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Buchkritik | Beitrag vom 25.06.2018

Hannah Ahlheim: "Der Traum vom Schlaf im 20. Jahrhundert" Das Bett als Zufluchtsort

Von Michael Opitz

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"Der Traum vom Schlaf im 20. Jahrhundert" von Hannah Ahlheim (Verlag Wallstein/imago/Photocase/David-W)
Als bahnbrechend für die Schlafforschung wird die 1953 in den USA erfolgte Entdeckung des REM-Schlafes angesehen. (Verlag Wallstein/imago/Photocase/David-W)

Das Militär träumt seit Jahrzehnten vom "schlaflosen Soldaten", im zivilen Bereich will der Mensch dagegen ein- und vor allem durchschlafen. Hannah Ahlheim hat mit "Der Traum vom Schlaf im 20. Jahrhundert" ein kluges Buch zum Thema geschrieben.

In Kriegszeiten ist ein Zufluchtsort, der das Überleben sehr viel wahrscheinlicher werden lässt, das Bett. Aus dieser Erkenntnis entwickelten 1968 John Lennon und Yoko Ono eine Botschaft, die sie in Form eines "Bed-In" um die Welt schickten: Geht ins Bett, schlaft für den Frieden und lasst euch auf keinen Fall als Soldaten für den Vietnamkrieg rekrutieren. Zu dieser Zeit war der Schlaf schon längst politisch geworden. Welche strategische Bedeutung er im Krieg besitzt, ist ein zentrales Thema in dem umfassenden und spannend zu lesenden Buch, das die Historikerin Hannah Ahlheim jetzt vorgelegt hat. Im Ersten Weltkrieg waren es vor allem die in den vordersten Linien kämpfenden Soldaten, die zu wenig Schlaf fanden. Im Zweiten Weltkrieg litt dann nicht nur die Truppe an der Front an akutem Schlafmangel, sondern auch die Zivilbevölkerung, die auf Grund der Bombardierung der Städte häufig aus dem Schlaf gerissen wurde.

Der Traum von "schlaflosen Soldaten"

Hannah Ahlheim untersucht in ihrer akribisch gearbeiteten Studie – mit der sie sich 2016 an der Universität Göttingen habilitierte – auf der einen Seite die Geschichte des Wissens über den Schlaf, auf der anderen Seite interessiert sie sich für die Ergebnisse bei der wissenschaftlichen Erforschung von sogenannten Schlaf- und "Weckmitteln". Das dauernde Schlafdefizit der Soldaten minderte die Schlagkraft der Armeen in beiden Weltkriegen erheblich. Von daher sah sich die medizinische Forschung aufgefordert, eine Antwort auf die Frage zu finden, mit wie wenig Schlaf der Mensch auskommen kann. Und an die Pharmaindustrie ging der Auftrag, ein Medikament zu entwickeln, mit dem sich das Schlafbedürfnis der Soldaten deutlich reduzieren ließ. Seitdem wird in den militärischen Kommandozentralen der Traum von "schlaflosen Soldaten" geträumt.

Entdeckung des REM-Schlafes 

Im zivilen Bereich verlangten die an Schlafstörungen leidenden Menschen nach einer anderen Arznei. Sie wollten möglichst schnell ein- und vor allem durchschlafen, was seit der industriellen Revolution immer schwieriger wurde. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts war damit begonnen worden, den Schlaf wissenschaftlich zu erforschen. Die seit dieser Zeit in den Forschungslaboren der USA erzielten Ergebnisse vergleicht Hannah Ahlheim mit denen, zu denen man in Deutschland kam. Als bahnbrechend für die Schlafforschung wird die 1953 in den USA erfolgte Entdeckung des REM-Schlafes angesehen. Wichtig war sie insofern, als man herausfand, dass sich Probanden, die diese Schlafphase häufig verpassten, in einem schlechten gesundheitlichen Zustand befanden.

Schlafstörungen wegen der Erfindung der Glühbirne

Von einem geruhsamen, vor allem aber von einem erholsamen Schlaf konnte seit Ende des 19. Jahrhunderts, dem sogenannten "nervösen Zeitalter", nur noch geträumt werden. In den großen Städten resultierten erste Schlafstörungen aus der Erfindung der Glühbirne, die es ermöglichte, die Nacht zum Tag werden zu lassen. Der schlecht schlafende Mensch griff immer häufiger zu Medikamenten, um schlafen zu können. Das Kapital hatte ein großes Interesse daran, dass Arbeiter gut schliefen. Sie sollten morgens gut ausgeschlafen zur Arbeit kommen. Von daher war die Optimierung des Schlafs ein ebenso entscheidendes Feld der Schlafforschung wie die Reduzierung der notwendigen Schlafzeit.

Auch wenn Hannah Ahlheim an manchen Stellen ihres Buches ein wenig zu sehr ins Detail geht, einschläfernd ist diese gut lesbare und verständlich geschriebene Habilitation überhaupt nicht. Ganz im Gegenteil. Man fühlt sich nach der Lektüre überaus munter, da nahezu alle den Schlaf tangierenden Fragen und Themen – es geht bis hin zur Matratze und der Schlafzimmertapete – klug und mit Sachverstand verhandelt worden sind.

Hannah Ahlheim: "Der Traum vom Schlaf im 20. Jahrhundert. Wissen, Optimierung und Widerständigkeit"
Wallstein Verlag. Göttingen 2018
696 Seiten, 39,00 EUR

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