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Interview / Archiv | Beitrag vom 03.06.2020

Häusliche GewaltDie Risiken der Heimquarantäne

Cara Ebert im Gespräch mit Julius Stucke

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Schwarz-weiß-Bild einer Frauenhand an einer Fensterscheibe, draußen regnet es. Die Frau, deren Gesicht man nicht sieht, schaut offenbar auf die Straße. (Kristina Tripkovic / Unsplash.com)
Wer die eigene Wohnung nicht verlassen darf, wird häufiger Opfer häuslicher Gewalt. (Kristina Tripkovic / Unsplash.com)

Eine neue Studie zu häuslicher Gewalt während der Corona-Krise zeigt: Frauen und Kinder, die das Haus nicht verlassen durften, wurden häufiger Opfer von Gewalt als andere. Hilfsangebote werden von Betroffenen oft nicht wahrgenommen.

Schon zu Beginn der Corona-Krise in Deutschland wurde befürchtet: Die Ausgangs- und Kontaktbeschränkungen sowie die Enge der Quarantäne könnten zu einem Anstieg der häuslichen Gewalt führen. Nun gibt es die erste repräsentative Studie zu körperlicher, sexueller und emotionaler Gewalt während des Lockdowns in Deutschland.

Sie zeigt das Ausmaß von Gewalt im eigenen Zuhause: Innerhalb von nur vier Wochen erlebten 3,1 Prozent der befragten Frauen mindestens eine körperliche Auseinandersetzung, wurden also beispielsweise von ihrem Partner geschlagen. 3,6 Prozent der Frauen wurden von ihrem Partner zum Geschlechtsverkehr gezwungen. Und in 6,5 Prozent der Haushalte wurden Kinder körperlich bestraft.

Wer besonders gefährdet ist 

Ob das mehr Gewalt als vor der Pandemie sei, könne die Studie nicht beantworten, betont Cara Ebert vom RWI - Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung, zusammen mit Janina Steinert von der TU München eine der beiden Leiterinnen der Studie. Bisherige Studien untersuchten Gewalterfahrungen innerhalb längerer Zeiträume.

Es zeige sich aber, was Risikofaktoren für häusliche Gewalt seien: In Haushalten, die in Heimquarantäne waren, und in solchen mit finanziellen Sorgen habe es deutlich mehr Gewalt gegeben, berichtet Cara Ebert.

Hilfsangebote, die nicht genutzt werden können

Ein weiteres Ergebnis der Studie: Viele betroffene Frauen kennen zwar Hilfsangebote wie die Telefonseelsorge, nehmen sie aber trotzdem nicht wahr. Ein möglicher Grund dafür sei, dass die Kontakte der Frauen vom Partner überwacht würden, wie manche der Befragten auch in der Studie angegeben hätten. "Die Chancen, Hilfsangebote wahrzunehmen, sind natürlich sehr erschwert, besonders unter Heimquarantäne", so Ebert.

Im Hinblick auf eine möglich zweite Welle der Pandemie empfiehlt sie daher, weiter zu erforschen, wie Frauen, die kontrolliert werden, geholfen werden kann. Ein Beispiel für ein möglicherweise geeignetes Hilfsangebot sei das Codewort "Maske 19", das auch manche der befragten Frauen schon genutzt hätten. "In dem Fall gehen die Frauen zum Beispiel in Apotheken und Supermärkte und benutzen das Codewort, um Hilfe zu erhalten," erklärt Ebert.

(jfr)

    

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