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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 24.09.2011

Heillose historische Verstrickung

Heinrich August Winkler: "Geschichte des Westens. Die Zeit der Weltkriege 1914-1945", C. H. Beck Verlag, München 2011, 1350 Seiten

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Europa liegt 1945 in Trümmern - nicht nur materiell, sondern auch ideell. (AP Archiv)
Europa liegt 1945 in Trümmern - nicht nur materiell, sondern auch ideell. (AP Archiv)

Im zweiten Teil seiner "Geschichte des Westens" stellt der Historiker Heinrich August Winkler detailreich die gewalttätigste Epoche der jüngeren Historie der westlichen Welt dar. Mit einem klaren roten Faden analysiert er die Zeit der beiden Weltkriege – bis zur Trümmerlandschaft 1945.

Der Westen ist das große Thema des Historikers Heinrich August Winkler. Im Jahr 2000 veröffentlichte Winkler eine zweibändige deutsche Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts unter dem Titel "Der lange Weg nach Westen". Winkler wurde damit weit über die Fachkreise hinaus bekannt, denn das Buch traf einen Nerv der Zeit: Nach Mauerfall und Wiedervereinigung beschrieb Winkler, wie nach Irrungen und Wirrungen die deutsche Geschichte ein gutes Ende nahm, mit der Ankunft im Westen.

Was aber ist der Westen? Zu Zeiten des Ost-West-Konflikts konnte man einfach auf die NATO verweisen, die nordatlantische Verteidigungsgemeinschaft, die dem Ostblock militärisch und ideologisch Paroli bot. Nach 1989 ist die Lage politisch und geografisch unübersichtlicher geworden, die westliche Vorherrschaft wankt, und Winkler versucht nun, historisch zu erfassen, was denn eigentlich der Westen sei: Vor 2 Jahren veröffentlichte er den ersten Band einer "Geschichte des Westens": 1300 Seiten über mehr als zwei Jahrtausende bis ins frühe 20. Jahrhundert.

Und nun erneut 1300 Seiten über lediglich drei Jahrzehnte - die Zeit von 1914 bis 1945, die Winston Churchill und Charles de Gaulle als zweiten Dreißigjährigen Krieg bezeichnet haben. Keine Frage: Man muss mehr als ein oberflächliches Interesse an der Geschichte haben, um in eine so umfassende und detailreiche Darstellung einzusteigen.

Nimmt man die Proportionen innerhalb des Bandes, so kann man auf den ersten Blick erkennen, worum es Winkler nicht geht: die Kriegsgeschichte. Das militärische Geschehen des Ersten und Zweiten Weltkrieges handelt er knapp ab, denn Winkler konzentriert sich auf die politische Geschichte, mit kleinen Exkursen über kulturelle und gesellschaftliche Entwicklungen. Deutschland gilt naturgemäß die größte Aufmerksamkeit, schließlich kommt keine Geschichte dieser Zeit an der Frage vorbei, wie es in einem entwickelten Land, das, so Winkler, kulturell zum Westen gehörte, zum Zivilisationsbruch des industriell organisierten Massenmordes kommen konnte. Winkler beschreibt detailliert die Entwicklung, die in den Abgrund führte, aber eher knapp das mörderische Geschehen selbst. Entscheidend ist für ihn nicht nur die Mitwirkung "subalterner Befehlsempfänger", sondern auch die der Eliten. Lakonisch merkt er an, einen "Befehlsnotstand" bei der Judenvernichtung habe es nicht gegeben. Der soziale Druck der Kameradschaft sei stärker gewesen als das eigene Gewissen.

Trotz aller unvermeidlichen Aufmerksamkeit auf Deutschland ist jedoch etwas anderes entscheidend für die Qualität dieses Buches. Winkler verfolgt sehr genau und sehr kundig die Entwicklungen in allen Ländern Europas, in der Sowjetunion, in den USA. Und man realisiert erstaunlich viele Parallelen in der europäisch-nordamerikanischen Geschichte zwischen den beiden Weltkriegen. Ein politisch-kultureller Raum wird erkennbar, der - bei allen Unterschieden - miteinander verzahnt ist, vielleicht muss man für diese Zeit sogar sagen: heillos ineinander verstrickt.

Winkler entwirft ein großes Panorama der westlichen Welt in der gewalttätigsten Epoche unserer jüngeren Geschichte: Er versteht es meisterhaft, die Entwicklungen in den verschiedenen Ländern miteinander zu verbinden. Weltgeschichten laufen Gefahr, dass sie eher lexikalisch aufgebaut sind. Winkler gelingt es, eine zusammenhängende "Geschichte des Westens" zu schreiben – und das hat noch einen zweiten Grund: Es gibt einen klaren roten Faden. Für Winkler ist der Westen im Kern nicht eine Region auf dem Globus, sondern das Streben nach Freiheit, Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Selbstbestimmung. Deshalb ist eines der großen Themen seines Buches das Scheitern der Nachkriegsordnung von 1919. Die USA rücken Demokratie und das Selbstbestimmungsrecht der Völker auf die Tagesordnung der Weltpolitik – aber fast alle jungen Nachkriegsdemokratien scheitern. Das ist die bittere Bilanz der Zwischenkriegszeit, die in die Katastrophe des Zweiten Weltkrieges mündet. Der Westen ist 1945 eine Trümmerlandschaft – materiell, scheinbar auch ideell.

Besprochen von Winfried Sträter

Heinrich August Winkler: Geschichte des Westens. Die Zeit der Weltkriege 1914-1945
C. H. Beck Verlag, München 2011
1350 Seiten, 38,00 Euro

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