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Die Reportage / Archiv | Beitrag vom 12.04.2015

GriechenlandFlüchtlinge im Ferienparadies

Von Gerd Brendel

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Flüchtlinge landen auf Kreta.
Flüchtlinge landen am 27. November 2014 im Hafen von Ierapetra auf der griechischen Insel Kreta.

Für Touristen ist das Mittelmeer ein Sehnsuchtsort. Für tausende Flüchtlinge ist es das Meer, das sie vom sicheren Asyl in Europa trennt. Fast täglich erreichen Menschen aus Afghanistan oder Syrien die Strände von Kos, Samos und anderer Inseln.

Ägäis, strahlend blaues Meer. Der Urlaub beginnt auf der Fähre Richtung Samos. Aber mit einem Mal fallen mir die kleinen Gruppen, die sorgenvoll zusammensitzen und leise arabisch miteinander sprechen.  Ich werde neugierig und komme ins Gespräch. Es sind Flüchtlinge. Sie kommen aus Syrien, aus dem Iran oder Afghanistan. Was sie auf den Inseln  erlebt haben, auf der Überfahrt bei Nacht und Nebel von der türkischen Küste passt so gar nicht in das Bild der Idylle. Was als Urlaubsreise beginnt, wird zu einer Exkursion in eine Schatten-Parallelwelt, in der Menschen von Schleppern ausgebeutet werden und von europäischen Sicherheitskräften gejagt und eingesperrt werden, nur weil sie so leben wollen, wie es für mich und die anderen Touristen zum Alltag gehört.

Pythagorio auf Samos. Am Kai schaukeln die Fischerboote neben den Ausflugsschiffen. Vor den Restaurants stehen die Kellner auf Kundenfang. Braungebrannte Touristen drängeln sich  auf der Hafenpromenade.

An diesem Abend feiert Pythagorio seinen großen Tag: Ein erfolgreiches Scharmützel gegen die osmanische Flotte im vorletzten Jahrhundert. Und weil der Gedenktag auf einen griechisch-orthodoxen Festtag fällt, zieht die Prozession von der Kirche in Richtung Hafen. Vorneweg Soldaten mit aufgepflanztem Bajonett, Trachtenvereine gefolgt vom Bischof. Priester tragen eine Ikone der Muttergottes. Am Kai predigt seine Emminenz von "Koinonia" und beschwört die gottgegebene Gemeinschaft von Gott, Staat und Kirche. Dann wird das Seegefecht vor 150 Jahren mit Segelbooten und Feuerwerksraketen nachgespielt.

Fast ein Jahrhundert  nach der Seeschlacht, als die Insel längst zu Griechenland gehörte, war Samos das Ziel einer anderen Flotte: Boote mit griechischen Flüchtlingen vom nahen Festland, die als Teil des sogenannten "Bevölkerungsaustauschs" zwischen der Türkei und Griechenland 1923 ihre Heimat in Kleinasien verlassen mussten.

Auch Manoulis Großvater kam als kleiner Junge als Flüchtling nach Samos. Sein Bild hängt hinter dem Tresen von Manoulis Cafe´ am Kai. 

"Mein Großvater stammt aus Smyrna, dem heutigen Izmir. Er kam damals mit seinen zwei Brüdern. Er hat hier als Tischler gearbeitet. Und das hier ist sein Haus, in dem bis zu seinem Tod gelebt hat."

Dort, wo früher das Sofa der Großeltern stand, hat sein Enkel Manoulis die Kuchentheke aufgestellt.

"Immer wiederhat mich Großvater ermahnt, nach Hause zu kommen. Er hat immer davon geträumt, dass ich hier ein eigenes Cafe´ eröffne."

Als der Großvater vor einem Jahr starb und sein Haus leer stand, gab der Enkel seinen Job als Koch in einem großen Hotel auf und kehrte aus Athen zurück, um den Traum seines Großvaters wahr zu machen.

"I am happy! I always wanted to do my own stuff!"

Keinen Monat nach der Eröffnung kann sich Manoulis über Kundschaft nicht beklagen.  Die Urlauber lieben den freundlichen Wirt mit dem dichten schwarzen Bart und sein kleines Café mit Blick über den Hafen.

