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Lesart / Archiv | Beitrag vom 11.01.2021

Hanns Cibulka: "Sanddornzeit. Tagebuchblätter von Hiddensee" Unauslöschliche Sehnsucht

Von Helmut Böttiger

"Sanddornzeit. Tagebuchblätter von Hiddensee"von Hanns Cibulka (Matthes & Seitz Berlin / Deutschlandradio)
Schöne Naturbeschreibungen: Cibulka fängt die komplizierten Schichtungen an der Steilküste genauso ein wie den Aufbau seltener Pflanzen. (Matthes & Seitz Berlin / Deutschlandradio)

Hanns Cibulka hatte die Insel Hiddensee noch ganz für sich. Seine Tagebuchnotizen "Sanddornzeit“ kommen einer Zeitreise gleich. Er geht allein auf Wanderwegen, beobachtet Steinformationen und widmet sich dem menschlichen Geist.

Bei diesem Buch sticht gleich die Ausstattung ins Auge: Es ist kostbar und schlank, mit einem sanddornfarbenen Einband, auf dem drei Schwarz-Weiß-Fotos mit demselben Farbstich abgebildet sind. Die "Sanddornzeit", die der Titel verspricht, meint also in erster Linie Zeitlosigkeit.

Das Grün im oberen Buchschnitt kehrt auf dem inneren Buchdeckel wieder und holt damit auch in der äußeren Gestaltung etwas Versunkenes aus der Vergangenheit herauf – genauso, wie es Hanns Cibulka inhaltlich versuchte, als er 1971 diese "Tagebuchblätter von Hiddensee" im Mitteldeutschen Verlag in Halle veröffentlichte.

Mitten in einer Phase, in der sich die DDR konsolidierte und neue Parteiprogramme ausgeheckt wurden, verbrachte der Autor die Sommermonate auf der Insel Hiddensee und versenkte sich in die Natur.

Neben Geologie und Pflanzen: der menschliche Geist

Das Jahr, in dem dies geschah, wird nicht eigens benannt, dafür geht es umso intensiver um das immer Wiederkehrende: die Tages- und Jahreszeiten, die Brandung, das Auslaufen und Wiederkommen der Fischerboote. Cibulka setzt den üblichen Alltag und die aktuellen Nachrichten außer Kraft und fragt nach dem Wesentlichen, das davon unberührt bleibt. Neben der Geologie, den Gesteins- und Pflanzenformationen sind dies vor allem der menschliche Geist, der in die Tiefe geht und die Dichtung, die die unmittelbare Gegenwart transzendiert.

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Es gibt dabei schöne Naturbeschreibungen. Cibulka fängt die komplizierten Schichtungen an der Steilküste genauso ein wie den Aufbau seltener Pflanzen. Die Schilderung einer Königskerze am Rand des Wegs wird genauso detailliert zelebriert wie das Farbspiel und der Körperbau eines Fischs, den sein Freund gefangen hat, oder das Schauspiel eines Gewitters über der Insel. Mit jenem Freund, der nur als "Doktor H." auftaucht, diskutiert der Autor über die Beziehungen zwischen Kunst und Wissenschaft und über Goethes Farbenlehre.

Es ist wie ein Hauch des gelehrten 19. Jahrhunderts, der da herüberweht, und dass Kunst und Wissenschaften zwei Formen der Erkenntnis seien, die gleichberechtigt behandelt werden müssten, ist ein zentraler Gedanke des Tagebuchs. Diese verschwiegene Form von Systemkritik schließt nicht aus, dass auch Düsenjäger in ihrer technischen Schönheit beschrieben werden oder LPG-Traktoren Getreide einfahren – im Vergleich dazu aber wirkt das Nachdenken über Homer oder August von Platen umso nachhaltiger.

Unauslöschliche Sehnsucht

Dass allerdings auch Gerhart Hauptmann als Speerspitze deutschen Geistes angerufen wird, ist dann doch eher konkreten Zeitumständen geschuldet – das Hauptmann-Haus auf Hiddensee gehörte zu den stolzen Kulturstätten der DDR, und dadurch wurde dieser Dichter automatisch veredelt. Wenn man Cibulkas Büchlein heute zur Hand nimmt, ist es nicht nur deshalb wie eine Zeitreise.

Dieser Autor hat die Insel noch ganz für sich, er geht allein die wenigen Wanderwege entlang und schwimmt an fast leeren Stränden einsam in das Meer. Auf das Hiddensee von heute bereiten diese Tagebuchskizzen keineswegs vor, ganz im Gegenteil – aber sie sprechen, historisch nun schon zweifach gebrochen, von einer unauslöschlichen Sehnsucht. 

Hanns Cibulka: "Sanddornzeit. Tagebuchblätter von Hiddensee"
Verlag Matthes & Seitz, Berlin 2020 (Reihe Naturkunden No. 64)
86 Seiten, 18 Euro

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