Förster und Autor Peter Wohlleben

    Der Baumfreund

    34:17 Minuten
    Porträt von Peter Wohlleben.
    Förster Peter Wohlleben engagiert sich mit seiner Stiftung für den Schutz der Wälder. © Miriam Wohlleben
    Moderation: Marco Schreyl · 24.09.2021
    Audio herunterladen
    Er ist der bekannteste Förster in Deutschland. Und stürmte mit "Das geheime Leben der Bäume" die Bestsellerlisten. Peter Wohlleben hat sich als Anwalt der Wälder einen Namen gemacht. Jetzt ist sein neues Buch erschienen: "Der lange Atem der Bäume".
    In seinem neuen Buch kritisiert Peter Wohlleben aufs Neue die Zerstörung der Ressource "Wald" durch die konventionelle Forstwirtschaft. Unsere Wälder dürften – zumal in Zeiten des Klimawandels – nicht mehr nur als "Produktionsstätten für Holz" angesehen werden:
    "Die Maximaltemperatur steigt sehr viel stärker an, wenn Wald weg ist. Wald kann sich extrem herunterkühlen, durch Verdunstung von Wasser. Aber wenn wir ihn abholzen oder stark ausdünnen, wie wir es in Deutschland überall getan haben, wird die Temperatur deutlich steigen."
    Intakte Wälder hätten die Kraft, auch mit veränderten Klimabedingungen fertig zu werden. Deshalb sei eine ökologisch wie ökonomisch nachhaltige Waldwirtschaft wichtig. "Die Natur kann sich erholen, wenn man sie nur lässt."

    Die unglaubliche Widerstandsfähigkeit der Wälder

    Wohlleben plädiert für eine Waldgestaltung weg von Plantagenbäumen, hin zu echten Wäldern. Gesunde Bäume verfügten tatsächlich über "einen langen Atem": Schon seit Millionen von Jahren würden sie mit Tricks und Raffinesse auf verschiedene Umweltbedingungen reagieren, in Eiszeiten wie in Dürreperioden.
    "Bäume sind definitiv viel hartnäckiger, als man glauben mag", sagt Förster Wohlleben. Das hinge damit zusammen, dass sie sehr alt werden. "Aber dazu müssen sie sich anpassen können. Und das hat man bisher total unterschätzt. Also wir wissen mittlerweile, dass Bäume sehr lernfähig sind und sich selbst im Alter von tausend Jahren noch umstellen können."

    Kommunikation von Wurzel zu Wurzel

    Eigentlich habe die Forschung die Esoteriker längst überholt, scherzt Wohlleben. Denn schon lange ist bewiesen, dass Bäume untereinander kommunizieren: Sie verständigen sich über elektrische Signale durch ihre Wurzeln mit den Wurzeln der Nachbarn. So werden Informationen weitergeben und so wird gewarnt: vor Insektenbefall, Pilzen, Dürreperioden.
    Peter Wohlleben, der wissenschaftliche Erkenntnisse rund um das "geheime Leben der Bäume" ohne Fachausdrücke, dafür in gut verständlicher Sprache vermittelt, spricht gern von "Freundschaft" unter Bäumen:
    "Bäume sind Individuen, da läuft nicht alles nach einem genetischen Code, sondern da gibt es Partnerschaften, gut funktionierende Partnerschaften und schlecht funktionierende. Besonders gut funktionierende Partnerschaften gehen sogar so weit, dass, wenn ein Baum abgesägt wird, der Stumpf von den Nachbarn über Wurzeln und Verwachsungen noch mit Zuckerlösung ernährt wird, um ihn am Leben zu halten. Man ist also sozusagen auf Gedeih und Verderb miteinander verbunden."

