Gianni Jovanovic: "Ich, ein Kind der kleinen Mehrheit"

Plädoyer für eine bunte Gesellschaft

10:36 Minuten
Gianni Jovanovic schaut in die Kamera. Er hat dunkle Haare und trägt einen kurz gestutzten Vollbart. Er trägt ein weißes Oberteil und eine schwarze Weste.
"Es gibt da draußen sehr viele Menschen, die Ablehnung und Diskriminierung erfahren", sagt Gianni Jovanovic. © Carolin Windel
Gianni Jovanovic im Gespräch mit Frank Meyer · 14.04.2022
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Gianni Jovanovic ist in Hessen in eine Roma-Familie geboren. Er wurde mit 14 verheiratet und outete sich später als schwul. Mit 43 Jahren blickt er zurück. Vor allem will er weg vom Begriff der "Minderheit" und von dem, was der bei Menschen anrichtet.
Gianni Jovanovic wurde 1978 in Rüsselsheim geboren und erlebte als Rom immer wieder rassistische Anfeindungen. Mit 14 verheirateten ihn seine Eltern, mit 17 war er zweifacher Vater. Mit Anfang 20 kam ein entscheidender Einschnitt für sein Leben: Er outete sich als schwul. "Die wichtigste Entscheidung in meinem Leben war mein Outing. Das hat mir mein Leben gerettet", sagt Gianni Jovanovic heute. "Wenn ich das nicht vollzogen hätte, dann würde ich heute nicht derjenige sein, der ich bin.“
Seit inzwischen 18 Jahren ist er mit seinem Ehemann zusammen und ist zudem dreifacher Großvater. Mit der Journalistin Oyindamola Alashe erzählt er nun in „Ich, ein Kind der kleinen Mehrheit“ von diesem Leben: Darin geht es sowohl um die Stellung der Roma und Sinteza in der deutschen Gesellschaft als auch um Männerbilder und um seine Homosexualität.

Gewalterfahrung im frühen Kindesalter

Jovanovic hat von klein auf Diskriminierung erfahren: Die Unterkunft seiner Familie im hessischen Darmstadt wurde, als er vier Jahre alt war, mit Molotow-Cocktails angegriffen. Die Familie rettete sich ins Freie und wurde dort mit Pflastersteinen beworfen. Ein Stein traf seinen Kopf. „Das war also deutsche Willkommenskultur“, heißt es dazu in seinem Buch.
Für Jovanovic ist diese Erfahrung eingebettet in die historische und systematische Verfolgung von Sinteza und Roma in Deutschland: „Es ist zwar meine Geschichte, aber diese Geschichte finden Sie oft und auch noch viel brutaler.“ So sei 1972 eine im siebten Monat schwangere 17-jährige Frau von einem Bauern erschossen worden und der Familie sei immer noch keine Gerechtigkeit widerfahren.

Gianni Jovanovic und Alashe Oyindamola: „Ich, ein Kind der kleinen Mehrheit“
Aufbau, Berlin 2022
224 Seiten, 20 Euro

Er stellt seinem Buch ein Zitat seiner Tochter Vanessa voran: „Unsere Traditionen stehen für unsere Familien und unsere Liebe füreinander. Die Angst, dass all das zu Ende geht, ist manchmal erdrückend. Es fühlt sich an, als sterbe etwas aus. Wir sterben aus. Wir halten so sehr an unseren Traditionen fest, weil sie uns zeigen, dass wir noch leben, überleben. Sie geben uns Sicherheit, die uns so oft fehlt."
Zeilen, die Jovanovic immer wieder zu Tränen rühren. Für ihn zeigen sie auf, welche Werte und welchen Schutz Sinteza und Roma in Europa benötigen. Auch verdeutliche es die ständige Gefahr und dass die Community vom Aussterben bedroht sei "durch die anhaltende Verfolgung und rassistische Degradierung unserer Community".

Staatsbürgerschaft und Sicherheitsgefühl

Entscheiden für Sinteza und Roma in Deutschland ist, ob sie die deutsche Staatsbürgerschaft haben oder nicht. Daran macht sich nicht nur fest, ob sie abgeschoben werden können oder nicht. Es hat auch Folgen, dafür ob man einen Job bekommt oder nicht.
"Die meisten Arbeitgeber stellen keine Menschen ein, die nur eine vorläufige Duldung haben". Aber auch Vorurteile spielen mit hinein: Viele hielten Sinteza und Roma für kriminell.
„Das sind alles festgesetzte Narrative, die durch Fake News immer wieder reproduziert werden. Diese kursieren dann durch die Medien und prägen dieses Bild des kriminellen und nicht-sesshaften Roma", sagt Jovanovic. In einem neuen und sicheren Land eine Existenz aufzubauen wird dadurch erschwert.

Aufgewachsen in zwei patriarchalen Kulturen

Jovanovic betont, er sei in zwei patriarchalen Kulturen aufgewachsen: „Auf der einen Seite bin ich in meiner Roma-Community sozialisiert worden, und auf der anderen Seite bin ich auch deutscher Staatsbürger, ich bin hier geboren und hier aufgewachsen.“
Vom Begriff der toxischen Männlichkeit für Deutschland nimmt er allerdings Abstand. Er spricht lieber von einem fragilen Männerbild. „Mir sind überall patriarchale Strukturen entgegengekommen, die mich selbst auch als Mann gequält haben.“
Männern rät er, "mit diesem patriarchalen System aufzuhören. Nur sie können es verändern." In seiner eigenen Familie hat sein Coming-Out als schwuler Mann das Männlichkeitsbild stark verändert: "Darüber bin ich sehr, sehr froh."

"Kleine Mehrheit" statt Minderheit

Aber was es mit dem Begriff der "kleinen Mehrheit" im Buchtitel auf sich? Jovanovic hat den Begriff bewusst gewählt, weil dieser aufmunternd wirkt. "Es bedeutet, dass du wertvoll bist, es bedeutet, dass du beachtet wirst. Auch wenn du zahlenmäßig unterlegen bist, heißt es, nicht zu akzeptieren, wie die Gesellschaft dich abwertet."
"Es gibt da draußen sehr viele Menschen, die Ablehnung und Diskriminierung erfahren, und das nur, weil sie einen entsprechenden, heteronormativen oder binären weißen Dominanzbild nicht entsprechen", sagt Jovanovic und zählt auf: Menschen mit Behinderung, Nicht-Christen, nicht weiß gelesene Menschen, Frauen würden immer wieder als Minderheit betrachtet.
"Das sind keine Minderheiten. Da sind Millionen von Seelen, Millionen von Herzen, die dort dahinterstecken, und Millionen Lebensrealitäten", sagt Jovanovic. Sinti und Roma bilden mit 22 Millionen Menschen insgesamt die größte kleine Mehrheit in Europa, hebt er hervor.

Inklusive Gesellschaftsvision

"Minderheiten sind immer abhängig vom Wohlwollen und von der Entscheidung von einer Mehrheit", legt er nach: Er wolle aber selbstbestimmt sein und er wolle eine Partizipation aller. "Der Wunsch ist nicht, zu sagen, wir trennen uns alle in kleine Gruppen", betont Jovanovic. "Am Ende des Tages geht es darum: Wir brauchen eine gemeinsame gewollte Mehrheit in diesem Land."

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