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Literatur | Beitrag vom 25.10.2020

Gustave Flauberts Ringen um den wahren RomanEin Teufelszeug, diese Prosa!

Von Uta Rüenauver

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Porträt des französischen Schriftstellers Gustave Flaubert (1821 - 1880).  (imago/imagebroker)
Sätze so unveränderlich wie Lyrik: Der Schriftsteller Gustave Flaubert (1821-1880) suchte für seinen Roman "Madame Bovary" nach den passenden Worten. (imago/imagebroker)

Gustave Flaubert hätte heute viele Follower. Seine Wutausbrüche über die menschliche Dummheit in Briefen sind legendär und in ihrer Unflätigkeit unerreicht. Der Roman "Madame Bovary" aber musste unpersönlich erzählt werden. Was für eine Qual.

Gustave Flauberts Briefe zeigen die Rückseite eines Schriftstellers, der in jahrzehntelangem Ringen um jedes Wort, jeden Satz im Roman "Madame Bovary" die Romantik liquidiert: Die Episteln aus der normannischen Provinz, wo er bei der Mutter wohnt und schreibt, sind zuweilen reine Giftspritzen.

Brüllender Eremit

Der "Eremit von Croisset" (1821-1880) besitzt einen gewaltigen Furor und eine ebensolche Sprachmacht. Der Furor treibt ihn auch bei der Arbeit am Roman "Madame Bovary" an. Doch in das Buch soll nichts davon gelangen.

Mutter: Am Anfang war mir Gustaves Brüllerei sehr unangenehm. Nicht nur wegen seiner kleinen Nichte, die sich immer furchtbar erschreckte und ja noch nicht verstehen konnte, dass ihr Onkel das Schreien braucht beim Schreiben. Auch wegen der Leute, die am Haus vorbeikamen, oder den Fischern auf der Seine, die ihn schreien hörten und sich darüber lustig machten. Er hat ja auch keine Scheu, aus dem offenen Fenster zu brüllen. Ich wollte nicht, dass er zum Gespött wird und unsere Familie gleich mit. Außerdem habe ich immer Angst, dass er wieder einen Anfall bekommt, wenn er sich beim Arbeiten so aufregt. Aber mein Sohn sagt, dass er den Klang seiner Sätze laut hören muss. Er ist ein Dickschädel, und seine Schriftstellerei geht ihm über alles, da lässt er sich nicht reinreden. Das war schon immer so.

Flaubert sucht manchmal Stunden und Tage nach dem "mot juste", dem einzig richtigen Wort. Unveränderlich wie Lyrik sollen seine Sätze sein. Wie ein Berserker ringt der Franzose um eine Prosa, die objektiv, unpersönlich und realistisch ist. Um eine Erzählhaltung, die die umfassende Desillusion seiner Zeit, den verlorenen Glauben an die romantischen Ideale enthält.

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Emma Bovary ist eine romantische Person, sie hat in der Kindheit und im Kloster nicht wenige und nicht selten triviale Liebes-, Historien-, Ritter- und Abenteuergeschichten verschlungen. Die Bücher bereiteten sie auf ein Leben wie im Roman vor: aufregend, exotisch und erfüllt. Neben Charles, dem braven Ehemann, drohen die romantischen Ideale allerdings zu verblassen. Emma gibt sich damit nicht zufrieden und wird zur Ehebrecherin aus unheilbarem schwärmerischem Idealismus.

Eine Illustration von Emma Bovary aus einer frühen Ausgabe von Gustave Flauberts “Madame Bovary” (1857). (akg images / Fototeca Gilardi)Emma Bovary (akg images / Fototeca Gilardi)

Uta Rüenauvers fiktive Dokumentation zeigt das Ringen des Schriftstellers, sein Wüten und Schreien, auch das Vertrauen wie das Unverständnis seiner Umgebung: der Mutter, der Geliebten und der beiden engsten Freunde.

(pla)

Das Manuskript der Sendung können Sie hier herunterladen.

Es sprechen: Stefan Konarske, Uta Hallant, Katja Hensel, Karim Cherif, Sebastian Schwarz
Ton: Thomas Monnerjahn
Regie: Beatrix Ackers
Redaktion: Jörg Plath

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