Hans Jürgen Böhmer: „Beim nächsten Wald wird alles anders“

Sachlicher Blick auf den Zustand des Waldes

05:54 Minuten
Das Cover von "Beim nächsten Wald wird alles anders. Das Ökosystem verstehen" zeigt ein Foto eines Waldes, darauf in gelber Schrift der Buchtitel und der Autor.
© Hirzel Verlag

Hans Jürgen Böhmer

Beim nächsten Wald wird alles andersHirzel, Stuttgart 2021

208 Seiten

24 Euro

Von Michael Lange · 21.01.2022
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Vielen Wäldern geht es schlecht. Dennoch redet der Ökologe Hans Jürgen Böhmer nicht von einem allgemeinen Waldsterben und kritisiert den "Alarmismus" der 1980er-Jahre. Er plädiert für einen sachlichen Blick auf die Entwicklung der Wälder.
Wenn es nach den Szenarien einiger Untergangspropheten ginge, wäre der Wald längst aus unserer mitteleuropäischen Landschaft verschwunden. Nach Ansicht von Hans Jürgen Böhmer hat der „Alarmismus“ der 1980er dem Wald nicht geholfen. Er plädiert für einen sachlichen Blick auf die Entwicklung der Wälder. Demnach waren Luftschadstoffe nur regional für ihr Dahinsiechen verantwortlich. Stattdessen sorgten Trockenheit und Fehler der Forstwirtschaft für deren schlechten Gesundheitszustand.
Böhmer hat eine Vielzahl von Waldsterbensereignissen weltweit untersucht. Der Schwerpunkt seiner Arbeit liegt im Pazifik, wo er unter anderem Wälder auf Hawaii und auf den Fidschi-Inseln erforscht. Auch dort wurden Wälder großflächig zerstört. Und jedes Mal gab es andere Ursachen. So verdrängen auf Fidschi invasive Palmen ursprüngliche Waldökosysteme. Böhmers Credo lautet daher: Jeder Wald hat seine eigene Geschichte, und die Wissenschaft sollte unvoreingenommen jeden einzelnen Fall untersuchen.  

Zunehmende Trockenheit belastet viele Wälder

Dennoch gibt es eine Bedrohung im Hintergrund, die viele Wälder weltweit betrifft: der Klimawandel. In Mitteleuropa ist es vor allem die zunehmende Trockenheit, die viele Wälder belastet. Wenn Regen fehlt, können insbesondere alte, hohe Bäume ihre Kronen nicht mehr ausreichend mit Wasser versorgen. Folgen mehrere Trockenjahre hintereinander, ist der Wald als Ganzes in Gefahr.
Besonders bedroht sind Baumarten, die an feuchte, kalte Standorte angepasst sind, wie die Fichte. Deshalb wünscht sich Hans Jürgen Böhmer artenreiche Mischwälder. Besser als übliche Monokulturen können sie mit den Belastungen durch den Klimawandel umgehen.

Slow Science statt Rat Race

In den letzten Kapiteln seines Buches wendet sich Böhmer seiner eigenen Zunft zu: der Wissenschaft. Sie leide unter inhaltsarmen Publikationen und massenhaften Schnellschüssen, so der Autor. Junge Forschende konkurrieren um wenige gesicherte Positionen. Die Wissenschaft verliere so ihr Gedächtnis, beklagt Böhmer, weil kaum noch jemand Zeit habe, nicht-englische Schriften aus früheren Zeiten zu lesen.
Böhmer wünscht sich eine „Slow Science“, eine langsame Wissenschaft, die zuerst nachdenkt, bevor sie publiziert.
Hans Jürgen Böhmer schreibt als Vollblutwissenschaftler. Er versucht, Fachwörter zu vermeiden und begründet leicht verständlich seine Position. Aber er ist kein zweiter Peter Wohlleben. Böhmer fehlt die emotionale Sicht auf den Wald, die den Walderklärer Wohlleben auszeichnet. Seine Perspektive ist weniger die eines Waldfreundes als die eines analytischen Wissenschaftlers.  
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