff viel weiter ist und in den 50er-Jahren schon da ist. Damals hatte er noch nichtmal etwas mit Computern zu tun hatte, sondern mit Modelleisenbahnbauen."
    Am MIT, dem Massachusetts Institute of Technology, tauchte der Begriff erstmals auf. Technikbegeisterte Bastler des Modelleisenbahnclubs nannten eine kreative Lösung für ein Problem einen "Hack".
    "Sie haben gesagt: Jemand, der allgemein kreativ um die Ecke denkt, sich nicht unbedingt an Normen hält, das ist ein Hacker und das wurde dann mit den Computern verbunden, weil die das Gleiche mit dieser Technologie gemacht haben."
    Das war Ende der 1950er-Jahre. Technikaffine Studierende des MIT schlichen sich nachts zu den dortigen Großrechnern, die sie eigentlich nicht bedienen durften – und nannten allein das einen "Hack". Sie schrieben eigene kleine Programme – anfangs noch auf Lockkarten. Sie waren Hacker, lange bevor es Datennetze gab. Doch auch später, sagt Julia Erdogan, als es in den 1980er-Jahren schon Netze gab, "hat es aber auch nie aufgehört, dass sie Bastler sind, dass sie löten, dass sie programmieren, dass sie auch offline sehr viele kreative technische Lösungen finden. Und lange Zeit galt auch in der Bundesrepublik der Hacker einfach nur als ein exzessiver Programmierer."

    Es fehlte an Ersatzteilen

    Vieles davon traf nach Untersuchungen der Historikerin auch auf die Computerbegeisterten in der DDR zu. Auch sie wollten herausfinden, was die Maschinen alles können, sie haben programmiert und an der Hardware gebastelt – das sogar mehr als in Westdeutschland, da es keine Ersatzteile gab. Auch Stefan Paubel wollte wissen, was mit den Heimcomputern alles möglich ist und brauchte einen besseren.
    "Und dann ging's weiter mit dem hier, ich war richtig scharf drauf, dass es endlich eine richtige Tastatur hat, das ist eine C20-Tastatur, wunderschön."
    Er zeigt eine beige, klobige Tastatur, ungefähr zehn Zentimeter dick. Das war der ganze Rechner. So sah auch der legendäre Commodore 64 aus, den es in der DDR nur gebraucht zu kaufen gab. Vier- bis sechstausend DDR-Mark habe einer gekostet, erinnert sich Paubel – etwa der Lohn eines halben Jahres. Der Berliner steckte all sein Geld in Computer. Der C64 hatte es ihm ganz besonders angetan.
    "Dann ging es los, dass man sich auch Programme auf Kassette besorgt hat, und so entstand die Idee mit dem Computerclub. Man brauchte Leute zum Austausch. Alleine rummachen war sowieso nicht mein Ding."

    Mit zwei Rechner den ersten Computerclub gegründet

    Paubel arbeitete damals in einem Kulturhaus. Veranstaltungen zu organisieren, war sein Job. Schließlich gründete er im Januar 1986 den ersten Computerclub mit zwei Rechnern. Das Interesse war groß: Bis zu fünfzig Leute kamen von Anfang an. Es gab Vorträge, es wurde gefachsimpelt, das eine oder andere an den Rechnern ausprobiert und Zeitschriften, Programme und Spiele getauscht. Das alles zählt für Historikerin Julia Erdogan zur Hackerkultur.
    "Dieses Gemeinschaftliche, das man von Hackern natürlich auch stark kennt, durch die Free and Open Source Software-Bewegung zum Beispiel. Dieses: Man teilt Wissen. Wissen ist nichts, was man für sich behält. Das ist der Allgemeinheit zur Verfügung zu stellen. Auch das trifft auf die DDR-Hacker total zu."
    Überhaupt haben die ähnlichen Werte die Historikerin überrascht. Etwa, dass es im Chaos Computer Club genau wie im Club von Stefan Paubel verpönt war, sich am Wissen oder an kopierten Produkten zu bereichern.

    Gut gerüstet für die Zeit nach der Wende

    Der Berliner ist nicht ganz überzeugt, dass der Begriff "Hackerkultur" für die DDR passt. Den Ansatz der Forscherin hält er aber für interessant, sagt er. Und erinnert sich, wie er zum ersten Mal Vertreter des westdeutschen Chaos Computer Clubs traf.
    "In was für einer ganz anderen Welt die lebten! Mich interessiert Computergrafik und das war denen alles völlig egal. Für die war wichtiger: Wie komme ich jetzt ins Netz, wo kann ich da, Sparkasse oder Bildschirmtext. Bildschirmtext gab es ja auch nicht in der DDR. Man kam ja auch nicht auf die Idee, weil das Medium gar nicht vorhanden war. Sie waren aber sehr offen und die Ideen, die sie hatten, fand ich gut."
    In seinen Computerclub kamen nach der Wende immer weniger Leute. Viele konnten sich nun selbst einen Rechner kaufen. In einem ist sich Stefan Paubel sicher: Seine Computerbegeisterung habe ihn bestens für die neue Zeit gerüstet – genauso wie all die anderen aus dieser Subkultur in der DDR.
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