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Lesart / Archiv | Beitrag vom 05.01.2017

Gunter Scholtz: "Philosophie des Meeres"Das große Wasser und wir

Von Günther Wessel

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Die Inselgruppe Raja Ampat liegt westlich von Neuguinea. (imago / OceanPhoto )
Platon schätzte das Meer gering: Für ihn erhellten Sonne, Licht und Feuer das Denken. Das Meer sah er als Ort der Unreinheit. (imago / OceanPhoto )

Was hat das Meer mit dem Menschen zu tun? Was bedeuten uns die Ozeane dieser Welt? Gunter Scholtz hat mit diesen Fragen die Philosophiegeschichte durchstreift. Das Ergebnis ist ein großes Denk- und Lesevergnügen.

Ozeanische Weiten beflügeln das Denken. Wie sehr der Mensch angesichts des Meeres ins Grübeln gerät und dass daraus Produktives entsteht, zeigt der emeritierte Philosophieprofessor Gunter Scholtz in seinem neuen Buch. Seine "Philosophie des Meeres" beschreibt, wie sich das philosophische Denken und die Philosophen zum Meer verhalten.

Der erste abendländische Philosoph, der über das Meer nachdachte, war Thales aus der kleinasiatische Hafenstadt Milet. Er glaubte, die ganze Welt würde auf Wasser gründen: Zum einen sei es der Ursprung alles Seienden, zum anderen trage es die Erdoberfläche, die wie ein Stück Holz auf dem Wasser schwimme. Was trivial erscheint, war in damals revolutionär, denn Thales suchte als erster Philosoph nach einem Grundprinzip aller Dinge, auf dem sich unsere Welt gründet - jenseits der Götterwelt.

Hugo Grotius: Das Meer muss allen Nationen offen stehen

Sein Nachfolger Platon schätzte das Meer geringer. Für ihn waren es Sonne, Licht und Feuer, die das Denken erhellten, das Meer hingegen war ein Ort der Unreinheit – auch die Unterwelt, der Ort der Verdammnis, war für ihn ein nasser Ort. Dorthin strömen die Flüsse zurück, dort sammeln sich Wassermassen, die wie von Pumpen auf die Erde gedrückt werden und die Meere und Seen füllen. In Platons Dialogen von Atlantis, die Scholtz als moralische Erzählung interpretiert, straft Zeus folgerichtig die Atlantiker dadurch, dass die Insel im Meer versinkt.

Ein neues Atlantis beschrieb Francis Bacon 1627: eine Insel, auf der ein idealer Staat existiert. Wie in vielen Utopien der frühen Neuzeit liegt auch dieser Idealstaat auf einer Insel. Bewusst abgeschieden vom Rest der Welt, obwohl in damaliger Zeit – wie Hegel später schrieb – die Meere die Regionen weniger trennen, sondern eher miteinander verbinden. Woraus sich zugleich – und da tritt die Rechtsphilosophie auf den Plan – Forderungen ergaben: Das Meer müsse allen Nationen offen stehen, fordern vor allem niederländische, vom Merkantilismus geprägte Denker wie Hugo Grotius.

Goethe vergleicht Wasser mit menschlicher Seele

Gunter Scholtz ist tief in die Fachgebiete der Philosophie eingetaucht – immer auf der Suche nach dem Meer: Es taucht in der Metaphysik und der Naturphilosophie auf, der Ethik (Scholtz verwiest hier aktuell auf die Meeresverschmutzung und die Bioethik), der politischen und der Sozialphilosophie und auch der Rechts- oder Geschichtsphilosophie. Natürlich darf auch die Ästhetik nicht fehlen. Seit spätestens dem 18. Jahrhundert gilt das Meer als Symbol des Erhabenen und Spiegelbild der Selbstdeutung des Menschen. Bei Goethe gleicht die Seele des Menschen dem Wasser, ebenso bei Baudelaire. Und das heraklidsche Prinzip des "panta rhei", des "alles fließt" wird im 19. Jahrhundert wieder neu entdeckt.

So entsteht eine verständliche, flüssige und jargonfreie Einführung in die Philosophie – zumal Gunter Scholtz auch viele Texte im Original zitiert. Er verbindet zahlreiche Motive und Denker miteinander, beispielsweise hüpft er kurz von Thales zu Goethes Faust II, dann zu Hegel und Nietzsche und wieder zurück zu den antiken Denkern. Herausgekommen ist so ein großes Lese- und Denkvergnügen.

Gunter Scholtz: Philosophie des Meeres
mare, Hamburg 2016
240 Seiten, 26 Euro

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