Hans Fallada: "Kleiner Mann - was nun?"

In der Talfahrt des Lebens

Hans Fallada (1893-1947) © picture alliance / dpa / Bifab
Von Tobias Lehmkuhl · 23.02.2016
In seinem Roman "Kleiner Mann - was nun?" schildert Hans Fallada das sorgenvolle Leben eines Paares aus der Unterschicht. Das neu erschienene Hörbuch des literarischen Klassikers ist charmant inszeniert und überzeugt mit eindrucksvollen Sprechern.
"Ja, Herr Pinneberg, ein bisschen spät das mit dem Pessar. Ich denke Ende des zweiten Monats." - "Herr Doktor, das ist unmöglich, wir haben so aufgepasst. Ganz unmöglich, sag doch selbst Lämmchen!" - "Irrtum ausgeschlossen."
Und so werden Johannes Pinneberg und sein Lämmchen, die eigentlich Emma Mörschel heißt, Eltern werden, auch wenn Pinneberg nur 180 Mark im Monat verdient, in einer Düngemittelfirma zudem, wo er doch lieber Konfektionsmode verkauft. Aber die Zeiten sind schwierig, man muss froh sein, überhaupt Arbeit zu haben. Und Lämmchen meint: Andere schaffen das auch, und so ein kleiner Murkel ist doch was Feines. Muss nur noch geheiratet werden.
"Von Weitem sieht eine Ehe außerordentlich einfach aus: Zwei heiraten, bekommen Kinder. Das lebt zusammen, ist möglichst nett zueinander und sucht möglichst vorwärts zu kommen. Aber in der Nähe löst sich die Geschichte in 1000 Einzelprobleme auf."
Von jedem dieser 1000 Einzelprobleme ist in der Hörspielfassung von Hans Falladas "Kleiner Mann - was nun?" nicht die Rede, dafür reicht die Zeit nicht. Wie soll man auch 450 Romanseiten auf 70 Hörspielminuten reduzieren? Da müssen Details ausgespart werden, viele Details. Übrig bleibt nicht viel mehr als das Gerüst der Geschichte, das Skelett. Aber da die Zeiten schwierig, ja geradezu schlecht sind, und auch am Fleisch gespart werden muss, passt das durchaus:
"Hör mal Junge, unsere Ersparnisse sind alle." - "Bis auf 100 Mark." - "Dabei haben wir doch mit unserem Gehalt auskommen wollen, darum habe ich aufgeschrieben, was wir ausgeben können im Monat. Zweimal die Woche müssen wir mindestens fleischfrei essen." - "Fleischfrei? Komm her mein fleischfreies Lämmchen!" - "Nein, ich will das du das siehst."

Charmante Inszenierung

Pinneberg also möchte eine Art Fleischtausch vollziehen: Wenn schon keins im Ofen, dann eins im Bett. Ähnlich verfährt dieses Hörspiel: Wenn man schon die Geschichte Pinnebergs und Mörschels derart ausdünnen muss, dann muss sie an anderer Stelle dafür umso nahrhafter sein.
Dazu braucht es vor allem Sprecher, die aus wenig ganz viel machen können. Wie eben zum Beispiel Laura Maire, die Lämmchen eine sanft-heitere Stimme verleiht, gleichwohl aber durchscheinen lässt, dass sie im Grunde die ernste, die starke Person in dieser Ehe ist.
Nico Holonics dagegen versteht es hervorragend, dem schwachen, zuweilen fast verzweifelten Pinneberg ohne jeden Jammer und durchaus liebenswert darzustellen.
Außerdem ist da noch, neben anderen, die raumgreifende, in ihrer starken Präsenz fast unheimliche Stimme Matthias Brandts, der den moralisch zweifelhaften Herrn Jachmann spielt:
"Heute morgen, sechs Uhr bin ich aus dem Kittchen entlassen worden, ich hab’ ein Jahr abgerissen." - "Ich hab’ mir immer so etwas gedacht. Zu den paar Menschen, die sie mögen, sind sie nett, und zu allen anderen wahrscheinlich gar nicht." - "Stimmt. SIE mag ich, junge Frau." - "Und dann leben sie auch gerne, und haben gerne viel Geld."- "Wissen sie auch, wer mich angezeigt hat?" - "Mama, nicht wahr?" - "Natürlich."
Neben den Sprechern ist es freilich auch die charmante Inszenierung, die "Kleiner Mann - was nun?", so hörenswert macht. Denn nicht alles ist schwierig, die 20er-Jahre hatten ja bekanntlich auch ihre leichte, ihre musikalische Seite, und Fallada schrieb noch längst nicht so düster wie er es 15 Jahre später in "Der Trinker" oder "Der Alpdruck" tun würde. Akkordeon und Klarinette also statt dunkler Streicher.
"Das Büro hat seine Sensation" - "Nur kommt da Kleinholz rein." - "Werd ich einen abbauen. Rationalisieren. Wo drei faul sind, können zwei fleißig sein. Na, und wen?"
Dreimal dürfen sie raten.

Hans Fallada: Kleiner Mann - was nun?
Hörbuch unter der Regie von Irene Schuck, mit Musik von Sabine Worthmann, gesprochen von Hedi Kriegeskotte, Wolfgang Pregler, u.a., Osterwoldaudio 2016, 1 CD, 11,99 Euro

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