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Interview / Archiv | Beitrag vom 26.03.2020

Häusliche Gewalt durch IsolationFrauenhäuser auch ohne Corona am Limit

Sylvia Haller im Gespräch mit Liane von Billerbeck

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Eine Frau mit langen blonden gelockten Haaren sitzt mit dem Rücken zum Betrachter in einem Zimmer und schaut auf eine Wand mit drei Bildern (picture alliance/dpa/Ina Fassbender)
Zu wenig Betten, zu wenig Personal: Frauenhäuser sind chronisch überlastet. (picture alliance/dpa/Ina Fassbender)

Die Isolation durch die Corona-Pandemie wird laut Experten zu mehr häuslicher Gewalt führen. Das zeige sich bereits jetzt, sagt Sylvia Haller, die in einem Frauenhaus arbeitet. Nötig sei staatliche Unterstützung - und die Hilfe jedes Einzelnen.

In China ist die Zahl der Beschwerden von Opfern häuslicher Gewalt während der Coronakrise staatlichen Medien zufolge um das Dreifache gestiegen. Auch in Deutschland ist eine ähnliche Entwicklung zu befürchten, meinen Experten.

"Das merken wir auch in der Praxis schon", sagt Sylvia Haller von der Zentralen Informationsstelle autonomer Frauenhäuser in Mannheim. "Die Probleme in den Familien werden natürlich größer momentan, die Ängste werden größer, finanzielle Existenzängste. Dadurch steigt natürlich auch das Potenzial zur Gewaltausübung - und dann steigen die Anfragen bei uns in den Frauenhäusern."

Dabei befinden sich diese Einrichtungen schon grundsätzlich in einer prekären Situation, so Haller, die selbst auch in einem Heidelberger Frauenhaus tätig ist.

"Wir arbeiten generell an der Kapazitätsgrenze", sagt sie. "Auch außerhalb der Coronazeiten sind wir am Limit, müssen Frauen abweisen, haben zu wenig Betten, zu wenig Personal. Von daher sind wir ein System, das nicht gut aufgestellt ist und die Krise momentan nicht abfedern kann."

Bei Anzeichen von Gewalt die Polizei rufen

Wahrgenommen wird die verschärfte Problematik Haller zufolge nun aber durchaus. So hätten sich Bund und Länder auf einen sozialen Schutzschirm für Frauenhäuser und Beratungsstellen verständigt. Damit könnten die Einrichtungen kurzfristig Hotels oder Ferienwohnungen anmieten. "Da kriegen wir gerade gute Zeichen von Politik und Verwaltung", sagt Haller und betont, wie herausfordernd der Umgang mit Corona und häuslicher Gewalt sei:

"Da wir grundsätzlich eine Kriseninterventionseinrichtung sind und die Krise unser tägliches Erleben ist, gehe ich davon aus, dass die Kolleginnen in der Praxis das auch gut machen werden. Aber ohne Bevölkerung geht es auch nicht. Es ist auch wichtig, dass gerade jetzt die Nachbar*innen, die Verwandten, die Freund*innen gut hinhören: Was passiert in meiner Nachbarswohnung? Und da potenziell auch mal die Polizei rufen, wenn sie davon ausgehen, dass Gewalt ausgeübt wird." 

(bth)

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