"Die Touristen, die hierher kommen, wollen Strand, Wasser, Sonne. Und hinterher schön irgendwo was trinken. Bei mir gehen die letzten Gäste selten vor vier Uhr nachts."

Manoulis legt Wert auf Qualität. Die Zutaten für seine hausgemachten Limonaden und seine selbstgebackenen Kuchen kauft er direkt von Bauern auf der Insel. Der Enkel des  Flüchtlings aus Kleinasien ist gut integriert, längst angekommen auf der griechischen Ferieninsel.

Ein paar Kilometer entfernt von Manoulis Cafe`, auf halbem Weg zwischen Pythagorio und der Inselhauptstadt Vathi liegt ein großer Supermarkt: In den Regalen hier landet das  Billig-Gemüse aus Agrarfabriken irgendwo zwischen Griechenland und Holland. Eine Familie aus England macht gerade ihren Feriengroßeinkauf. Eine junge Mutter mit einem Säugling und ein halbes Dutzend Männer in Arbeitskleidung schieben langsam ihre Einkaufswagen zwischen den Regalen hin und her, lesen aufmerksam die Preisschilder. 

"It is cheap… other place is too much expensive."

Einer von ihnen ist Hassan. Zwei Zucchini, zwei Bananen, ein Liter Öl liegen in seinem  Wagen, sein Abendessen. Hassan ist Flüchtling und heißt eigentlich anders.

"I change my name, I change my identity all the time."

Er gehört zur verfolgten Minderheit der Hasara, ist vor neun Jahren aus dem Iran geflohen. Eigentlich aber begann Hassans Flucht viel früher.

Nach dem Einkaufen lädt er mich zu sich nach Hause ein: Ein Bauernhof, zehn Fahrradminuten entfernt. Seit acht Jahren lässt ihn der Besitzer, ein pensionierter Lehrer hier wohnen. Wohnküche, eine Liege, Bad.

"This is my home… not clean too much… because I don´t have to much time…"

Für 400 Euro im Monat  kümmert sich Hassan um die Hühner, die Olivenbäume und die Weinstöcke. 

"Yamas… Nastrovje, cheers!"

Stolz lässt er mich von seinem Wein kosten. Und dann erzählt er seine Geschichte, die mit der Heirat seiner Eltern in Afghanistan beginnt.

Hassans Mutter ist Paschtunin, sein Vater Hasara. Ein absolutes Tabu. Trotzdem heirateten die beiden gegen den Willen des Großvaters und fliehen über die Grenze nach Pakistan. Nicht weit genug, um der Rache des Familienclans zu entgehen. 

"My grandfather killed my brother."

Hassans Bruder muss für die verletzte Familienehre mit dem Leben bezahlen. Der eigene Großvater bringt ihn um. Deshalb beschließen die Eltern, ihren jüngsten Sohn in Sicherheit zu bringen. Nie wird Hassan den Tag vergessen, als ihn sein Vater eines Tages mit seiner Lieblingsfrucht überrascht: einer Mango.

Die Früchte sind mit einem Schlafmittel präpariert. Als Hassan wieder aufwacht, ist er im Iran bei einem Freund seiner Eltern. Zehn Jahre lebt er dort unbehelligt mit falschen Papieren, bis sich eines Tages ein Verwandter bei seinem Ziehvater meldet und Hassan sich zur Flucht entschließt. Wie so viele wählt er den Weg über die Türkei. Nacht für Nacht versuchen sie von der türkischen Küste in Schlauchbooten die wenigen Kilometer entfernten Ägäis-Inseln Lesbos, Chios oder Samos zu erreichen. Allein 70 pro Nacht wollen nach Samos. Hassan hat Glück und schafft es mit seinem Schlauchboot gleich das erste Mal an den griechischen Patrouillienbooten vorbei auf die Insel, nach zwölf  Stunden auf dem Meer. Sein Freund Ali, ein Flüchtling aus Afghanistan, hat weniger Glück.

"Das erste Mal , als ich das Mittelmeer gesehen hab, war ich sehr glücklich, aber das zweite Mal, als wir losfahren sollten, habe ich Angst bekommen: Was ist wenn ich es nicht schaffe und ertrinke?"  

