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Ortszeit / Archiv | Beitrag vom 23.12.2013

GlosseSie Prachtexemplar des Big-Data-Zeitalters!

Eine Beschimpfung des Selbstvermessers

Von Arno Orzessek

Die wissenschaftliche Mitarbeiterin der Fakultät Sportwissenschaften, Janina-Kristin Götz (l.) bereitet im neuen Labor für Leistungsdiagnostik der Universität Leipzig eine Messung zur Beurteilung der Leistungsfähigkeit der Sportstudentin Elisabeth Hohmann (dpa picture alliance/ Hendrik Schmidt)
Unser Kolumnist Arno Orzessek findet Selbstvermessung im Sport plem-plem. (dpa picture alliance/ Hendrik Schmidt)

Ein Selbstvermesser gleicht in seinem Wahn einer Ratte in einer Skinner-Box. In diesen reizarmen Behältern trainieren Wissenschaftler den Tieren neue Verhaltensweisen an. Nichts anderes mache das Lifestyle-Business mit Menschen, schimpft Arno Orzessek.

Vorab die Bekenntnisse eines Mess-Muffels.

Ich besitze seit Jahrzehnten keine Armbanduhr und bin im neuen Jahrtausend noch nicht auf die Waage gestiegen. Ich trinke gern ohne fixes Limit und meide Intelligenz-Tests. Mein erster Blutdruck-Test vor Jahren war so unerfreulich, dass ich den zweiten verweigert habe.

Es geht mir dabei gut. Präziser: Ich fühle mich altersgerecht angeraspelt. Bei McFit lasse ich es manchmal krachen, bis ich Blut auf der Zunge schmecke. -

Und nun zu Ihnen, lieber Selbstvermesser. Ich halte Sie im Grunde für komplett plemplem - und möchte Ihnen gezielt zu nahe treten.

Sollten Sie dieses neue Gadget haben, das den Radius Ihrer Zornesadern misst - schalten Sie es zur Selbst-Kontrolle bitte ein! Denn diese Beschimpfung dauert jetzt noch drei Minuten.

Ach ja, wenn Sie beim Zuhören je 30 Liegestütze, Klappmesser und Kniebeugen machen, stärken Sie Ihre Body-and-Mind-Multitasking-Fitness und verbrennen an die 20 Kalorien.

Und die machen sich in Ihrem elektronischen Produktivitäts-Protokoll sicher besser als der handgetippte Eintrag: Im Radio durchschaut worden; hoher Stressfaktor; Selbstzweifel, Wut.

Wir wollen hier nämlich festhalten, dass Sie in Ihrem Vermessungs-Wahn der Ratte in der Skinner-Box gleichen.

Das sagt Ihnen nichts? Kein Wunder! Die Skinner-Box ist ein reizarmer Käfig, in dem Wissenschaftler Ratten beliebig neues Verhalten antrainieren. Und zwar durch stupide Belohnung und Bestrafung.

Furztrockene, grotesk irrelevante Messdaten

Genau das macht das Lifestyle-Business mit Ihnen, Sie Käfigratte. All die tollen Tools, irren Tracker und bunten Apps konzentrieren Ihre Aufmerksamkeit auf furztrockene, für den gesunden Menschen - und Verstand - grotesk irrelevante Messdaten, die sich zum Reichtum des Daseins schäbiger verhalten als die berühmte graue Theorie zu des Lebens grünem Baum.

Zahlen sind objektiv, na klar! Aber Sie, Sie sind ein Subjekt - verstehen Sie das Problem? Während Sie Ihr heiliges Buch, das Produktivitäts-Protokoll, stündlich mit Zahlen füllen, entleert sich Ihr spirituelles Selbst. Ihr Wille will nur noch... die Zahlen verbessern. Das ist der Zweck, Ihr Körper ist das Mittel. Und Sie im engeren Sinne - als widerspenstiges, unberechenbares, herrliches Psyche-Soma-Kuddelmuddel, als das Sie einst Ihre Mutter gebar - Sie zählen nicht.

Als gläubiges Mitglied der Quantified-Self-Gemeinschaft dürfte Ihnen die Ähnlichkeit zwischen QS und Scientology kaum auffallen. Außenstehende aber erkennen: Beide Psycho-Sekten züchten gleichgeschaltete Menschenratten und verkaufen - so macht das übrigens jeder, sagen wir, Gesinnungsfaschismus - die Gleichschaltung als Glück.

Weshalb Sie, lieber Selbstvermesser, Ihren angeborenen Geschmack für Müßiggang, Disziplinlosigkeit, Übertretung, Pommes rot-weiß und verkaterte Tage im Bett verloren haben. Ihr Schönheitsbegriff ist auf Men's Health-Niveau hinabgestürzt, Ihrem verkümmerten Geist verleiht nur noch Red Bull Flügel, Ihr Menschenbild ist der fitte Hampelmann des Sportartikel-Marketings.

Totale Selbstvermessung ist wirklich totaler Quatsch. Und warum ist das nur logisch, Sie bornierter Zahlenspießer? Weil zwischen Quantität und Qualität kein quantitativer, sondern - bingo! - ein qualitativer Unterscheid besteht.

Eine Nummer ohne Wert

Quantified-Self-Exzesse optimieren die Daten-Quantität, bis sich das letzte Bisschen Abenteuer, Zufall, Freiheit verflüchtigt. Quantität rauf, Qualität raus. So werden Sie ein Prachtexemplar des Big-Data-Zeitalters, lieber Freund: eine Nummer ohne Wert.

Als solcher durchschauen Sie das, was von Ihnen übrig blieb - die paar Daten-Myriaden -, natürlich vollständig. Aber wer sich so durchschaut, schaut durch nichts.

Merke: QS kürzt nicht nur Quantified-Self ab, sondern auch quantum satis. Das ist zu Deutsch: 'so viel wie nötig' oder 'so viel, wie es nützt'. Und nicht etwa 'so viel wie möglich', Freundchen!

Okay. Kontrollieren Sie jetzt bitte Ihre Werte. Achten Sie vor allem auf Galle im Blut.

Und übrigens: Falls wir uns demnächst im Fitness-Studio begegnen, halte ich es natürlich mit Vladimir Klitschko: "Auch eine Faust bleibt immer eine Hand - und die reiche ich jedem." Selbst vermessenen Selbstvermessern.

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