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Im Gespräch | Beitrag vom 08.04.2020

Gesellschaftsspiele als KrisentrainingBeim Spielen neue Lebensregeln erfinden

Christina Valentiner-Branth im Gespräch mit Britta Bürger

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Ein Schachspieler hält eine weiße Schachfigur in der Hand, um einen Zug zu machen. (Unsplash / JESHOOTS.COM)
Spielen trainiert das Gehirn: Klassiker wie Schach eigneten sich nicht nur für Erwachsene, sagt Spielexpertin Christina Valentiner-Branth. (Unsplash / JESHOOTS.COM)

Monopoly, Schach oder Selbsterfundenes: In der Coronakrise können Spiele im Familienalltag helfen. Sie sind aber mehr als nur ein Zeitvertreib, erklärt Spielexpertin Christina Valentiner-Branth – sie bereiten uns auch auf Extremsituationen vor.

Das Coronavirus zwingt viele von uns in die private Isolation. Da sind Spiele ein gutes Mittel gegen Langeweile und den Lagerkoller. Doch Gesellschaftsspiele sind mehr als nur ein Zeitvertreib. Mit ihnen können wir soziale Fähigkeiten erlernen und unser Gehirn trainieren, sich auf neue Gegebenheiten einzustellen.

Christina Valentiner-Branth ist Spielexpertin und Journalistin. Sie ist überzeugt davon, dass Spielen genau wie Lesen eine Form von Bildung ist. Viele Kinder könnten heute gar nicht mehr würfeln oder eine Spielfigur setzen, sagt sie. Man könne niemanden zum Spielen zwingen. Doch wenn man zu Hause eine Spielkultur etabliere, wüchsen Kinder automatisch hinein.

Corona schafft neue Regeln im Spiel des Lebens 

Die aktuelle Coronapandemie vergleicht Valentiner-Branth mit einer Art gesellschaftlichem Experiment. "Wir üben gerade, uns auf neue Situationen einzustellen. Das ist vergleichbar mit dem Effekt, den Gesellschaftsspiele auf Spieler haben. Nehmen wir das Beispiel Monopoly", sagt sie. Beim Spielen dieses weltweit beliebten Brettspiels müsse man ständig einen Plan B, C oder D entwickeln.

Coronavirus-NewsletterSpielen trainiere das Gehirn, sich immer wieder flexibel auf neue Gegebenheiten einzustellen, erklärt die Familientherapeutin. Es gebe sogar Gesellschaftsspiele, bei denen sich die Regeln im Verlauf eines Spiels verändern.

"Im Grunde erleben wir das im Moment alle", sagt Christina Valentiner-Branth. "Auf einmal sollen Menschen im Homeoffice arbeiten, die das noch nie getan haben. Corona zwingt uns, neue Regeln zu erfinden, diese zu erproben und dann zu schauen: Hat das den Effekt, den ich haben will, oder muss ich an der Lebensregel noch herum schrauben?"

Haben Sie Fragen zum Coronavirus? Schreiben Sie sie uns an corona@deutschlandfunkkultur.de. Wir freuen uns auf Ihre Anregungen für unser Programm. Von Montag bis Freitag zwischen 9 und 10 Uhr beantworten Expertinnen und Experten sie live im Deutschlandfunk Kultur. Während der Sendung können Sie Ihre Fragen auch live stellen unter der Telefonnummer 0800 2254 2254.

Soziale Fähigkeiten erlernen, Defizite ausgleichen

In ihren Fortbildungen versucht Christina Valentiner-Branth als Dozentin zu zeigen, dass ganz unterschiedliche Charaktere von Spielen profitieren können. Es gehe darum, soziale Fähigkeiten zu erlernen und Defizite auszugleichen.

Schüchterne und altruistische Typen würden ermuntert, mehr für sich selber zu sorgen. Aufbrausende Menschen könnten Formen der Impulskontrolle einüben, erklärt sie. Welche Spiele geeignet seien, lasse sich pauschal nicht sagen. In manchen Familien funktionierten Spiele, in denen es um einen Wettstreit geht, sehr gut. In anderen seien Spiele, in denen man zusammenarbeitet um gemeinsame Ziele zu erreichen, sinnvoller, so die Familientherapeutin.

Auch Klassiker wie Schach könnten geeignet für Kinder sein, sagt Valentiner-Brandt. In einer Hamburger Schule stehe dieses Spiel zum Beispiel auf dem Lehrplan und habe einen regelrechten Hype unter den Schülern entfacht.

Spiele kann jeder selbst erfinden 

Lernen könne man aber nicht nur mit Brettspielen. Christina Valentiner-Branth findet es genauso sinnvoll, wenn sich Eltern neue Spiele mit ihren Kindern ausdenken. Oft kämen die Ideen auch von den Kindern selbst.

"Rollenspiele sind ein Spielbereich, in dem die Kinder lernen, in verschiedene Rollen zu schlüpfen, um dadurch Erlebtes und Gesehenes zu verarbeiten", erklärt die Therapeutin. "Es ist toll, wenn sie uns als Erwachsene in diese Spielwelt einladen. Diese Phase bereitet Kinder vor auf den nächsten Entwicklungsschritt. Sie nehmen wahr, dass wir alle im Leben unterschiedliche Rollen spielen."

Christina Valentiner-Branth ist Journalistin und Systemische Familientherapeutin. Gemeinsam mit ihrem Mann hat sie das Das große Ravensburger Spielebuch (2014) verfasst.

Empfehlungen für neue Spiele gibt zum Beispiel der Verein Spiel des Jahres.

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