Schikane durch die Küstenwache

Wir treffen ihn im Büro einer lokalen Flüchtlingsinitiative im Stadtpark von Vathi, der Inselhauptstadt:

"Wir waren schon kurz vor der Inselküste, da hat uns die griechische Küstenwache erwischt. Sie haben sie uns weiter fahren lassen, aber sie haben uns in die falsche Richtung geschickt, wieder zurück Richtung Türkei. Aber wir haben uns gedacht… wir sind doch nicht blöd, wir müssen in die entgegengesetzte Richtung paddeln. Wir hatten nichts mehr zu essen und nichts mehr zu trinken, trotzdem haben wir durchgehalten. Zwölf Stunden lang."

1400 Euro hat Ali die Überfahrt gekostet. Und abgesehen von der Schikane durch die Küstenwache ist er noch glimpflich davon gekommen. Was andere Flüchtlinge auf den Polizeibooten erleben, kann man erahnen, wenn man die Skizzen an den Wänden des Büros der Flüchtlingsinitiative studiert. Grinsende Grenzer schlagen auf Flüchtlinge ein und zerstören ein Schlauchboot auf offener See. "Where is europe? Human for sale" Menschen zu verkaufen, steht über einer Zeichnung. Alltag auf dem Meer zwischen Samos und der nahen türkischen Küste. Von dem die braungebrannten Touristen auf der Hafenpromenade meist nichts mitbekommen.  

Auf dem Boden des kleinen Büros der Flüchtlingsinitiative stapeln sich Kleiderspenden. Kleidung, die die Flüchtlinge dringend benötigen. Die sie aber nicht mehr erreicht, weil sie neuerdings nicht mehr in der Stadt neben dem Rathaus untergebracht sind, sondern sofort in das neue Abschiebegefängnis, das oberhalb der Inselhauptstadt liegt. 

"Ich arbeite in einer Unterstützer-Gruppe, wir versuchen den Flüchtlingen irgendwie zu helfen, können aber kaum etwas ausrichten."

Anthula ist Lehrerin, von Hassan und Ali wird sie liebevoll nur "Mama" genannt. Immer wieder hat sie eine Besuchserlaubnis für das Abschiebegefängnis beantragt, vergeblich. Mittlerweile ist es Abend geworden. Draußen vor dem Büro stimmen die Zikaden ihr nächtliches Konzert an. Jemand hat ein paar Bier mitgebracht. 

Ali: "Das ist unser Leben. Wir haben nichts, wohin wir zurückgehen können, wir wissen nicht, was wir tun sollen, ich weiß nicht, was aus meiner Familie geworden ist."

Alis Freund Hassan hat ein Dach über dem Kopf, ein kleines Auskommen, und will dennoch weg von der Insel. Sein Ziel: Deutschland oder Skandinavien. In ein paar Tagen wird er versuchen, sich auf eine Fähre nach Italien zu schmuggeln. Mehr Kopfzerbrechen als die gefährliche Flucht auf der Ladefläche eines Lastwagen macht ihm allerdings sein griechischer Arbeitgeber.

Es ist das erste Mal, dass er ihn anlügt. Bis jetzt hat er seinen "Boss" in dem Glauben gelassen, er würde wieder nach Pakistan zurückkehren, sobald er genug Geld zusammen zusammengespart hat.

Ali will noch abwarten. Er zitiert ein Gedicht, ein Gazhal aus seiner Heimat: 

"Wo er auch hingeht, trägt der Wanderer die Liebe zu seiner Heimat im Herzen. Der Vogel im Käfig träumt von der Freiheit." 

Am nächsten Morgen habe ich mich mit Anthula vor dem Abschiebeknast verabredet. Von weitem könnte man die Beton-Riegel im Hang über Vathi für eine moderne Hotelanlage halten. Die Stacheldrahtmauer sieht man erst, wenn man vor dem Eingangsgitter steht. Anthula hofft mit mir als Journalisten reinzukommen.

Von Polizisten mit Gewehren werden wir die paar Meter vom Tor bis zum Büro des diensthabenden Offiziers gebracht. Der schüttelt den Kopf, ohne Genehmigung vom Innenministerium in Athen lässt er uns nicht herein. Auf dem Flur hinter seinem Schreibtisch sitzen Männer und Frauen und schauen  teilnahmslos zu, wie wir wieder nach draußen eskortiert werden.

"Im Camp gibt es Betten für 250 Personen."

