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Lesart | Beitrag vom 25.09.2019

Günter Kunert: "Zu Gast im Labyrinth"Wachsamkeit ist das Gebot der Stunde

Von Björn Hayer

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Die letzten Gedichte des verstorbenen Schriftstellers Günter Kunert sind unter dem Titel "Zu Gast im Labyrinth" erschienen. (Hanser)
Die letzten Gedichte des verstorbenen Schriftstellers Günter Kunert sind unter dem Titel „Zu Gast im Labyrinth“ erschienen. (Hanser)

Der kürzlich verstorbene Lyriker Günter Kunert verleiht seinen Sorgen über die Verwerfungen der Gegenwart in lakonischen Versen Ausdruck. Sein Gedichtband "Zu Gast im Labyrinth" ist nun posthum erschienen.

Es ist ein trostloses Lamento auf die Spätmoderne, das Günter Kunert in seinen letzten Gedichten anstimmt. Vom "lauten Lärmen", "Wahn" und der "Neugier", die doch nur "neues Unheil" bereitet, lesen wir. Worüber der 1929 geborene und am vergangenen Wochenende verstorbene Vielschreiber, der fast jedes Jahr ein oder sogar mehrere Bücher veröffentlichte, klagt, ist eine von Erhitzung und Sinnkrise geprägte Gesellschaft, die perspektivlos in die Zukunft blickt.

Nichts wiegt dem politischen Lyriker dabei so stark wie die Geschichtsvergessenheit. Seien es die Trümmer Trojas oder die Ruinen Tschernobyls – die Spuren einstiger Gewalt will in den traurigen Gedichten niemand sehen. Nur der Dichter kann nicht vergessen und erkennt die Zeichen die Zeit:

Ein Lauern ist zu verspüren,
Verderben liegt in der Luft.
Nicht an die Ruhe rühren
in unsrer gemütlichen Gruft.

Die Gleichgültigen als Untote und Zombies

"Wehre, / wer sich noch wehren kann", ruft der Poet mit dem Impetus des mahnenden Pädagogen seinen Lesern zu. Die Gleichgültigen, die er mit Untoten und Zombies vergleicht, gilt es wachzurütteln. Statt in der Geste des Revolutionärs zeigt sich Kunert als kritisch-melancholischer Aufklärer vom Schlag eines Heinrich Heine oder Kurt Tucholsky, plädiert für Augenmaß und Vernunft. Schon in der DDR, die er 1979 desillusioniert verlässt, hegt der Nachkriegsautor Skepsis gegenüber den großen Erlösungs- und Weltrettungsfantasien.

Wohl deshalb entsagen seine von stets klarem, lakonischem Stil getragenen Verse jedwedem Pathos. Vielmehr pflegt er einen fast volksliedartigen Ton und bedient sich traditioneller Mittel der Poesie wie des Reims oder aus der Mode gekommener Begriffe wie des "Lied[s]" und der "Gesänge". Letztere vermögen noch, wie ein Gedicht andeutet, die Sprache der Natur wiederzugeben, die inzwischen "ersetzt / vom elektrischen Raunen / selbstloser Maschinen" ist.

Solcherlei Kontrastierungen muten zweifelsohne plakativ und holzschnittartig an, stehen jedoch für ein Verständnis der Poesie, die an eine Art Urraum zurückreicht. Gemäß der biblischen Lehre soll Gott alles aus dem Wort heraus geschaffen haben. Bei Kunert findet sich die Rede von einer "berauschenden Leere wie am Anfang, / als nichts sonst war / als das vielsagende Wort".

Mythen und archaisches Erzählgut 

Und so scheinen immer wieder Mythen und archaisches Erzählgut – von Adam und Eva bis zu Odysseus – in den sich an der Gegenwart abarbeitenden Gedichten auf. Diese alten Gründe nicht zu vergessen, ja, sie im Sinne eines gesunden kulturellen Gedächtnisses ständig in Erinnerung zu rufen, darin sieht Kunert seit jeher seine Bestimmung.

Er selbst weiß zugleich um seine begrenzte Macht als Lyriker, betrachtet ein wenig selbstironisch sein stetes Verzweifeln über den "alltägliche[n] Weltuntergang". Hinzu kommt in den aktuellen Miniaturen das Nachdenken über das Altern, die Krücken, ohne die der aufrechte Gang kaum mehr möglich sei. Was ihn bei alledem noch als Anker dient, ist die "Schrift" als "Heimat / deren ich noch sicher bin".

Kunert hat sich mit dem Band "Zu Gast im Labyrinth" zwar nicht neu erfunden. An Brisanz haben seine letzten Texte jedoch nichts eingebüßt. 

Günter Kunert: Zu Gast im Labyrinth
Hanser Verlag, München 2019
112 Seiten, 19 Euro

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