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Montag, 25.03.2019
 
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Lesart | Beitrag vom 14.03.2019

Gregor Hens über "Missouri"Verlockendes Amerika

Moderation: Andrea Gerk

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Der Autor Gregor Hens sitzt in grauen Hemd vor einer grauen Wand an einem Tisch, in der Hand eine Tasse. (Milena Schloesser)
Der Autor Gregor Hens (Milena Schloesser)

Franz Kafka, Thomas Mann, Peter Handke: Amerika gilt in der Literatur als Sehnsuchtsort. Fast immer wollen junge Männer der Enge zu Hause entfliehen - so auch in "Missouri" von Gregor Hens. Der Autor kennt Land und Leute genau.

Andrea Gerk: Amerika als Sehnsuchtsort findet sich ja in der Literatur immer wieder beschrieben - von Franz Kafka bis zu Peter Handke. Fast immer sind es junge Männer, die der Enge zu Hause entfliehen wollen, sich in der Weite des Landes verlieren und gleichzeitig finden möchten.

Auch der 23-jährige Karl ist so ein Flüchter, er will seine unglückliche Jugend in einem katholischen Jungeninternat hinter sich lassen und geht als Assistant Teacher nach Missouri, und während in Europa die Mauer fällt, erlebt er eine nicht ganz unkomplizierte Liebe in diesem Land im Mittleren Westen, das dem Roman von Gregor Hens seinen Titel gibt. "Missouri" heißt er, und Gregor Hens ist jetzt bei mir im Studio.

Sie sind ja selbst stark mit Amerika verbunden. Das ist offenbar auch ein autobiografisch gefärbter Roman. Sie unterrichten dort seit vielen Jahren Deutsch an Universitäten. In zwei Wochen gehen Sie, glaube ich, soweit ich weiß, auch wieder hin. Was war das damals, als Sie zum ersten Mal wie dieser Karl nach Amerika kamen, was war das für ein Gefühl?

Hens: Das war eigentlich schon das zweite Mal, weil ich auch als Schüler schon an einem Austauschprogramm teilgenommen habe und dann praktisch wiedergekommen bin, und eigentlich so dieser Traum der Rückkehr, der sich da erfüllt hat, das war ein wunderbares Gefühl.

Ich bin dann nach Missouri gekommen, tatsächlich mit 23, und habe die Menschen als unglaublich freundlich empfunden. Das war ein unglaubliches Willkommen. Es war wirklich ein wunderschönes Erlebnis, einfach zu sehen, wie offen die Menschen sind. Das war fantastisch, das kannte ich aus meiner Jugend nicht.

Gerk: Was ist denn das für eine Sehnsucht, die den Karl da antreibt? Der ist ja da auch von ganz starken Vorstellungen besetzt.

Hens: Ja, der hat natürlich wie alle Deutschen, alle jungen Deutschen in dieser Zeit auch gewisse Bilder im Kopf von Amerika und von dieser Freiheit. Er sucht sich einen Ort aus, an dem er sich praktisch selbst erfinden kann und hat auch Lieder, Musik im Kopf und Bilder im Kopf, und er versucht, das dann auf seine Weise zu füllen, dieses Bild. Er ist einerseits ein bisschen verwirrt, er weiß natürlich nicht wirklich, was er mit seinem Leben will, andererseits ist er offen für Möglichkeiten und auch für die Menschen, die ihm dort begegnen.

Karl als Hommage an Kafkas "Amerika"

Gerk: Haben Sie denn diesen Namen genommen, weil Karl als Hommage quasi an Kafkas "Amerika", der heißt ja auch Karl Roßmann.

Hens: Ja, auf jeden Fall, ja. Roßmann wollte ich natürlich nicht, aber Karl, das ist tatsächlich eine …

Gerk: Da sind ja viele so Referenzen. Da kommt man, glaube ich, wenn man nach Amerika kommt, auch gar nicht drum herum, weil man so viel damit auch verbindet. Auch "Mrs Robinson", dieser Film, der geistert da auch ganz konkret mal durch. Hat Sie das inspiriert zu dieser Liebesgeschichte? Denn der Karl - das darf man ja verraten -, der verliebt sich erst in die schöne Studentin Stella und dann aber in deren Mutter, und das ist ja eigentlich auch dieser Film, der diese Geschichte erzählt.

Hens: Genau, "Die Reifeprüfung" auf Deutsch, "The Graduate" ist einer der Intertexte in diesem Buch. Das Buch bewegt sich so ein bisschen zwischen der "Reifeprüfung" einerseits und "Lolita" andererseits. Also es gibt sehr viele, tatsächlich sehr viele Verweise darauf.