    Konventionelle Försterausbildung: Die Motorsäge muss laufen

    Dass sich sein Berufsleben einmal im Wald abspielen würde, hat Peter Wohlleben seiner Mutter zu verdanken. Sie zeigte ihm eine Annonce, in der die rheinland-pfälzische Forstverwaltung Bewerber für ein internes Studium suchte. Er bewarb sich und wurde genommen: "Ich dachte, Förster, das ist so etwas wie ein Baumhüter, wie ein Ranger, das klingt total idyllisch!"
    Im Studium habe er aber schnell begriffen, dass Förster in erster Linie zu "Baummetzgern" ausgebildet würden: "Das ist ja auch völlig okay für die Holzproduktion, nur mit 'Kümmern' im Sinne von 'Schutz des Waldes' hat es wirklich nur am Rande zu tun."
    Den angehenden Forstbeamten sei eingetrichtert worden, "dass nur ein Wald, wo die Motorsäge läuft, geschützt ist und sich erhalten kann. Und Wälder, wo man keine Bäume absägt, die gehen ein. Das ist natürlich total irre. Aber so sind wir damals rausgekommen."
    Heute würde er einfach nur fragen: "Hey, wie klappt das eigentlich am Amazonas oder in Sibirien oder in den Wäldern Kanadas, die ja sogar Schutzstatus haben? Grade diese wilden Wälder seien doch die besonders Wertvollen.

    Das Ei auf Omas Heizkissen

    Peter Wohlleben war schon als Kind fasziniert von Tieren und Pflanzen und wollte "Naturschützer" werden. Er las viele Sachbücher, auch die berühmten Berichte von Konrad Lorenz, der "mit Gänseküken im Ei geredet hat und als die Küken geschlüpft sind, dachten sie, er wäre ihre Mutter."
    Von dem Experiment inspiriert, besorgte sich der Schüler ein angebrütetes Ei und legte es auf das Heizkissen seiner Oma. Mit Erfolg: Das Küken schlüpfte und erkannte in Peter seine Mutter. "Am Anfang habe ich gedacht: 'Wow! Unglaublich süß! So ein kleines Flaumbällchen, was einem da um die Füße wuselt! Nur, das ist genau der Punkt, das müssen Sie dann 24 Stunden machen, 365 Tage lang…"
    Netterweise, sagt Wohlleben, habe sich nach drei Wochen der Englischlehrer erbarmt und das Küken adoptiert: "Und es ist dann noch sehr alt geworden. Es ist immer auf seiner Schulter mit durchs Dorf spazieren gegangen, weil es halt gedacht hat, es wäre ein Mensch."

    Die Rettung des Buchenwaldes

    Nach seinem Studium war Peter Wohlleben 21 Jahre lang Beamter in der Forstverwaltung, mit stetig wachsendem Unbehagen. Als ihn der Chef mahnte, doch endlich den schönen, alten Buchenwald im Revier abzuholzen, wandte er eine List an: Er schlug der Gemeinde vor, "lieber in Tourismus zu investieren" und bot erfolgreich Survival-Trainings in dem alten Wald an:
    "Zum Entsetzen meiner Kollegen. Die haben gelacht, nach dem Motto 'Der Peter wird jetzt Würmerfresser!' Es war dann aber das erste Mal, dass sich die Medien im größeren Stil interessiert haben, denn 'Würmer fressender Förster', das ist natürlich immer eine Schlagzeile. Und im Gegenzug hat die Gemeinde ihre alten Buchenbestände nicht mehr eingeschlagen, sondern unter Schutz gestellt."
    In der Forstbehörde begann eine Art Mobbing gegen den renitenten Beamten. Schließlich kündigte Peter Wohlleben den sicheren Job und wurde von der Gemeinde als Förster angestellt. 2015 gründete er "Wohllebens Waldakademie", begann seine Arbeit als Autor und schrieb den ersten Bestseller: "Das geheime Leben der Bäume".

    Illegaler Kahlschlag durch staatliche Behörde

    Auch mit seinem jüngsten Projekt kämpft Peter Wohlleben für den Schutz der Wälder. Mit Freunden hat er "Wohllebens Wald & Wildnis gGmbH" gegründet. Eine Stiftung, die brisante Vorgänge in deutschen Wäldern untersucht:
    "Wir sind dabei, Fälle juristisch aufzuarbeiten, wo wir der Meinung sind, dass staatliche Forstverwaltung, also die Aufsichtsbehörden selber, illegale Groß-Kahlschläge macht. Entgegen geltendem Recht, also ein bisschen so wie in Brasilien oder Kanada."
    Auf Nachfrage habe die Behörde geantwortet, "das sei schon alles in Ordnung". Also, sagt Wohlleben, werde die Stiftung wahrscheinlich vor Gericht ziehen. "In Deutschland hat bisher noch keiner etwas dagegen unternommen. Aber das passiert eben wirklich auf großer, großer Fläche und das angesichts des Klimawandels und der Wichtigkeit von Wäldern. Da habe ich dann gesagt: Okay, da werde ich jetzt aktiv!".
    (tif)
    Mehr zum Thema