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Fazit / Archiv | Beitrag vom 12.07.2015

GriechenlandMit Kunst gegen die Krise

Moderation: Christine Watty

Epidauros ist die bedeutendste antike Kultstätte für den Heilgott Asklepios in Griechenland. Sie liegt auf der Peloponnes in der Region Argolis und gehört seit 1988 zum UNESCO-Weltkulturerbe. (imago/Andreas Neumeier)
Epidauros ist die bedeutendste antike Kultstätte für den Heilgott Asklepios in Griechenland. (imago/Andreas Neumeier)

Das Athens & Epidaurus-Festival lockt seit 60 Jahren Künstler aus aller Welt nach Griechenland. Gerade in der Krise könne man den Menschen mit dem Event das Gefühl geben, "zur europäischen Familie dazuzugehören", meint Sprecherin Maria Panagiotopoulou.

Christine Watty: Welche Auswirkungen hat die aktuelle Finanzkrise mit Bargeld-Stopp und Bankschließungen für das Festival?

Maria Panagiotopoulou: Ja, das alles hatte eine deutliche Auswirkung auf unser Festival. Zunächst bekamen wir ganz praktische finanzielle Probleme: Wie sollten wir die Leute bezahlen, die bei uns auftreten? Abgesehen davon war auch das Verhalten der Festival-Besucher für uns unberechenbar. Wir bekommen ja nur 60 Euro am Tag, wissen nicht, wann die Banken wieder öffnen – und viele Leute dachten, es sei wohl besser, das Geld für die nötigsten Dinge auszugeben und nicht gerade für ein Festival-Ticket. Andererseits habe ich den Eindruck, dass die Leute so frustriert waren davon, eingesperrt zu Hause Fernsehen zu schauen und zu warten, was als Nächstes passiert – sodass es für sie eine große Erleichterung bedeutete, einfach mal ein Konzert anzuhören. Aber die meisten Leute waren zu zögerlich, ihr Geld dafür auszugeben. Also haben wir viele Auftritte abgesagt und zugleich versucht, einiges aufrechtzuerhalten, um das Festival weitergehen zu lassen.

Watty: Jetzt haben wir gehört, wie das Publikum reagiert, wie aber ist es mit den Künstlern? Ziehen die sich auch eher zurück – oder wollen auf die Bühne, wollen tanzen, Musik machen, Theater spielen, gerade jetzt?

"Die meisten Künstler wollten einfach auf die Bühne"

Panagiotopoulou: Die meisten Künstler reagierten so, wie Sie es eben beschrieben haben, sie wollten einfach auf die Bühne. Sie haben ja an den Konzepten und Auftritten gearbeitet, und wollten die nicht einfach absagen. Und die meisten hatten den Eindruck, dass das Programm für die Menschen eine Erleichterung, eine Pause darstellen kann: Zwischen zu vielen Gesprächen über Geld, über Banken, über den Grexit oder Nicht-Grexit, brauchte das Publikum regelrecht eine Performance auf der Bühne. Kunst hat in schwierigen Zeiten eine bestimmte Funktion. Gestern Nacht waren 3000 Leute da, das war eine große Überraschung für uns, aber ganz offensichtlich wollten die Menschen was anderes sehen, und irgendwie schaut man mit Hilfe der Kunst anders auf die Realität. Bei uns treten griechische und internationale Gruppen auf und sie unterstützen uns alle sehr. Sie sagen: Wir spielen auch ohne Geld, wir möchten das griechische Publikum unterstützen. Und das war für uns sehr berührend.

Watty: Aber ist es möglich, die politische Situation außen vor zu lassen?

Panagiotopoulou: Nicht wirklich. Die politischen Themen sind da. Man entdeckt sie in der Musik, in einem Lied, in Operntexten, innerhalb von Performances. Es gab aber keine politische Ausrichtung von Beginn an – wir wussten nicht, in welche Situation dieses Festival geraten würde. Aber natürlich beschäftigt es sich mit politischen und sozialen Problemen, griechische Künstler bekommen ihre Inspirationen auch von der Gesellschaft, in der sie leben. Natürlich merkt man, was derzeit passiert, wenn man zum Beispiel ein Konzert miterlebt, in dem uns ein Song weit zurück in eine schwierige Zeit der griechischen Geschichte bringt. Die Leute applaudieren und sind bewegt – und beziehen das Vergangene auf ihr Leben heute.

Wie Kunst die Menschen zusammenbringt

Und dann bekommen wir so viel Unterstützung von Künstlern aus dem Ausland, wie Adam Cohen, das ist der Sohn von Leonhard Cohen. Er ist Kanadier, aber sein Vater fühlt sich Griechenland sehr verbunden, er hatte ein Haus hier auf einer Insel – und Adam Cohen sagte: Wir unterstützen die griechische Gesellschaft, wir wissen, ihr schafft das! Und an die deutschen Zuhörer gerichtet möchte ich sagen: In der Politik ist vieles so angespannt. Aber hier sind die Dinge viel ruhiger. Einer unserer ausverkauften Auftritte war der der Schaubühne mit Thomas Ostermeier, Intendant der Schaubühne; er ist hier ein großer Star. Der Auftritt war ausverkauft und die Leute waren begeistert. Kunst funktioniert einfach anders, sie bringt die Leute zusammen und gibt ihnen das Gefühl, zur europäischen Familie dazuzugehören.

Watty: Ist das die dramatischste Krise, die das Festival durchstehen muss in seiner Geschichte? Und hat diese Krise vielleicht auch sogar etwas Gutes, da sie den Fokus auf die verbindende Kraft von Kunst und Kultur richtet, gerade wenn die politische Situation so schwierig ist?

Panagiotopoulou: Ich kenne mich nicht gut genug mit der Vergangenheit aus – aber wissen Sie, es ist ein internationales, nicht nur ein griechisches Festival. Es hat Spielorte wie das Theater oder das Herodion, unser Hauptspielort am Fuße der Akropolis – so treffen die antike und die moderne Kultur aufeinander. Und ich glaube, auch das ist eine Botschaft: Die Akropolis, die internationalen Künstler, das griechische Publikum, das ist eine Kombination, die nur Kunst und Kultur schaffen können. Die Finanzkrise kann die Menschen trennen, aber dies hier kann den Menschen das Gefühl geben, dass sie zusammengehören. Deshalb ist es so wichtig, das Festival am Leben zu halten auch in der Krise – und andere Botschaften zu senden, wie nur die Kunst es vermag: Botschaften auf eine viel emotionalere Art und Weise.

Mehr zum Thema:

Griechenland - Künstlerische Inspiration trotz Krise
(Deutschlandfunk, Kultur heute, 29.12.2013)

Hilfsprojekt - Kunst als Zufluchtsort
(Deutschlandradio Kultur, Fazit, 26.12.2013)

Kunst und Krise
(Deutschlandfunk, Kultur heute, 14.01.2012)

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