Ängste nach Alkoholkonsum

Vor allem schüchterne Menschen von Hangxiety betroffen

06:18 Minuten
Hand eines Mannes hält eine Zigarette, daneben steht ein Rotwein-Glas. (Symbolfoto)
Erst wirkt Alkohol enthemmend, aber dann... (Symbolbild) © imago / PantherMedia / NomadSoul / Sergiy Tryapitsyn
Von Fanny Buschert · 10.03.2022
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Nie wieder Alkohol, haben sich schon viele nach einer durchzechten Nacht geschworen. Denn am nächsten Morgen kommt bei manchen: Angst und Überforderung. Hangxiety wird dieser vom Gehirn verursachte Effekt genannt.
„Ich dachte jedes Mal, dass ich sterbe – oder ich krieg einen Herzinfarkt und bin danach nachhaltig geschädigt“, erzählt der 28-jährige Max, der seinen echten Namen nicht nennen möchte. Er ist seit einem Jahr wegen seiner Alkoholsucht in therapeutischer Behandlung. Die Hangxiety war bis dahin fester Bestandteil seines Lebens. Das ist nicht untypisch, wenn man zu viel trinkt.
Hangxiety kommt aus dem Englischen und setzt sich zusammen aus dem Wort Hangover und dem Wort Anxiety, was so was wie ängstlich bedeutet. Zu ihr gehören: Kopfschmerzen, Magenverstimmung, Zittern, Gefühle von Angst und Überforderung sowie Kurzatmigkeit. „Nach Alkoholkonsum treten diese Symptome schon verstärkt auf, bei mir eigentlich immer“, sagt Max. Am Tag danach gehe es ihm mit Schweißausbrüchen, Zittern und Herzrasen „immer ziemlich mies“.
Denn auch wenn Hangxiety einen Zustand nach oder während dem Ausnüchtern beschreibt, beginnt der Prozess schon während dem Trinken. „Alkohol wirkt ja chemisch auf das Gehirn, wirkt besonders auf die Rezeptoren, die für Dämpfung, Beruhigung, Angstlösung zuständig sind, das sind die GABA-Rezeptoren, die kennen wir beispielsweise auch von Valium“, erklärt Professor Falk Kiefer*), Präsident der deutschen Gesellschaft für Suchtforschung und Suchttherapie.

Gegenregulation des Gehirns

Trinke man zu viel, müsse der Körper damit umgehen, dass diese dämpfenden Rezeptoren aktiviert waren, „und weil der Körper an Homöostase und Funktionsfähigkeit interessiert ist, reguliert er das häufig gegen“. Das heißt: „Wenn man zu viel dämpfende Effekte im Gehirn hat, dann gibt es aufputschende Gegenreaktionen.“ Diese ausgeschütteten, aufputschenden Stoffe ermöglichen es beispielsweise, trotz des dämpfenden Alkohols noch sprechen oder gehen zu können. Der Ursprung der Hangxiety liegt also eigentlich in einer gesunden Reaktion des Gehirns auf den Alkohol.
Doch klinge der Alkohol ab, sei der Gegenregulationseffekt noch da, sagt Falk Kiefer. „Dadurch entsteht auch sowas wie Unruhe, Angespanntheit, Nervosität. Manche erleben das auch als Ängstlichkeit.“ So unangenehm dieser Zustand auch ist, eine Hangxiety hinterlässt in der Regel keine bleibenden Schäden.