Rechtsberater und einziger Chronist

Dem einzigen Bewohner von Samos, dem die Behörden eine Besuchserlaubnis ausgestellt haben, treffe ich später in seiner Kanzlei in der Altstadt von Vathi: Rechtsanwalt Avramides Konstantinos.

"Gestern Abend war ich da. Zur Zeit leben 650 Personen dort, 70 davon sind minderjährig. Die Zustände sind nicht gut. Es gibt kaum Wasser und nicht genug Betten. Die Menschen schlafen unter freiem Himmel. Es gibt keine Seife und die Hälfte der Toiletten sind kaputt."

Auf den Bildern, die Konstantinos bei seinem letzten Besuch heimlich mit seinem Handy gemacht hat, sieht man selbstgebastelte Sonnendächer aus Decken, kaputte Duschen und überschwemmte Toilettenräume.

"Ich habe das alles den Behörden nach Athen gemeldet. Keine Reaktion. Wo bleibt die UN? Wo die Menschenrechtsorganisationen? Wo die Journalisten? Meine Arbeit kann ich sowieso nicht machen. Eigentlich soll ich die Menschen in Asylfragen beraten. Aber niemand will hier in Griechenland Asyl beantragen."

Denn solange ihr Antrag geprüft wird, bleiben sie in Haft. Nicht wochen-, manchmal monatelang, solange bis ein Gericht über den Antrag entscheidet. Deswegen erklären sich viele Flüchtlinge offiziell bereit, wieder auszureisen, nur um schneller aus dem Lager entlassen zu werden.

Flüchtlingslager auf der Insel Lesbos (picture alliance / dpa / Foto: Orestis Panagiotou)Flüchtlingslager in Mytilene auf der griechischen Insel Lesbos im Oktober 2014. (picture alliance / dpa / Foto: Orestis Panagiotou)

"Dann bekommen sie eine vorübergehende Aufenthaltsgenehmigung befristet auf einen Monat, danach müssen sie ausreisen, Syrer bekommen sechs Monate. Solange können sie sich innerhalb Griechenlands frei bewegen."

"Die allermeisten versuchen sich damit, nach Athen durchzuschlagen, um von da illegal in andere europäische Länder zu reisen."

Längst ist Konstantinos vom Rechtsberater zum einzigen Chronisten der Zustände auf Samos geworden.

"Niemand sonst sieht etwas. Niemand hört zu. Keiner sonst weiß Bescheid, weil aus dem Lager nichts an die Außenwelt gelangt. Die Menschen im Lager fragen mich: Warum kommen Sie überhaupt hierher? Was sind sie überhaupt für ein Rechtsanwalt, wenn sie uns nicht helfen können?"

Eine Frage, die sich der Rechtsanwalt mittlerweile selbst stellt:

"I feel dissapointed as a lawyer, I don´t feel good." 

Nein, gut kommt er sich nicht in seiner Rolle vor. Warum er trotzdem weitermacht? Konstantinos zeigt auf das Heiligenbild hinter seinem Schreibtisch.

"Wissen Sie, mein Vater ist Priester. Da ist man einfach ein bisschen fromm. Ich will den Menschen irgendwie helfen. So bin ich aufgewachsen. Meine Kultur sagt mir, dass jedem der griechischen Boden betritt, die grundlegenden Menschenrechte zustehen."

Evramidis Konstantinos hat fast sein ganzes Leben auf der Insel verbracht. 

"Diese Insel liegt zwischen Ost und West und war in der Vergangenheit immer ein Umschlagplatz für Waren und Menschen."

Das einzige, was heute noch davon übrig geblieben ist, ist eine Fähre. Mit Touristen unterwegs in die eine Richtung, zu den Stränden. Und Flüchtlingen in die andere Richtung, unterwegs nach Athen, wo sie am Ende oft nicht mehr erwartet als endloses Warten, Knast, oder Obdachlosigkeit. 

"Ich stelle mir vor, das eines Tages wieder Schiffe  zwischen Istanbul, Samos, Athen und Italien hin und herfahren, und Menschen dahin bringen, wo sie hin wollen. Das ist mein Traum, aber das wird so bald nicht passieren."

Das Meer ein lebensgefährlicher Ort

Sehnsuchtsort  Mittelmeer. Für die Touristen Realität. Für die Flüchtlinge aber ist das Meer ein lebensgefährlicher Ort, streng bewacht von Polizei und Küstenwache.

