Hansjörg Küster: "Flora"

Ein Leben ohne Pflanzen ist undenkbar

06:33 Minuten
Das Buchcover "Flora" von Hansjörg Küster zeigt mehrere Pflanzen.
© C.H.Beck

Hansjörg Küster

Flora. Die ganze Welt der PflanzenC.H. Beck, München 2022

224 Seiten

22 Euro

Von Mandy Schielke · 14.05.2022
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Die Hinwendung zur Natur als Fluchtpunkt aus dem Alltag ist in Mode gekommen. Hansjörg Küster, Professor für Pflanzenökonomie, geht es in seinem Buch "Flora" jedoch ganz grundsätzlich um das Wesen der Pflanze als Grundlage allen Lebens überhaupt.
Ohne Pflanzen geht mit Blick aufs Leben, also auf alles, gar nichts. So die Kernbotschaft, an die Hansjörg Küster mit seiner Würdigung erinnern will. Allein sie, die Pflanzen schaffen, vermehren organische Substanzen. Ihr Wachstum ist dabei ein passiver, willenloser Vorgang, hat nichts Aktives.
Diese Idee von Passivität, Willenlosigkeit von Pflanzen ist für Hansjörg Küster ein entscheidendes Wesensmerkmal pflanzlichen Lebens, dass es von tierischem Leben unterscheidet.

Ein eigener Wille ist gar keine Kategorie, der für die Entwicklung einer Pflanze notwendig wäre. Ein Wille ist überhaupt nichts unbedingt Lebensnotwendiges. Einen Willen zu haben, eine Absicht aber auch Schmerzen empfinden zu können, all das ist kein notwendiges Kriterium, um das zu beschreiben, was Leben auszeichnet. Pflanzliches Dasein und auch das Leben der Tiere, ja selbst unser eigenes Leben ist viel stärker passiv als wir denken.

Hansjörg Küster

Das beobachtet, beschreibt und erklärt Hansjörg Küster ausführlich. Es ist dabei keineswegs weniger komplex oder gar weniger interessant. Mit der vermeintlichen Hierarchie "Tiere oben, Pflanzen unten" will er aufräumen.

Irreführende Begriffe

Küster macht deutlich, dass es unter anderem die Begriffe in Lehrbüchern sind, die mit Blick auf das Wesen von Pflanzen eigentlich in die Irre führen: wenn etwa von Zellwänden die Rede ist, die mit der Eigenschaft einer Wand eigentlich gar nichts zu tun haben oder wenn Begriffe aus der Humanmedizin für Pflanzen verwendet werden, wie beispielsweise "Adern", wenn es um Blattwerk geht.
"Denn zum einen haben weder Adern noch Gefäße der Pflanzen etwas mit einem Behälter oder Container zu tun, in dem man etwas transportiert. Und zum zweiten funktionieren Adern und pflanzliche Leitbahnen völlig anders. In beiden Bahnen werden Stoffe transportiert, aber bei Tieren braucht man dazu beispielsweise ein Herz als Pumpe, während bei den Pflanzen diese Funktion unter anderem die Osmose und Kapillarkräfte übernehmen.“
Und noch ein Grundsatz, der immer wieder erwähnt und aus unterschiedlichen Perspektiven erläutert wird: Ein Leben ohne Tiere und Menschen auf der Erde ist möglich, ein Leben ohne Pflanzen hingegen ist undenkbar. Nur Pflanzen können Fotosynthese betreiben und aus Wasser und CO2 Sauerstoff produzieren.

Fachkundig, aber nicht unterhaltsam

Hansjörg Küster schlägt den großen Bogen und führt sein Lesepublikum auf eine Reise zu den Anfängen der Pflanzen. Er nimmt sich viel Zeit, alle Bestandteile (Wurzel, Spross, Blätter, Blüte) fachkundig und mit mitunter vielen Fachbegriffen zu beschreiben. "Flora – die ganze Welt der Pflanzen" ist keine Unterhaltung für einen langen Sonntagnachmittag unterm Apfelbaum.

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In großen Teilen ist es eher ein Nachschlagewerk mit bemerkenswerten Details aus der Pflanzenwelt, die mich jedenfalls am Ball hielten: Wie merkwürdig etwa die Samenverbreitung des Mangrovenbaumes ist, dass die Erdbeere biologisch gesehen gar keine Beere ist und dass es Samen auf der Welt gibt, die 22 Kilogramm schwer sein können. Eine Ansammlung üppiger Beschreibungen oder gar gestalterischer Tipps darf man jedoch nicht erwarten. Auf Seite 61 heißt es etwa:
"Auf den letzten Seiten wurde dargestellt, wie eine typische Landpflanze entstanden sein könnte. Wird in diesem Buch nun endlich die Rede sein von üppigen botanischen Gärten, Pflanzensammlungen und einer Blütenfülle? Da muss ich noch ein wenig mehr um Geduld bitten.“

Pflanzen pflegen oder sich selbst überlassen?

Erst im letzten Drittel des Buches kommt der vergleichsweise entspannte, eher genussvolle Teil des Buchs – wenn alle Grundlagen und Fachbegriffe eingeführt und hinlänglich erklärt sind. Dann geht es auch um die Jahrhunderte alte Frage, ob man Pflanzen lieber sich selbst überlässt oder ob man sie pflegen sollte.
Dabei muss noch erwähnt werden, dass die Idee des Ziergartens überhaupt noch relativ jung ist und lange dem Adel vorbehalten war. Ein Stück Land wurde bestellt oder vom Vieh beansprucht. Die Idee eines Gartens, so wie wir ihn heute verstehen und beschreiben, hätte man als nutzlos empfunden:
"Nach dem Siebenjährigen Krieg 1756-1763 wurde der Englische Garten zum Ideal der Gartengestalter. Er sollte auch von Freiheit und Natürlichkeit zeugen. Dennoch konnte man selbst einen solchen Garten nicht der Natur überlassen, weil er sich dann unkontrolliert entwickelt hätte. Auch im Englischen Landschaftsgarten sind also alle Strukturen genau nach einem einheitlichen Muster gepflegt. Es gab exakt konstruierte Blickachsen zwischen den Bäumen und die Pflanzen mussten so geschnitten und arrangiert sein, dass sie eine genaue aber für den Besucher nicht auf den ersten Blick sichtbare Ordnung aufwiesen."
Ein Ansatz, der viele Hobbygärtner heute noch in Anspannung versetzt und die Sehnsucht nach Ideen für einen pflegeleichten, mühelosen, wilden Garten weckt.
Hansjörg Küster, Professor für Pflanzenökologie, ist übrigens sehr vorsichtig bei der Romantisierung der Wildnis. Er stellt auch die Idee, dass es im Ökosystem so etwas wie ein natürliches Gleichgewicht geben kann, in Frage und landet immer wieder bei der Willenlosigkeit der Pflanze, von der wir Menschen uns etwas abgucken können.
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