Deutsches Leben in New York

Die Grand Prospect Hall steht vor dem Abriss

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Viele Menschen bilden in der Grand Prospect Hall in New York, USA, einen Tanzkreis.
Tanzparty in der Grand Prospect Hall 2015 - nun ist die Veranstaltungsstätte bald Geschichte. © picture alliance / dpa / AA / Cem Ozdel
Von Andreas Robertz · 09.01.2022
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Das Ende einer deutschen Institution in New York: Nach über hundert Jahren soll die Veranstaltungshalle Grand Prospect Hall abgerissen werden. Das Ziel: mehr Wohnraum. Doch das kulturelle Leben in Brooklyn wird ein Stück ärmer.
„Wir machen Ihre Träume war“: Für New Yorker gehörte diese ziemlich schlecht gemachte Werbung in den lokalen Fernsehkanälen seit Jahren zum alltäglichen Leben.
Die Besitzer Michael und Alica Halkias stehen mit ausgestreckten Armen auf der weiten Marmortreppe der Grand Prospect Hall und werben für unvergessliche Stunden - dazu Bilder des großen Ballsaales mit seinen bemalten Wänden, Decken und dem riesigen Lüster. Eine Hochzeitsfantasie irgendwo zwischen Barock und Kitsch.

Die Halle war ein Stück Heimat

Doch nun soll die Halle abgerissen werden. Dabei ist sie ein einmaliges Stück New Yorker Geschichte, denn in diesem Gebäude wird seit über hundert Jahren gefeiert, getanzt, gesungen und Heimatkunde gepflegt.
"Hier kamen die Menschen, die gerade in Amerika angekommen waren, hin, um sich mit ihren Landsleuten zu treffen. Man hatte das Gefühl von Gemeinschaft. Es war wie ein bisschen Heimat", sagt die 73-jährige Stadtteilhistorikerin Ruth Edebohl.
Für sie hat die Festhalle auch eine sehr persönliche Bedeutung: "Ohne die Grand Prospect Hall wäre ich gar nicht hier, weil sich meine Eltern, die deutsche Einwanderer waren, hier in den 1920er-Jahren beim Tanz trafen. So hat es mir meine Tante Marlene erzählt. Also, wenn es die Grand Prospect Hall nicht gegeben hätte, würde ich vielleicht nicht existieren."

Teenager aus Debstedt und Dannenberg

Die Geschichte von Ruth Edebohls Eltern steht exemplarisch für so viele Einwanderungsgeschichten jener Zeit: Sie kamen als Teenager aus Debstedt und Dannenberg in der Nähe von Hamburg über Bremerhaven nach New York. Die Überfahrt wurde von denen bezahlt, für die sie dann auch in Brooklyn arbeiteten.

Meine Mutter arbeitete als Eisverkäufern. Und mein Vater war Maler- und Anstreicher, als er zuerst in Amerika ankam. Dann haben sie geheiratet und hier in der Nachbarschaft ein Delikatessengeschäft aufgemacht. Die Grand Prospect Hall war nur ein paar Häuserblocks entfernt. Mein Vater war ein sehr guter Tänzer, und damit muss er meine Mutter dort beeindruckt haben.

Stadtteilhistorikerin Ruth Edebohl

Neben dem barocken Tanzsaal gab es mehrere kleinere Säle, zwei große Terrassen, einen zauberhaften Blick auf den New Yorker Hafen, die Freiheitsstatue und auf einen Fahrstuhl. "Die hatten diesen wundervollen Aufzug mit Glas, das war sehr besonders. Ich glaube, es war der erste Glasaufzug in einem kommerziellen Gebäude überhaupt", sagt Ruth Edebohl.
Ein Mann mit Einkaufstüten über dem Arm blickt zu einem eigerüsteten New Yorker Häuserblock empor.
Von außen schon länger nicht mehr ansehnlich: die Grand Prospect Hall.© picture alliance/dpa/Susanne Hehr
Nachdem Besitzer Michael Halkias 2020 an Covid-19 verstarb, wurde das Gebäude für 30 Millionen Dollar an einen Bauunternehmer verkauft und soll nun einem Apartmentgebäude weichen. Man sagt, das Interieur sei bereits rausgerissen. Eine Eil-Petition, das Gebäude unter Denkmalschutz zu stellen, hatte keinen Erfolg. Zu viel sei über die Jahre an der originalen Architektur verändert worden, heißt es in der Begründung.

Die Wohnqualität schwindet

Für Ruth Edebohl ein unersetzbarer Verlust: "Ich glaube, sie hatten viele Unterschriften und zu einer anderen Zeit hätte es vielleicht noch geklappt, aber es war schlechtes Timing. Sie sind rein und haben alles rausgerissen, bevor irgendjemand es realisierte. Es gibt nichts auch nur Annäherndes in der Stadt. Es war das Letzte seiner Art."
Brooklyn wächst und wächst und es fehlt an bezahlbaren Wohnraum. Deswegen ist es für Bauunternehmer recht einfach, von der Stadt Abriss- und Baugenehmigungen zu bekommen. In die oft sehr teuren Neubauten ziehen dann Menschen, die Brooklyn wegen der Wohnqualität schätzen. Doch mit dem Abriss historischer Gebäude wie der Grand Prospect Hall schwindet genau diese.
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