Hangxiety als Warnzeichen

Im Gegenteil: laut Professor Andreas Heinz, Leiter der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Campus Charité Mitte, kann die Sorge nach einer alkoholgeschwängerten Nacht ein wichtiges Signal senden: „Ein Teil der Angst ist gar nicht schlecht, denn wir wissen leider, dass die Trinkfesten die sind, die nachher eher eine Abhängigkeitserkrankung kriegen.“ Wer sich also keine Gedanken mache und nicht denkt, das war vielleicht zu viel, dem würden Warnzeichen fehlen, „und der oder die rutsch vielleicht auch eher in die Situation öfter zu viel zu trinken.“
„Ich habe das schon so wahrgenommen, dass das Gefühl durch den Alkohol entstanden ist“, erzählt Max. Ein Warnsignal, allerdings nur für den Tag, an dem es ihm schlecht ging. „Das war dann nach ein paar Tagen auch wieder vergessen.“ Ob und wie stark sich eine Hangxiety nach dem Trinken von Alkohol zeigt, ist aber von verschiedenen Faktoren abhängig. Es kommt beispielsweise auf die Menge an Alkohol an, die sich im Körper befindet, denn: Je mehr Alkohol konsumiert wird, desto stärker fällt in der Regel die Gegenreaktion des Körpers aus.

Introvertierte leiden eher unter Hangxiety

Es ist auch wichtig, wie man generell mit Angst umgeht, betont Andreas Heinz. Schließlich seien wir Menschen sind ja „nicht einfach nur Biologie, sondern wir denken ja auch darüber nach, was uns passiert“. Die Ängste und Besorgnis habe daher sicher auch viel damit zu tun, „was man aus dem macht, dass es einem nicht so gut geht“. Der Alkohol verändere auch die Gefäßspannung. „Das kann mit Kopfscherzen zu tun haben. Man ist unterschiedlich empfindlich, wie stark man in der Motorik anfängt zu lallen, sich torklig zu bewegen. Und all diese Sachen werden ja wieder interpretiert.“
Eine Studie der Universität Exeter aus dem Jahr 2018 zeigt, dass aber eher sehr schüchterne Menschen unter „Hangxiety“ leiden, als extrovertierte. Alkohol trinken kann sich damit als eine Art Bumerang erweisen: Man trinkt, um Ängste in sozialen Situationen abzubauen und um etwa lockerer zu werden, um dann aber am Tag drauf neuen Ängsten ausgeliefert zu sein.

Wasser trinken und abwarten

Tritt die Hangxiety aber erstmal auf, dann hilft es in erster Linie, viel Wasser zu trinken – und so profan es auch klingt: aushalten und abwarten bis die Hangxiety vorbei ist. Wasser kann auch schon bei der Vorbeugung helfen, meint Falk Kiefer. Sein Tipp: zwischen jedem alkoholischen Getränk ein Glas Wasser einschieben. „Das hat zum einen die Funktion, dass man weniger trinkt, weil Magen-Füllung auch sättigt, und man verhindert eben auch die Austrocknung, die besonders das Gehirn in seiner Funktion beeinträchtigt.“

Hangxiety als Mitspieler im Teufelskreis

Problematisch wird es, wenn immer wieder neu zum Alkohol gegriffen wird, um Angst und Besorgnis entgegenzuwirken. Hangxiety wird dann zum Mitspieler in einem Teufelskreis. „Wenn man merkt, dass man häufig oder gar regelmäßig konsumiert, trotz negativer Konsequenzen, dann ist das ein ganz großes Warnzeichen.“ Menschen, die eine Hangxiety haben, nehmen sich in dem Zustand oft vor: In den nächsten Tagen trinke ich nichts. „Wenn sie dann merken, sie können sich an ihre eigenen Vorsätze nicht halten und trinken dennoch, sind sie auf dem Weg, sich an Alkohol zu gewöhnen und vielleicht eine Alkoholabhängigkeit zu entwickeln“, warnt der Suchtexperte Falk Kiefer.
Für Max ist seit dem Alkohol-Entzug die Hangxiety nur noch Thema bei Rückblick auf frühere durchzechte Wochenenden. „Rückblickend tut es mir um die vielen Sonntage leid“, sagt er. An denen hätte man auch schönere, andere Sachen machen können, als sich in Sorgen und Ängsten zu ergehen. „Jetzt bin ich natürlich froh, dass das kein Thema mehr ist.“

*) Wir haben die Berufsbezeichnung von Falk Kiefer korrigiert.

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