Das Buch ist intertextuell, aber ich hoffe natürlich auch, dass man es auch so lesen und verstehen kann als eine Liebesgeschichte, als die Geschichte eines jungen Mannes, der tatsächlich versucht, sich neu zu erfinden, der nach Westen geht, immer weiter nach Westen.

Es gibt auch zum Beispiel kleine Hinweise auf Laura Ingalls, die Autorin von "Unsere kleine Farm", die in Missouri gelebt hat. Also ich streue das. Das ist schön, das zu entdecken, wenn man Lust darauf hat, und wenn man diese Texte kennt, aber der Roman soll natürlich für sich so funktionieren als eine Geschichte, eine Liebesgeschichte und eine Geschichte des Erwachsenwerdens.

Warum immer der Konjunktiv?

Gerk: Das tut er auf jeden Fall, denke ich. Sie schaffen ja auch sehr starke eigene Bilder. Zum Beispiel fand ich wirklich berückend diesen Einfall und wie Sie den auch erzählen, dass die Stella, in die sich Karl verliebt, immer wenn sie glücklich ist, schwebt und er dann auch ganz überrascht ist, aber es wird auch nicht wirklich erklärt.

Hens: Es gibt schon Erklärungen. Es gibt Hinweise, es gibt Erklärungsmodelle in dem Buch, die immer mal wieder vorkommen. Aber für mich als Autor, ich lese oft so Sätze wie: Sie sah aus, als würde sie schweben oder sie sah aus, als schwebte sie, und dann als Autor fragt man sich natürlich, warum muss ich das immer im Konjunktiv halten, warum kann ich das nicht einfach so setzen, nicht einfach machen, warum schwebt sie denn halt nicht?

Ich habe letztens mal einen Satz gelesen, das war: Er ging langsam die Treppe hinunter, als fürchte er, die Treppe könnte einstürzen. In diesem Satz stecken praktisch drei Romane drin. Einmal die Geschichte von jemandem, der die Treppe runtergeht, die dann einstürzt, von jemandem, der also ein Phobiker ist, der jedes Mal, wenn er die Treppe runtergeht, denkt, sie könnte einstürzen, und dann gibt es natürlich die Geschichte, dass jemand einfach die Treppe runtergeht.

Das ist wahrscheinlich die am wenigsten interessante. Also die Überlegung, die dahintersteht, warum nehmen wir das nicht einfach mal beim Wort und gucken, was daraus wird.

Mittlerer Westen: stark von deutscher Kultur geprägt

Gerk: Und lassen die einfach mal zehn Zentimeter schweben über der Erde, das hat mir sehr gut gefallen. Wie ist denn das eigentlich, wir haben schon über diese Bilder und Referenzräume, die wir automatisch im Kopf betreten, wenn wir an Amerika denken, Sie unterrichten ja da schon sehr lange Deutsch mit Studenten, wie ist das denn umgekehrt – wie erleben Sie die Studenten, haben die auch so starke Bilder von Deutschland?

Hens: Nein, nicht wirklich. Also es gibt schon … teilweise. Im Mittleren Westen, das ist ja auch eine Gegend, die sehr stark von der deutschen Kultur geprägt ist und viele deutsche Auswanderer, die im 19. Jahrhundert dort hingekommen sind.

Gerk: Das ist auch so eine schöne Szene, fällt mir gerade ein, wo er sich das Auto kaufen will und dieser Mann ihm das gleich mal von sich aus 400 Euro, glaube ich, 400 Dollar billiger gibt, nur weil er deutsche Vorfahren hat.

Hens: Genau.

Gerk: Sowas kann man da wahrscheinlich wirklich erleben.

Hens: Absolut. Man hat einen unglaublichen Bonus, wenn man in diese Region kommt als Deutscher. Die Leute, gerade die deutschstämmigen, verbinden doch etwas sehr, sehr Positives damit, mit Deutschland.

Natürlich sind das auch die Vorurteile, die wir alle über Deutsche immer haben oder die ganze Welt hat, diese Pünktlichkeit, Sauberkeit, Ordnung und so weiter, aber das ist natürlich auch schön. Man hat tatsächlich einen Bonus.

Gerk: Und was arbeiten Sie dann mit den Studenten? Gehen Sie mit denen auch richtig Texte durch, lesen deutsche Romane, oder wie muss man sich das vorstellen? Lernen die tatsächlich nur die Sprache?