Für die Patrouillen rund um Samos und in der östlichen Ägäis ist die Zentrale der Küstenpolizei zuständig. Mit Genehmigung des Innenministeriums treffe ich ein paar Tage später den  stellvertretenden Chef der Grenzschützer Gregorelis Nikos in seinem Büro.

"Unsere erste Aufgabe ist, Leben zu retten. Wir fischen die Flüchtlinge aus dem Meer und bringen sie zum nächsten Hafen. Dort werden sie registriert und wieder frei gelassen."

Was sagt er zu den Vorwürfen von Flüchtlingen und Menschenrechtsinitiativen wie Amnesty International, dass seine Kollegen Flüchtlinge bewusst in die Irre leiten, wie zum Beispiel das des Afghanen Ali vor Samos? Ihre Schlauchboote zerstören oder die Boote in sogenannte "push-back" Aktionen wieder zurück aufs offene Meer ziehen?

"Davon haben wir nie etwas gehört. Diese Flüchtlinge lügen, und es ist traurig, dass sie solche Sachen erzählen. Es gibt nur wenige Tote, weil ihre Boote überladen sind und manchmal zerstören die Flüchtlinge sogar ihre Boote selbst auf hoher See. Wir behandeln sie doch nicht als Kriminelle, damit hätten wir doch nichts gewonnen."

Aber eine Menge zu verlieren: Das Selbstbild als Lebensretter in Uniform und ein ruhiges Gewissen. Die Flüchtlinge, ja die würden ihm schon manchmal den Schlaf rauben, sagt Gregorelis zum Schluss unseres Gesprächs:

"Was mich verfolgt, sind die verzweifelten Gesichter der Flüchtlinge. Wir sehen darin Dinge, die kein Mensch sehen sollte."  

Nur wenige Kilometer trennen Samos von der türkischen Küste. Ein Katzensprung für Touristen mit gültigem Schengen-Visa oder EU Bürger. Unter Urlaubern sind die Orte hier genauso beliebt wie die griechischen Inseln. Kusadassi oder Bodrum heißen die Sehnsuchtsorte hier für ein paar unbeschwerte Sonnenwochen.  

Der beliebteste Ferienort ist Bodrum. Tag und Nacht schieben sich die Touristenströme durch die Altstadt. Viele bleiben einen ganzen Sommer lang und pendeln zwischen Strand, Hotel und den vielen Nachtclubs. Die anderen Bewohner auf Zeit sieht man auch hier kaum, dabei wohnen auch sie in Hotels. Im Hotel Evros zum Beispiel. Das ist nicht so luxuriös wie die Anlagen am Strand, selbst wenn es einen Swimming-Pool gibt. Bis tief in die Nacht sitzen Männer und Frauen in den Gartenmöbeln am Rand. Sie sprechen leise in arabisch untereinander und schauen immer wieder besorgt auf ihre Smartphones: Flüchtlinge aus Syrien, wie George und seine 16-jährige Schwester Mariam.

"Ich warte darauf, dass jemand anruft, der uns von hier wegbringen kann, nach Griechenland und dann weiter in ein europäisches Land."

Bezahlt wird über einen Mittelsmann.

"Ein paar von den Schleppern wollen vor der Überfahrt kassieren, aber das ist gefährlich. Also haben wir das Geld an eine dritte Person überwiesen, die wir und die Schlepper kennen, und wenn wir unser Ziel erreicht haben, melde ich mich bei ihm und er zahlt dann."

Vor zwei Wochen haben er und seine Schwester die syrische Grenze in Richtung Türkei überquert.

"Ich hatte Angst. Wir mussten ein paar hundert Meter über ein offenes Feld laufen. Auf der anderen Seite standen türkische Soldaten. Die haben aber nur in die Luft geschossen. Einen Tag lang haben sie uns festgehalten, dann durften wir gehen."

George stammt aus al-Hassaka, im Nordosten Syrien, mitten im Aufmarschgebiet der ISIS. Umkämpftes Gebiet zwischen syrischer Armee, Guerilla und Islamisten. 

