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Lesart / Archiv | Beitrag vom 25.01.2017

Gudrun EnsslinPoesie und Gewalt − die Lektüre der Terroristin

Ingeborg Gleichauf im Gespräch mit Frank Meyer

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Gudrun Ensslin bei Gericht im Gespräch mit ihrem Verteidiger, 1968. (picture alliance / dpa / Manfred Rehm)
Gudrun Ensslin bei Gericht im Gespräch mit ihrem Verteidiger, 1968. (picture alliance / dpa / Manfred Rehm)

Gudrun Ensslin war nicht nur RAF-Terroristin, sondern hatte auch eine starke Verbindung zum Literarischen. So schrieb sie Gedichte und promovierte über Hans Henny Jahnn. Ingeborg Gleichauf hat die Verbindung von Sprache und Gewalt bei Ensslin analysiert.

In ihrem Buch "Poesie und Gewalt" zeichnet die Germanistin Ingeborg Gleichauf den Weg der RAF-Terroristin Gudrun Ensslin nach und legt dabei besonderes Augenmerk auf die Bedeutung, die die Literatur für Ensslin hatte.

Seit ihrer Jugend habe sich Ensslin intensiv mit Literatur beschäftigt, sagte Ingeborg Gleichauf im Deutschlandradio Kultur, "als Leserin und als Schreiberin". Diese starke Verbindung der Terroristin zum Literarischen habe sie interessiert.

Während der Schulzeit habe Ensslin vor allem die Klassiker gelesen, die damals noch auf dem Lehrplan gestanden hätten: Goethe, Schiller, Conrad Ferdinand Meyer oder Gottfried Keller.

"Die ganz eigenen Vorlieben, die haben sich ein bisschen später entwickelt, also sie hat dann während des Studiums in Tübingen Hans Henny Jahnn kennengelernt. Das war eine ganz, ganz wichtige Lektüreerfahrung für sie. Und über den wollte sie dann auch eine Dissertation schreiben."

Sprache an Gewalt gekoppelt

Auch als Autorin trat Gudrun Ensslin immer wieder in Erscheinung: zunächst vor allem von Gedichten, die aber bisher nicht gefunden wurden. Sie vermute, dass diese von der Familie von Günter Eich aufbewahrt würden, an den Ensslin sie damals geschickt habe, so Gleichauf.

Auch sonst habe die spätere Terroristin viele Texte verfasst: Reiseberichte, auch Berichte an die Studienstiftung des deutschen Volkes, bei der Ensslin Promotionsstipendiatin war. 

"Und diese Texte, finde ich, die zeugen von einer großen Sprachbegabung und wirklich auch von der Fähigkeit, Atmosphärisches direkt in Sprache zu übersetzen."

Auch an den Schriften der RAF war Ensslin beteiligt: "Wobei man sagen muss, dass zumindest ein Hauch Persönliches bis in die ganz späten Texte da war. Nur hat sich der Ton insgesamt mit der Zeit verändert", so Gleichauf. 

"Innerhalb dieses Systems war es fast unmöglich, sich noch selbst auszudrücken als Individuum. Insofern würde ich sagen, das Literarische an diesen Texten war gerade dieser Wunsch, wirklich diese Sehnsucht, doch persönlich noch etwas auszusagen, und zwar im Einklang mit dem Wir dieser Gruppe."

Letztlich hätte sich aber auch bei Ensslin Sprache an die Gewalt gekoppelt:

"Es war nicht mehr voneinander zu lösen."

(uko)

Ingeborg Gleichauf: Poesie und Gewalt. Das Leben der Gudrun Ensslin
Klett Cotta, 2017
350 Seiten, 22 Euro

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