Hens: Nein, also ich habe angefangen mit reinem Deutschunterricht, das war auch sehr interessant für mich als junger Mann, weil man die eigene Sprache natürlich auf eine ganz andere Weise dann auch kennenlernt, aber ich bin Literaturwissenschaftler und Sprachwissenschaftler -

Gerk: Und Übersetzer auch, müssen wir auch noch erwähnen.

Hens: – und Literaturübersetzer, genau. Ich mache jetzt als Nächstes ein Seminar zur Literaturübersetzung, Geschichte der Kafka-Übersetzungen ins Englische. Das ist sehr interessant. Es gibt eine Reihe von Übersetzungen, die sich dann gegenseitig ergänzen, und man kann sehr viel lernen an der Geschichte der Übersetzung. Das mache ich als nächstes, aber ich habe auch sprachwissenschaftliche Themen bearbeitet.

"Das Englische hat etwas Unaufgeregtes"

Gerk: Sind Sie selbst in Ihrem Schreiben, habe ich mich gefragt beim Lesen, auch stark von der amerikanischen Literatur geprägt? Weil der Ton, der ist ja so ein bisschen eigentlich wie der Missouri, wie so ein ruhiger Fluss, der so dahinfließt, und da dachte ich, das erinnert einen so ein bisschen an diese amerikanischen Short-Story-Tradition, oder wo sehen Sie sich da? Ist das für Sie wichtig, amerikanische Literatur?

Hens: Auf jeden Fall ist das für mich wichtig. Ich mag vor allem die Sprache, die Literatursprache. Das Englische hat etwas Unaufgeregtes, es hat nicht so viel Pathos. Man kann im Englischen wunderschöne glatte Sätze schreiben, die sehr subtil sind und wo die Erregung, die literarische Erregung eigentlich so von unten herauskommt, die auch eine starke Nachwirkung hat. Der Klang des Englischen, der englischen Literatursprache ist ein ganz anderer als der deutschen, und ich mag das. Ich habe da natürlich auch so meine Lieblingsautoren, mit denen ich auch teilweise spiele. Ich mag das, dieses Unaufgeregte dieser Sprache.

Gerk: Jetzt fahren Sie ja schon sehr lange immer wieder nach Amerika und arbeiten dort. Nun hat sich das Land ja unglaublich verändert, auch gerade noch mal in den letzten Jahren. Waren Sie jetzt da, seit Trump da regiert?

Hens: Nein, war ich nicht. Ich verfolge das natürlich sehr aufmerksam, auch die politische Situation, und ich habe auch sehr viele Freunde und sehr viele Kontakte, aber ich bin jetzt auch sehr gespannt.

Also wie gesagt, in zwei Wochen fliege ich hin und werde dort eine Zeit lang arbeiten. Das ist nur so, wenn man an die Unis geht, dann kommt man natürlich auch in so eine Art Insel der Seligen, auf so eine Insel. Eigentlich muss man übers Land fahren und mit den einfachen Leuten sprechen, mit den normalen Menschen. Als Akademiker kommt man da oft nicht so … Man bekommt diesen Kontakt nicht so.

Es ist auch so, dass viele Deutsche, deutsche Intellektuelle, auch Politiker und alle möglichen Leute, die etwas über Amerika zu sagen haben, meistens in den Metropolen an den Küste sind und die diesen Raum dazwischen, diesen Mittleren Westen, in dem ja eigentlich sehr viel auch politisch und kulturell stattfindet, gar nicht so kennen. Es bringt auch nicht viel, sich da ein Wohnmobil zu mieten und da durchzufahren. Man muss da leben, und um das zu verstehen, das braucht auch seine Zeit.

Das sind alles für mich sehr wichtige Erfahrungen, die dann auch in den Romanen immer wieder einfließen, dieses Gefühl für das Land. Zum Beispiel die Trennung zwischen den Nord- und den Südstaaten: Missouri ist der einzige Staat gewesen, der zwischen Nord- und Südstaaten im Bürgerkrieg getrennt war, und wenn man dann über den Fluss von Norden nach Süden fährt, dann spürt man auf einmal, dass man woanders ist. Irgendwie hat man sogar das Gefühl, dass sich das Wetter schlagartig ändert. Es wird wärmer und schwüler, und die Menschen und die Katzen bewegen sich langsamer. Man ist sofort in den Südstaaten.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Gregor Hens: "Missouri"
Aufbau-Verlag, Berlin 2019
284 Seiten, 22 Euro

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