Greenwashing

    Giga oder Gaga?

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    Tesla-Chef Elon Musk (links) beim Tesla-Ortstermin mit CDU-Kanzlerkandidat Armin Laschet.
    Forderte von den Behörden eine bevorzugte Behandlung für sein Giga-Projekt: Tesla-Chef Elon Musk (links) beim Ortstermin, hier mit CDU-Kanzlerkandidat Armin Laschet. © picture alliance / dpa / Patrick Pleul
    Von Markus Bauer · 10.09.2021
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    Kaum ein Tag vergeht, ohne dass Unternehmen oder Institutionen die Aussicht auf "Klimaneutralität" bemühen. Können diese Nachhaltigkeitsversprechen redlich sein, solange der Konsum ungebremst ist? Der Publizist Markus Bauer hegt erhebliche Zweifel.
    Teslas Gigafactory bei Berlin sorgt für Aufsehen. Die Entscheidung für das Projekt fiel schnell, der Baubeginn war es ebenfalls. Für die Fabrik holzte Tesla einen 250 Fußballfelder umfassenden, bewaldeten Bauplatz ab und betonierte ihn zu. Auch die Tatsache, dass hier in einem Wasserschutzgebiet in einer sowieso von jahrelanger Dürre betroffenen Region Wald gegen Beton ausgetauscht wurde und eine Erhöhung des Wasserverbrauchs nicht zu umgehen ist, rief KritikerInnen auf den Plan.
    Zudem soll auch hier noch die angeblich größte Batteriefabrik der Welt errichtet werden. Weil seine E-Autofabrik der Ökologie diene, forderte der Investor Elon Musk gar von den Behörden eine bevorzugte Behandlung für sein Giga-Projekt.

    Ist auch der ökologische Nutzen der Fabrik giga?

    Ist dem so? Ist die Abholzung großer Flächen und Versiegelung des Bodens zusammen mit dem Wasserverbrauch der Autofabrik ökologisch wertvoll, weil ihre Produkte – etwa 500.000 Elektroautomobile pro Jahr – in der späteren Benutzung weniger Schadstoffe emittieren als die Verbrennungsmotoren und so zu einer scheinbar besseren Ökobilanz beitragen?
     Blick auf die Tesla-Baustelle in Grünheide in Berlin, im Vordergrund Wald, im Hintergrund der Betonbau der Gigafactory.
    Wald oder Beton? In Grünheide in Berlin entsteht Teslas Gigafactory. © picture alliance / Eibner-Pressefoto / Uwe Koch
    Was auf den ersten Blick einzuleuchten scheint, lässt bei genauerer Betrachtung erhebliche Zweifel entstehen. Zunächst fällt auf, dass diese und andere Fabriken zunächst weiterhin tun, was seit der Industrialisierung im 19. Jahrhundert alle IndustrieunternehmerInnen gemacht haben: Sie verbrauchen vorhandene Ressourcen der Natur, um damit die eigenen Kosten niedrig zu halten und den Profit zu steigern. Zwar sehen sich heutige Investoren hierzulande genötigt, für ihre Naturzerstörung eine Art ökologischen "Ausgleich" zu schaffen.
    Der wiederum betrifft aber kaum mehr als die zerstörte Bodenfläche – die Folgezerstörungen durch den Verbrauch global nachgefragter Rohstoffe, die umweltschädlichen Transporte in der globalen Lieferkette, der Bau von Straßen unter Abholzung weiterer Wälder, das Verschrotten der produzierten Güter gehen nicht in diese Rechnung ein.
    Sie würden die ökologische Bilanz all dieser scheinbar vor dem Klimawandel rettenden Investitionen als das kenntlich machen, was sie in der Realität sind: Greenwashing – also das Schönreden der ökologischen Auswirkungen industrieller Produktion.

    Sind Nachhaltigkeitsversprechen eben nur das – Versprechen?

    Gegen die Absicht der Politik, in den Markt durch die Einführung von CO2-Bepreisung einzugreifen, erklären mittlerweile fast täglich in einer regelrechten Welle von Nachhaltigkeitsversprechen Unternehmen und Institutionen das Jahr 2030 oder 2035 zum Wendepunkt: Von da an sollen mehr oder minder wichtige ökonomische Parameter "klimaneutral" sein.
    Es steht zu befürchten, dass diese Werbe- und Goodwill-Maßnahmen mit ihrer Behauptung der unbedenklichen Nachhaltigkeit nur der Erhöhung des Konsums dienen und die Klimazahlen gar nicht oder nur kaum messbar verbessern werden.
    Seit Aufkommen dieser Versprechen etwa zur Jahrtausendwende ist beispielsweise mehr Regenwald zerstört worden als jemals zuvor. Letztlich werden die angekündigten Nachhaltigkeitsversprechen die Lage wohl nur verschlimmern, weil sich die Greenwashing-Ankündigungen der Industrie als Hinhaltetaktik entlarven werden, um wirksamere Umweltschutzregeln zu verhindern.

    Unendliches Wachstum wird es niemals geben

    Wer glaubt, immer mehr Elektrizität durch immer mehr Windräder in geschützten Landschaften oder auf hoher See "nachhaltig" produzieren zu können, setzt immer noch auf das Wachstum des Konsums. Die Innovationskraft menschlichen Erfindergeistes mag zwar unerschöpflich sein, aber das Versprechen eines unendlichen Wachstumskonsums industrieller Güter dürfte der Klimawandel ein für alle Mal zunichtegemacht haben.
    In einer Welt begrenzter Ressourcen wird es niemals unendliches Wachstum geben. Um das zu verstehen, muss man kein Professor sein. Was wirklich in der heutigen Situation hilft, ist eine ehrliche Öko-Bilanz unseres Konsums:
    Wenn wir unseren Autos, Lebensmitteln, Textilien, Elektrogeräten und fossilen Energieverbrauchern ihre realen Kosten und Preise in Rechnung stellen, dann werden sich viele Konsumgewohnheiten schnell von selbst reduzieren. Denn dann wird sich manche naturzerstörende Investition einfach nicht mehr lohnen.

    Markus Bauer, 1959 im Saarland geborener Buchautor und Journalist, lebte nach Studium der Germanistik und Geschichte fünf Jahre als DAAD-Lektor in Rumänien. Seitdem ist die Geschichte dieses Landes häufiger Gegenstand seiner journalistischen und publizistischen Arbeit. Er schreibt unter anderem auf der Website kultro.de und regelmäßig in der "NZZ".

    © Markus Bauer
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