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Interview | Beitrag vom 04.08.2020

Geschlechtergerechte SpracheStuttgart will jetzt alle ansprechen

Sabine Krome im Gespräch mit Nicole Dittmer

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Das Gendersternchen in dem Wort "Kolleg*in". (picture alliance / dpa / Sebastian Gollnow)
Stuttgart empfiehlt das Gendersternchen, wenn kein geschlechtsneutrales Wort zu finden ist. (picture alliance / dpa / Sebastian Gollnow)

Stuttgart hat für die Verwaltung einen Ratgeber für geschlechtersensible Sprache beschlossen – und liefert damit Anlass für eine neue Debatte. Sabine Krome, Geschäftsführerin beim Rat für deutsche Rechtschreibung, hält die Regelungen für vernünftig.

Die Stadt Stuttgart hat für die Beschäftigten der Stadtverwaltung einen zehnseitigen Ratgeber für geschlechtersensible Sprache beschlossen. Durch ihn sollen sich auch Menschen, die nicht männlich oder weiblich sind, angesprochen werden.

Wenn Stuttgarts Oberbürgermeister Fritz Kuhn zum Beispiel eine Ausstellung eröffnet, soll er nicht mehr nur die "Damen und Herren" ansprechen, sondern stattdessen "sehr geehrte Anwesende" sagen.

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Auch offizielle Briefe, E-Mails oder Beiträge auf der Stadtwebsite sollen in Zukunft möglichst geschlechtsneutral formuliert sein – zum Beispiel "Studierende" statt "Studentinnen und Studenten", "Eltern" statt "Vater und Mutter". Wenn es keine andere Möglichkeit gibt, soll das Gendersternchen verwendet werden.

Kretschmann kritisiert "Sprachgehabe"

Auch stereotype Rollenzuschreibungen soll es dem Ratgeber zufolge nicht mehr geben – aus dem "Mutter-Kind-Parkplatz" wird der "Familienparkplatz". Die Sprache solle bewusst genutzt werden und zeigen, dass die Stadtverwaltung weiß, wie vielfältig die Stuttgarter*innen eben sind.

Doch nicht alle sehen darin einen Fortschritt: Die baden-württembergische Kultusministerin Susanne Eisenmann von der CDU fragt etwa, "ob wir keine anderen Sorgen haben."

Auch Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) hält solche Regelungen für "Sprachgehabe". Jeder solle so reden können, wie ihm der Schnabel gewachsen sei, sagte er kürzlich in einem Interview.

Verfassungsgericht sah Grundrechte verletzt

Allerdings geben sich immer mehr Institutionen, Universitäten oder Städte Regeln: Den Anfang machte Hannover, inzwischen gibt es ähnliche Sprachhinweise unter anderem auch in Lübeck, Freiburg, München oder dem kleinen Filderstadt südlich von Stuttgart.

Das Stadtverwaltungen sich verstärkt mit dem Thema beschäftigen, liegt auch daran, dass inzwischen "divers" als offizielle Kategorie im Melderecht anerkannt wurde. Zuvor hatte das Bundesverfassungsgericht geurteilt, dass die Festlegung auf männlich und weiblich Menschen in ihren Grundrechten verletzt, die eben keiner der beiden Kategorien angehören.

"Anwesende" statt "Damen und Herren"

Für die Germanistin Sabine Krome hören sich die Regelungen aus Stuttgart "eigentlich ganz vernünftig an". Krome ist Geschäftsführerin beim Rat für deutsche Rechtschreibung am Institut für Deutsche Sprache in Mannheim, der verbindlich festlegt, was in deutscher Rechtschreibung richtig und falsch ist

Grußformeln wie "Sehr geehrte Anwesende" seien "vollkommen in Ordnung", meint Krome. Auf ähnliche Weise sei bereits das Wort "Studierende" in den normalen Wortschatz aufgenommen worden.

Es komme immer darauf an, dass die Bedeutung richtig wiedergegeben werde – und die von den Menschen richtig verstanden werden könne.

Gendersternchen wird am besten verstanden

Das empfohlene Gendersternchen falle jedoch nicht unter die korrekte Rechtschreibung. Zeichen innerhalb von Wörtern seien "nach den jetzigen orthographischen Normen nicht korrekt" und könnten "grammatische Folgeprobleme nach sich ziehen".

Ein Kriterium, das der Rat für deutsche Rechtschreibung 2018 herausgegeben habe, sei, "dass die Texte verständlich und lesbar sein müssen". Im Bezug auf die Verwaltung müssten sie zudem Rechtssicherheit gewährleisten.

Zwar habe der Rat für deutsche Rechtschreibung aus diesen Gründen noch keine Empfehlung für das Gendersternchen ausgesprochen. Dennoch hält es Krome persönlich für wichtig, in Texten Mehrgeschlechtlichkeit zum Ausdruck zu bringen, zum Beispiel in Stellenanzeigen: "Da muss einfach jeder Mensch gleichberechtigt angesprochen werden, da darf keiner benachteiligt werden."

Das Sternchen werde bei Stellenanzeigen und in der Verwaltung inzwischen am häufigsten verwendet und – im Vergleich zu anderen Schreibweisen – auch am besten verstanden.

(sed)


Filmemacher Andreas Veiel hält es im Gespräch für ignorant, wenn sich die Behördensprache mit der Zeit nicht verändere. Wichtig ist ihm jedoch, auch die Strukturen mitzubedenken – und nicht nur an der Sprache etwas zu ändern. In einem Land, in dem zum Beispiel Frauen immer noch weniger verdienten als Männer, reiche es nicht, zwischen "Verkäufern" und "Verkäuferinnen" zu unterscheiden. Es müsse sich etwas an der Bezahlung ändern:

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