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Lesart | Beitrag vom 02.02.2019

Glosse über Helm- und Stiefel-Literatur Dänen-Rambo trifft Auslöscher

Von Paul Stänner

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Ein Soldat der Kommando Spezialkräfte (KSK) mit einem G36-Gewehr am 12.9.2001 auf dem Schießstand in der Kaserne Calw (Foto der Bundeswehr. Achtung Redaktionen: Nutzung für Werbung nicht gestattet).  (BMVg)
KSK-Soldat mit G36-Gewehr (Symbolbild): Boom an Erfahrungsberichten (BMVg)

Wer seriöse Soldaten-Literatur wie "Ich diene Deutschland" beim Online-Händler bestellt, wird mit einem wahren Strom an Buchempfehlungen aus eher trüben Quellen konfrontiert. Paul Stänner hat sich das Phänomen angesehen.

In den vergangenen Jahrzehnten hat sich auch im Sachbuchbereich ein neues Themenfeld aufgetan. Spätestens seit dem Kosovo-Einsatz der Bundeswehr ab 1999 gibt es ein wachsendes Segment von Büchern, die sich mit den aktuellen Kriegen beschäftigen. Darunter immer mehr Erfahrungsberichte, die das Geschehen in solchen Kampfzonen aus eigenem Erleben schildern.

Andere Nationen, die USA beispielsweise oder Großbritannien, haben schon eine längere Tradition in solcher Helm-und-Stiefel-Literatur. Wir in Deutschland dagegen haben wohl noch Probleme mit diesem Thema. Zum Beispiel wird ein Buch, das im vergangenen Jahr veröffentlicht wurde, beworben mit: "Die Jäger – eine Eliteeinheit – tödlich wie die Navy SEALs – eingesetzt in den gefährlichsten Kriegsregionen im Kampf gegen den Terror."

Werbe-Stakkato im MG-Sound

Das hämmert wie Radiowerbung für einen Action-Film. Bei dem Buch handelt es sich um den Erlebnisbericht eines dänischen Elitesoldaten: "Er kämpfte in den unüberwindbaren Bergen Afghanistans gegen die Taliban und Al-Quaida, war Undercover als Afghane unterwegs, Bodyguard in der Kriegszone und rang jahrelang mit der irakischen Miliz."

Die Werbung inszeniert einen Kämpfer in angeblich unüberwindbaren Bergen im Ringen mit einer Vielzahl von Feinden, die einer gegnerischen Religion angehören. Der Werbetexter empfand sich offenkundig als Schamane aus dem Dunkel heroischen Epochen. Mit den zitierten Worten hätte er auch viele Episoden aus "Game of Thrones" beschreiben können oder dem "Herrn der Ringe", dunkle Zeiten, in denen es noch keine Hubschrauber gab, die leicht Berge überwanden.

Reflexartig nahm die kritische Publizistik den Ton auf: "Memoiren eines Afghanistan-Kämpfers, Dänen-Rambos satanische Verse" lautete die Überschrift eines "Spiegel"-Artikels. Schnell hatte jemand zusammengerührt, was ihm im Moment an Spott und Häme eingefallen war: Elitesoldat – Rambo natürlich. Afghanistan – Moslem. Wenn Moslem, dann "Satanische Verse", das Todesurteil gegen den Autor Salman Rushdie. Der blutige Moslem.

Einzelkämpfer wie im Landserheft

Dass der Artikel dann aber ein ganz anderes Thema hatte, schmälerte nicht die Freude der Überschrift am hämischen Wortspiel. So tun wir uns offenbar immer noch schwer mit dem Sprechen über dem Krieg, selbst wenn wir daran teilnehmen.

Gleichzeitig scheint aber ein Markt für solche Bücher entstanden zu sein, auf dem nicht nur die kritische Erkenntnis gesucht wird: "Nicholas Irving ist einer der größten Helden, die die US-Armee je hervorgebracht hat. (...) Im Sommer 2009 erschoss er während eines einzigen Einsatzes mehr Feinde als jemals ein Soldat vor ihm. Von da an nannten ihn Kameraden und Vorgesetzte den 'Auslöscher'."

Das ist der Stil der Landser-Heftchen aus den 50er Jahren. Billig gemacht und billig verkauft, waren sie Lesestoff für diejenigen, die noch immer einer verlogenen Wehrmachts-Abenteuer-Romantik anhingen und den letzten Russlandfeldzug gewinnen wollen – wenigstens in der Fantasie.

Im Stil dieses Kameradschafts-, Helden- und Todeskitsches schreibt die Werbung über ihren amerikanischen Helden: "Seine Aktionen auf dem Schlachtfeld lieferten Stoff für Legenden. Ihr Höhepunkt war eine beispiellose Konfrontation mit einem feindlichen Scharfschützen, der als 'Der Tschetschene' bekannt war."

Stalingrad-Sound

So wird ein vorgebliches Sachbuch zum Landser-Heftchen frisiert – zwei namentlich genannte Einzel-Krieger, die zur persönlichen Endschlacht antreten. Das Internet fragt freundlich: "Welche anderen Artikel kaufen Kunden, nachdem sie diesen Artikel angesehen haben?"

Vielleicht den hier, ein Erinnerungsbuch eines tatsächlichen Gefechts: "Die Mission: einen Al-Qaida-Führer zur Strecke bringen. Der Feind: Dutzende zu allem entschlossene Taliban-Kämpfer. Vier SEALs gegen eine ganze Armee. Und dann bricht die Hölle los."

Sachlich sind die Sätze falsch, denn die Zahlen stimmen nicht. Aber dieser Stalingrad-Sound ist es, der uns stutzig machen sollte. Denn er wird in beunruhigender Weise aufgenommen von den Kommentaren im Internet.

Ein A. Brückner schreibt: "Ein unglaublicher Mann! Ein so junger Mensch – hart wie Stahl wenn es um die Pflichterfüllung geht und trotzdem gefühlvoll und einfühlsam."

Oder Sascha B.: "Das beste Seal-Buch was ich bis jetzt gelesen habe! Sehr detailliert und extrem spannend!"

Und dann – erst kürzlich – Beatrice A.: "Ich habe dieses Buch meinem Sohn geschenkt. Er will dieses Buch mit in die Ferien nehmen. Er hat es sich schon lange gewünscht."

Müssen wir den Sohn von Beatrice A. im Ferienlager einer Wehrsportgruppe vermuten?

Positives Gegenbeispiel ging im Feuilleton unter

Es geht auch anders, ist dann aber immer noch nicht einfach: "Wir waren dort, um zu kämpfen. Wir wurden gedrillt, auf Menschen zu schießen. So wurde es uns gesagt, und genauso ist es gekommen."

Damit wird das Buch "Vier Tage im November" eines Fallschirmjägers der Bundeswehr beworben, der in Afghanistan gekämpft hat. Dann aber das andere Phänomen: Dieses vergleichsweise nüchtern, sachlich und trotzdem packend geschriebene Buch wurde in den deutschen Medien kaum wahrgenommen. Es war ein Bestseller auf der Spiegel-Liste, der Autor wurde besucht und interviewt und war Thema mehrerer Texte von Journalisten, aber das Buch selbst wurde kaum besprochen.

Mochten sie nicht entscheiden, ob sie das Buch gut finden oder nicht? Ganz offenbar haben sich die Publizisten noch nicht zurecht gelegt, wie sie mit dem Krieg umgehen sollten. Lieber schrieben sie über den Autor. Die Werbefuzzis dagegen haben ihren Ton schon gefunden – es ist der alte Ton aus den Wehrmachtstagen. Die anderen suchen noch.

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