Heike Specht: "Nicht mit uns!"
© Piper Verlag
Fortschritt mit Rückwärtsgang

Heike Specht
„Nicht mit uns!“Piper Verlag, München 2026336 Seiten
24,00 Euro
Frauen erkämpfen sich Rechte, gestalten gesellschaftliche Umbrüche mit – und werden anschließend wieder aus den Machtzentren gedrängt. Dieses Muster zieht sich durch 3000 Jahre Geschichte, zeigt die Historikerin Heike Specht in ihrem Buch.
Marie Dentière predigte im 16. Jahrhundert offen auf den Straßen Genfs und forderte für Frauen das Recht, die Bibel auszulegen, zu publizieren und sogar als Pfarrerinnen tätig zu sein. Als sich die Reformation institutionalisierte, brachte man sie zum Schweigen und vernichtete ihre Bücher. 100 Jahre lang wurde in Genf keine weibliche Stimme mehr gedruckt.
Fünf historische Lektionen
In ihrem neuen Buch "Nicht mit uns! Wie Frauen Geschichte schrieben und wieder ausradiert wurden" verfolgt Heike Specht in fünf historischen Lektionen über rund 3.000 Jahre, wie Frauen gesellschaftliche Umbrüche mitgestalteten – und anschließend ihre neu gewonnenen Freiheiten wieder verloren. Ihr Bogen reicht von den frühen monotheistischen Religionen über Reformation, Französische Revolution und Weimarer Republik bis zur iranischen Revolution von 1979.
Wiederkehrende Muster
Dabei beschreibt die Historikerin ein wiederkehrendes Muster: In Zeiten des Aufbruchs kämpfen Frauen mit und erobern neue Freiräume. Sobald sich die Verhältnisse festigen und Macht verteilt wird, setzt ein "patriarchaler Reflex" ein. Luthers Idee von der "Priesterschaft aller Gläubigen" ließ Frauen hoffen, selbst die Bibel auslegen und religiöse Autorität beanspruchen zu können. Doch die protestantischen Kirchen blieben männlich geführt und ihre Leiter verwiesen Frauen auf Ehe, Mutterschaft und die Rolle der Pfarrfrau.
Ähnlich erging es Frauen während der Französischen Revolution. Pariser Marktfrauen marschierten 1789 nach Versailles, Frauen engagierten sich in politischen Clubs, Olympe de Gouges verlangte, die proklamierten Menschenrechte tatsächlich universell zu verstehen. Wenige Jahre später verboten Männer in Führungspositionen die Frauenclubs und drängten ihre Konkurrentinnen aus dem politischen Leben. Die Revolution hatte Gleichheit versprochen – doch die Gleichheit der Geschlechter realisierte sie nicht.
Anschauliche Szenen
All das erzählt Heike Specht lebendig und zugänglich, holt mit anschaulichen Szenen und überraschenden Details ihre Protagonistinnen aus der Distanz der Jahrhunderte. Seine Dringlichkeit bezieht das Buch aus der Gegenwart: Donald Trumps zweite Präsidentschaft, rechte Parteien in Europa, die antifeministische "Manosphere", Tech-Milliardäre, die nach mehr "maskuliner Energie" rufen, und die Entrechtung von Frauen im Iran und in Afghanistan.
Vor dem Hintergrund dieses massiven Backlashs leitet die Autorin aus den historischen Erfahrungen konkrete Lehren für heute ab: Frauen sollen sich vernetzen, selbst in Machtzentren streben und sich niemals auf später vertrösten lassen, wenn es darum geht, ihre Rechte gesetzlich festzuschreiben. Nötig seien dabei breite Bündnisse, auch mit Männern und Frauen unterschiedlicher politischer Ansichten.
Eindringliche Botschaft
Heike Specht schreibt engagiert und scheut vor Zuspitzungen nicht zurück. Deutlich nimmt sie Partei, ohne dass die historische Substanz verloren ginge. Die vielen hautnah erzählten Geschichten von Frauen, die sich Freiheiten erkämpft und wieder verloren haben, führen zu einer beunruhigenden Erkenntnis: Fortschritte bei der Gleichberechtigung der Geschlechter sind stets fragil – das ist die eindringliche Botschaft dieses Buches.















