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Fazit / Archiv | Beitrag vom 01.12.2016

Gregor Schneider in Bonn"Wenn das verrückt ist, was passiert draußen alles?"

Von Michael Köhler

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Der Künstler Gregor Schneider steht am 30. November 2016 in der Bundeskunsthalle in Bonn (Nordrhein-Westfalen) in seinem Raum "Guantanamo". (dpa / picture alliance / Rolf Vennenbernd)
Der Künstler Gregor Schneider steht am 30. November 2016 in der Bundeskunsthalle in Bonn (Nordrhein-Westfalen) in seinem Raum "Guantanamo". (dpa / picture alliance / Rolf Vennenbernd)

Die Bundeskunsthalle in Bonn zeigt unter dem Titel "Wand vor Wand" eine große Übersichtsschau zu dem Raumkünstler Gregor Schneider. Hier wechseln sich bekannte Werke, die in Deutschland noch nie gezeigt wurden, mit neuen ab.

Es beginnt groß, bunt, laut. Gregor Schneider wurde 2011 nach Kalkutta eingeladen, um beim wichtigen Durga Purja Festival einen Tempel für eine Göttin zu bauen. Auf wandfüllenden Videos ist das zusehen. Nachdem die Göttin gefüttert worden war, verabschiedeten sich alle von den Materialien und warfen alles in einen Seitenfluss des Ganges.

Schneider zog Reste davon wieder heraus und transportierte sie zurück an den Niederrhein bei Rheydt. Reste der Strohpuppen liegen in der Bundeskunsthalle herum. Sie kamen aus der Fremde gingen in die Fremde. Diese Transformationsgeschichte steht am Anfang der bislang größten Werkschau Schneiders.

"Für mich ist das 'ne zentrale Arbeit, mit dem dieser Ausstellungsparcours beginnt, weil ich dort in diesem Durga-Purja-Festival auch die Arbeitsweise wiederentdeckt habe: das Errichten von Räumen, der Abbau, der Transport, der erneute Aufbau."

Der Gedanke an Guantanamo ist unausweichlich

Wer es sich einfach machen will, erkennt Parcours aus über 20 Räumen nur eine Geisterbahn der Beklemmungen, der körperlichen Zumutungen: Kanäle, fensterlose Zimmer, verschlossene Türen, Rohre, Dark Rooms. Schneiders Kunst lässt nicht gleichgültig.

"Es gibt die Arbeiten aus diesem Haus. Es gibt abstrakte Zonen zum Thema Verdoppelung, Isolation, Deprivation. Es gibt Zonen der kulturellen Überlagerung. Es gibt den ganz zentralen Sterberaum, um den sich eigentlich alle anderen Räume wie Ringe letztendlich ziehen könnte."

Nach Foto- und Videoprojektionen von den "sterbenden Dörfern" des Braunkohlebergbaus am Niederrhein geht es durch einen weißen Korridor mit roten Zellentüren. Der Gedanke an Guantanamo und an "weiße Folter" durch Isolation und Wahrnehmungsentzug ist unausweichlich.

Nach einer Nasszelle geht es durch einen Kälte- und Kühlraum zum zentralen "Sterberaum". Das ist eine Nachbildung eines leeren Zimmers aus Mies van der Rohes Museum Haus Lange in Krefeld mit Fischgrät-Parkett und bodentiefen Fenstern.

"Und dieser große Bereich, das ich als das Nicht-Sichtbare oder Nicht-Bewusste beschreibe, das hat sicherlich einen ganz großen Raum hier in der Arbeitsweise, ganz konkret in den gebauten Räumen."

Das Museum als Abfalltonne

Dazu zählt auch der nachgebaute Ausstellungsraum der Galerie Foksal in Warschau. Auf dem Boden liegt der abgeformte Körper Gregor Schneiders.  Immer wieder fragt sich der Besucher, sind das Zimmer oder Zellen, was ist an-, was ist abwesend?

Es geht weiter durch Kellerräume und Garagen. "Doppelgarage" heißt das Werk, weil es nach Original und Reproduktion fragt, nach Vorstellung und Vorbild.

Bekannte Werke, in Deutschland noch nie gezeigte, und neue Räume wechseln sich ab. Unmerklich wird die Frage nach der Identität von Sachen, Räumen und Besuchern gestellt. Und plötzlich ein leerer Raum mit großer Öffnung durch die Decke ins erlösende Freie. Es regnet, schneit hinein. Alles verrottet. Das Museum als Abfalltonne.

"Man landet am Ende in diesem Matsch-Schlamm-Raum, mit der Verbindung nach draußen. Man weiß gar nicht genau, wo man ist. Man schaut in den Himmel und man weiß überhaupt nicht mehr, wo ist Innen- und wo ist der Außenraum und man landet in diesem sich selbst zerstörenden Morast-Raum, den man auch als Museumsraum verstehen könnte."

Überraschend und bislang ungezeigt sind frühe Arbeiten, die Gregor Schneiders Beschäftigung mit menschlichen Körpern in Räumen zeigen.

"Ich kann mir sehr schlecht Dinge merken"

"Ich häng' an meinen frühen Malereien und Zeichnungen. Ich habe nie etwas davon verkauft. Ich hänge an diesen Sachen. Ich sammel' diese Sachen. Ich bin ein großer Sammler. Vielleicht liegt es daran, dass ich mir so schlecht Dinge merken kann. Ich kann mir sehr schlecht Dinge merken. Ich kann mir Dinge auch schlecht begrifflich merken. Vielleicht ist das, ...das auch ein Grund, weshalb die Dinge dann gelagert werden, um sich zu erinnern."

Die Nüchternheit seiner Räume wird von einer affektiven Kraft überlagert. Schneiders Kunst regt auf und beruhigt zugleich. Eines ist es auf jeden Fall: theatral.

"Mit der Theaterwelt habe ich sehr gute Erfahrungen gemacht. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass die Theaterwelt radikaler und näher an der Gegenwartskunst ist als manch ein sogenanntes zeitgenössisches Kunstmuseum."

Individuelle und deutsche Geschichte kreuzen sich in Schneiders Kunsträumen. Das muss keinem gefallen. Es ist aufdringlich, lässt nicht los, spricht Kopf und Körper unausweichlich an. Ein herausragender Gegenwartskünstler ist er so oder so. Großes Theater ist es allemal.

"Wenn das hier verrückt ist, was passiert da draußen alles?"

Die Ausstellung "Wand vor Wand" ist vom 02. Dezember 2016 bis 19. Februar 2017 in der Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland zu sehen.

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