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Lesart / Archiv | Beitrag vom 12.10.2008

Heilmittel gegen Ostalgie

Peter Pragal: "Der geduldete Klassenfeind“

Rezensiert von Joachim Jauer

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Der Trabi als DDR-Auto (AP)
Der Trabi als DDR-Auto (AP)

Der Journalist Peter Pragal erzählt aus einem geradezu exotischen Alltag in Ost-Berlin während der deutschen Teilung. Seine Berichte sind für ehemalige DDR-Bürger ein wirksames Heilmittel gegen schmerzhafte Ostalgie. Dabei bleibt Pragal fair, er ist alles andere als ein "Besserwessi".

Als westdeutscher Korrespondent aus der DDR zu berichten, das war mehr als ein spannendes journalistisches Abenteuer. Der Berichterstatter aus dem Westen galt dem Spitzelstaat DDR als Kundschafter des Klassenfeinds. Und er war, wie der Titel des Buchs von Peter Pragal präzise formuliert, ein nur "geduldeter Klassenfeind".

Im deutsch-deutschen Grundlagenvertrag hatte Bonn mit Ost-Berlin 1972 auch einen Journalistenaustausch vereinbart. Niemand weiß, wie oft es die Herren des SED-Politbüros bereut haben, dieser Klausel im Vertrag zugestimmt zu haben, also West-Korrespondenten zu akkreditieren. Denn die 20 Journalisten von Presse, Rundfunk und Fernsehen berichteten aus der DDR für die Bundesrepublik, aber ihre Reportagen und Analysen flossen per Radio oder Fernsehen auch in die DDR zurück. Die staatlich kontrollierten und vom SED-Zentralkomitee einheitlich angeleiteten DDR-Medien hatten plötzlich Konkurrenz, Pluralismus statt Parteilichkeit.

Cover: "Peter Pragal: Der geduldete Klassenfeind" (Osburg Verlag)Cover: "Peter Pragal: Der geduldete Klassenfeind" (Osburg Verlag)Anfang 1974 zog Peter Pragal mit seiner Frau Karin und zwei kleinen Kindern, Markus und Katharina, für die "Süddeutsche Zeitung" nach Ost-Berlin. Er war der erste westdeutsche Korrespondent, der seinen Wohnsitz von der Bundesrepublik ausschließlich in die DDR verlegte, von München nach Ost-Berlin, Bezirk Lichtenberg, in einen Plattenbau der Ho-Chi-Minh-Strasse. Sohn Markus wurde trotz erheblicher Bedenken der Behörden in Ost-Berlin eingeschult.

Funktionäre vermuteten, Pragal wolle damit die Überlegenheit des DDR-Bildungssystems anerkennen. Andere fürchteten, er wolle durch seinen ABC-Schützen das kleine Einmaleins der sozialistischen Schule ausspionieren. So tauchte die Familie, die von den SED-Behörden als ausländisch betrachtet wurde, tief in den Alltag der DDR ein. Peter Pragal erinnert sich:

"Am Anfang war auf beiden Seiten eine gewisse Unsicherheit. Man musste sich erst aufeinander einstellen. Das war für beide Neuland, ein Experiment und es gab Zurückhaltung aber auch Aufgeschlossenheit. Erst durch die politische Entwicklung zwischen den beiden deutschen Staaten mit all den Krächen, die wir in der Vergangenheit gehabt haben, kam mehr Misstrauen und bekamen wir zu spüren, das wir doch eben als die Vertreter des Klassenfeindes behandelt und beobachtet werden."

Natürlich stand der "geduldete Klassenfeind" Peter Pragal mit seiner Ehefrau Karin unter Dauerbeobachtung der Staatssicherheit. Er erhielt als Korrespondent der "Süddeutschen Zeitung" den einfallsreichen Decknamen "Starnberg", seine Frau, die sich durchaus mit der Sturheit von DDR-Behörden – zuweilen erfolgreich – anzulegen wusste, bekam den boshaften Namen "Kobra".

Karin Pragal musste sich in einem Ost-Berliner Krankenhaus die Mandeln herausnehmen lassen. Der Chirurg war ein gebürtiger Bayer. Frau Pragal versprach, ihm zum Dank täglich in der Klinik die "Süddeutsche Zeitung" zu schenken.

"Sie hatte mit ihm verabredet, dass er sich seine ‚Lieblingszeitung’, wie er sich ausdrückte, abholen durfte. Beim ersten Besuch kam er ins Zimmer und blieb wie angewurzelt stehen. Die Patientin im Nachbarbett war seine OP-Schwester aus der chirurgischen Abteilung."

Die Kollegin als Stasi-Spitzel.

"Ich hätte in diesem Augenblick heulen mögen, hat mir später meine Frau gesagt. Was ist das für ein Staat, der seine Bürger in eine solche demütigende Lage brachte. Der Arzt entschied sich dafür, Farbe zu bekennen. Er begrüßte meine Frau, machte die Patientinnen miteinander bekannt und nahm die Zeitung mit."

Den geradezu exotischen Alltag in Ost-Berlin-Lichtenberg erzählt Pragal lebendig. Seine Berichte sind für ehemalige DDR-Bürger ein wirksames Heilmittel gegen schmerzhafte Ostalgie, für Leser aus dem alten Westen Informationen aus einer untergegangenen Welt.

Dabei bleibt Pragal fair, er ist alles andere als ein "Besserwessi". Als Korrespondent der "Süddeutschen Zeitung" – später wechselte er zur Hamburger Illustrierten "Stern" – hatte Pragal es schwerer als seine Kollegen von Funk und vor allem Fernsehen, im Osten wahrgenommen zu werden, aber unvergleichlich leichter, nach Maos Rezept wie ein Fisch im Wasser zu schwimmen.

Während wir Korrespondenten von ZDF und ARD nirgendwo unerkannt recherchieren konnten, weil wir durch regelmäßige Kommentare in "heute" oder "Tagesschau" republikweit bekannt waren und außerdem bei unserer Arbeit stets von einem Kamerateam begleitet waren, konnte Pragal meist unerkannt den Alltag der DDR beobachten. So schildert der Zeitungskorrespondent, was dem Fernsehmann nie gelungen wäre, eine witzige Episode in einer Ost-Berliner Sauna.

"Da saßen immer die gleichen Leute, die sich dann an uns gewöhnt hatten, an die Gesichter, und wir gehörten einfach dazu. Und dann habe ich mal genauer hingeschaut und sah, dass sie alle einen Einheitshaarschnitt hatten, die normalerweise bewaffnete Organe trugen, also Stasi, VoPo oder was weiß ich, Armee, und was die so erzählten, war natürlich hoch interessant. Und das waren Dinge, die standen nicht im Neuen Deutschland oder in anderen Zeitungen und sie ahnten ja auch nicht, dass da der Klassenfeind nackt unter ihnen sitzt."

Peter Pragals Buch erhebt sicher nicht den Anspruch, akademische Geschichtsschreibung zu sein. Doch die Geschichte und die Geschichten, die er erzählt, sind vor allem für die Generation, die ohne Mauer aufwuchs, zu empfehlen. Eine Zeittafel hätte dem Band gut getan.

Pragal hat, wie die meisten seiner Korrespondentenkollegen auch, das SED-Regime deutlich analysiert und scharf kritisiert, die Menschen jedoch, die in dieser Diktatur lebten, mit seinen Berichten solidarisch begleitet. Sein Buch liest sich wie ein Fremdenführer durch ein Land, das vor bald 20 Jahren untergegangen ist.


Peter Pragal: Der geduldete Klassenfeind
Osburg Verlag, Berlin 2008

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