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Lesart | Beitrag vom 20.10.2020

Hallgrímur Helgason: "60 Kilo Sonnenschein"Islands Weg ins Licht

Moderation: Joachim Scholl

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 Sonnenlicht fällt durch die dichte, graue Wolkendecke auf die Landschaft Islands. (Getty Images / Universal Images Group / Rick Senley)
Wie Island zu dem wurde, was es heute ist, beschreibt Hallgrímur Helgason in "60 Kilo Sonnenschein". (Getty Images / Universal Images Group / Rick Senley)

Der Schriftsteller Hallgrímur Helgason blickt schonungslos auf seine Landsleute: Dumm und ignorant seien die Isländer früher gewesen. In seinem historischen Roman "60 Kilo Sonnenschein" erzählt er, wie im abgeschiedenen Island die Moderne erwacht.

Vor Jahrhunderten gab es um Island herum Heringe in Hülle und Fülle. Bloß: Niemand wollte sie damals fangen, geschweige denn essen. Denn Heringe in Massen zu fischen, so das Argument der isländischen Parlamentarier, werde nur zu Wettbewerbsverzerrungen und Chaos auf dem Meer führen. Außerdem sollten so hässliche Fische wie der Hering nicht gegessen werden.

"Wir waren nicht nur arm, wir waren auch dumm und ignorant. Und erst als die Norweger kamen, haben sie uns beigebracht, welchen Wert der Hering eigentlich hat", sagt Hallgrímur Helgason. Der isländische Autor gilt als einer der bedeutendsten Literaten seiner Heimat. Mit dem Roman "60 Kilo Sonnenschein" hat der 1959 in Reykjavik geborene Helgason nun einen im 19. Jahrhundert angesiedelten historischen Stoff vorgelegt. Helgasons Blick auf seine über viele Jahrhunderte in wirtschaftlicher wie kultureller Isolation lebenden Landsleute ist schonungslos, aber liebevoll.

Aufbruch aus der Isolation

Der Romantitel, sagt Helgason, sei ihm im Traum eingefallen, als er mit seiner Tochter zeltete. Und tatsächlich denkt man als Leserin und Leser oft: Ein bisschen mehr Sonne und Wärme täten dieser rauen Insel gut.

Der isländische Schriftsteller Hallgrimur Helgason, aufgenommen auf der 63. Frankfurter Buchmesse.  (picture alliance / dpa / Uwe Zucchi)Hallgrimur Helgason hat seinen ersten historischen Roman veröffentlicht. Er beschreibt darin den Weg seiner Heimat aus Armut und Isolation. (picture alliance / dpa / Uwe Zucchi)

Das Buch erzählt die Geschichte von Gestur, einem unehelichen Bauernsohn aus dem fiktiven isländischen Dorf Segulfjörður. Während er bei immer neuen Ziehvätern heranwächst, schließlich selbst Vater wird, erwacht auch das moderne Island. Große Fischfänger steuern eines Tages den Hafen an, bringen Exotisches und Fremdes aus dem Umland und der weiten Welt. Mit den Waren kommen auch neue Werte, neue Moden und Gefühle ins kalte und tief verschneite Segulfjörður.

Alkoholisierte Pfarrer und pornografische Verse

Heute gilt Island als eines der modernsten Länder der Welt. Kaum zu glauben, dass das vor 100 Jahren noch ganz anders war. Für den bunten Strauß an Geschichten und kuriosen Begebenheiten, die Helgason mit dem Lebensweg seines Helden verflicht, konnte er sich aus einem reichen Schatz an Mythen und tatsächlichen Fakten bedienen. So seien etwa die isländischen Pfarrer tatsächlich die meiste Zeit sturzbetrunken gewesen, berichtet der Autor. Denn mangels anderer Möglichkeiten sei das Pfarramt die einzige Alternative zum Bauerndasein gewesen. Doch damit seien nur wenige glücklich geworden – und hätten den Alltag nur mit Alkohol ertragen.

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Besonderes Vergnügen, so scheint es, bereiteten Helgason aber seine eigenen Erfindungen: So lässt er etwa einen der vielen Ziehväter Gesturs süchtig nach einem alten, isländischen Versepos werden, das sich als reinste Pornografie entpuppt. Und als reine Fantasie des Romanautors.

(mkn)

Hallgrímur Helgason: "60 Kilo Sonnenschein"
Aus dem Isländischen von Karl-Ludwig Wetzig
Tropen, 2020
576 Seiten, 25 Euro

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