"Die Innenstadt ist eingekreist. Es gibt keine Arbeit und ich konnte auch nicht mehr zu meiner Uni fahren, um weiter Maschinenbau zu studieren. An den Checkpoints rund um die Stadt kontrollieren einen bewaffnete Gruppen, und wenn sie merken, dass man Christ ist, kann es gefährlich werden. Viele meiner ehemaligen Klassenkameraden wurden gekidnappt oder gleich umgebracht."

Deshalb beschlossen die Eltern von George ihn mit seiner kleinen Schwester auf die Flucht zu schicken.

Natürlich habe er Angst vor der Überfahrt, aber wenigstens könnten er und seine Schwester schwimmen. Alles was die beiden dabei haben, passt in einen Jutebeutel. Den Rest tragen sie auf den Leib, Jeans, T-Shirt, eine Trainingsjacke. Bloß nicht zu viel mitnehmen, haben ihn Freunde gewarnt, das wird Euch sowieso abgenommen. Und wenn er erst einmal bei seinem Onkel in Schweden ist, kann er sich ja Sachen schicken lassen.

Ankommen da, wo es sicher ist für ihn und seine Schwester. Mehr will er nicht. Dazu müssen beide es aber erstmal auf die andere Seite schaffen. Dorthin, wo Hassan und Ali schon sind, auf griechischen Boden.

Flucht nach Schweden

Am nächsten Abend sind George und seine Schwester verschwunden. Wahrscheinlich werde ich die beiden nie wieder sehen. Die Fortsetzung ihrer Geschichte findet auf "Facebook" und am Telefon statt. Zwei Monate nach unserem letzten Treffen in Bodrum bekomme ich einen "Freundschaftsantrag" von George über Facebook. In seinem Profil hat er Stockholm als Wohnort angegeben. Wir verabreden uns zu einem Telefonat.

"We had a call from the smuggler…"

…erinnert sich George an seinen letzten Abend in Bodrum. Nach dem Anruf des Schleppers ging alles sehr schnell.

"Unser Boot wartete schon. Außer uns waren da 17 Flüchtlinge mit Kindern und eine alte Frau. Für die Überfahrt nach Kos brauchten wir nur 40 Minuten. Die Polizei ließ uns in Ruhe und einen Monat später sind wir dann mit der Fähre wie ganz normale Touristen weiter nach Athen gefahren."

In Athen hat George dann bei einem Schlepper angerufen, dessen Nummer er von einem Freund in Syrien bekommen hatte. Der brachte George und seine Schwester zu acht in einer Wohnung unter. Und dann begann das Warten.

Zwei Monate warteten die beiden.

"Der Schlepper war kein guter Mann, Er hielt uns die ganze Zeit in der Wohnung fest, ´Wenn ihr vor die Tür geht, werden ihr von der Polizei verhaftet und eingesperrt`, warnte er uns."

Zwei mal versuchten George und Mariam mit gefälschten Papieren an Bord eines Fluges nach Italien zu kommen. Vergeblich. Beim dritten Mal dann schafften die beiden es immerhin durch die erste Passkontrolle.

"Aber bei der zweiten Kontrolle, merkte der Zollbeamte, dass die Papiere gefälscht waren. Wir wurden kurz verhört, dann hat man uns aber wieder laufen lassen."

Beim vierten Mal hatten George und Mariam Glück. Diesmal glaubten  die Beamten den beiden und ließen sie in die Maschine nach Mailand einsteigen. Zwei Wochen später landeten George und Mariam in Stockholm.

"Jetzt muss ich wieder warten. Auf meine Anerkennung als Flüchtlinge. Drei Anhörungen habe ich schon hinter mir, demnächst steht die letzte bevor."

George hofft, dass er nach der vierten Anhörung eine Aufenthaltsgenehmigung bekommt, dann könnte er endlich einen Sprachkurs besuchen. Das Warten wäre endlich vorüber. Für die  Flucht von Bodrum an der türkischen Küste über das Mittelmeer und weiter nach Stockholm hat er für sich und seine Schwester 22.000 Euro bezahlt.

22.000 Euro für ein Leben ohne Angst vor den nächsten Bomben, ohne Angst gekidnappt oder ermordet zu werden. 22.000 Euro für ein Leben, von dem seine Freunde und seine Familie in Hassaka träumen. 22.000 Euro für ein Leben, dass für die Menschen auf dieser Seite des Mittelmers Alltag ist. 

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