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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 16.09.2015

Geschichte des FotojournalismusDie Wirklichkeit zeigen - vielleicht

Von Eva Hepper

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Dorothea Langes Foto "Migrant Mother" von 1936 (imago/UIG)
Dorothea Langes Foto "Migrant Mother". Das Foto ist 1936 während der "Großen Depression" in den USA entstanden. (imago/UIG)

Fotos aus dem Krim-Krieg durften keine Toten abbilden, Dorothea Langes Bilder zeigten wiederum die Not während der "Großen Depression" in den USA. Wolfgang Pensolds "Die Geschichte des Fotojournalismus" belegt, wie mächtig Fotos sind, wie sie gebraucht und missbraucht werden.

Am 8. Januar 1915 erschien im Londoner Daily Mirror ein sensationelles Foto. Es zeigte britische und deutsche Soldaten, die an Weihnachten 1914 ihre Schützengräben verlassen hatten, um Geschenke auszutauschen; mitten im ersten Weltkrieg an der Westfront in Flandern. Die nicht autorisierte Waffenruhe ging als Weihnachtsfrieden in die Geschichtsbücher ein.

Für die jeweiligen Heeresleitungen war das Ereignis eine Katastrophe. Nichts fürchtete man mehr als Fraternisierung und nachlassende Kampfmoral. Und dann drohte dieser Schnappschuss eines englischen Leutnants auch noch an der Heimatfront Wirkung zu zeigen!

Von diesem Zeitpunkt an war es britischen und kanadischen Soldaten untersagt, Kameras mit sich zu führen, wie Wolfgang Pensold in seiner Studie zur Geschichte des Fotojournalismus schreibt. Der Kommunikationswissenschaftler versammelt darin herausragende fotografische Arbeiten von Kriegsschauplätzen und zu weltweit bedeutenden Ereignissen seit den Anfangszeiten des Genres. Darunter: die großen Kriege, die Hungersnöte in Indien, die Aidsepidemie in Afrika, die Terroranschläge des 11. September 2001 sowie große sozialkritische Reportagen aus Europa und den USA.

Bereits den Krimkrieg 1853 hatten Fotografen – damals noch mit schwerem Gerät ausgestattet – im Bild festgehalten. Doch erst mit der Reproduzierbarkeit von Fotografien um 1900 hielten Bilder Einzug in die Tagespresse. Ihre Stärke im Gegensatz zu den bis dahin üblichen Holzstichen nach Fotografien war ihre vermeintliche Authentizität.

Propaganda, Voyeurismus, Zensur 

Doch objektiven Charakter, so Wolfgang Pensold, hatten sie nie. Tatsächlich kann der Autor nachweisen, dass sich der Fotojournalismus von Beginn an entlang diverser Abgründe entwickelte. Propaganda, Voyeurismus, Zensur lauten die Stichworte. Bereits die Fotografien aus dem Krim-Krieg waren patriotisch motiviert, und in die Öffentlichkeit gelangten ausschließlich "gesäuberte Bilder" ohne Tote und Verstümmelte. Das blieb Usus – bis auf wenige vom Militär unerwünschte Ausnahmen wie etwa Fotos von Opfern des Vietnamkrieges – und wurde mit dem "Embedded Journalism" im Golfkrieg perfektioniert, wie Petzold eindringlich beschreibt.

Dennoch blieben Fotografien immer eine mächtige Waffe. Einige Beispiele, die die Welt aufgerüttelt haben und ins kollektive Gedächtnis eingegangen sind, werden hier gezeigt: Etwa Dorothea Langes "Migrant Mother" (1936), Margaret Bourke-Whites Zeugnisse aus dem KZ Buchenwald (1945) oder Don McCullins Bilder Verhungernder aus Biafra (1968). Sie belegen eindrücklich das Anliegen vieler Fotografen, auf Unrecht und Missstände aufmerksam zu machen. Dass sich auch mit Elend Geld verdienen lässt, lässt der Autor allerdings nicht unerwähnt.

Wolfgang Petzold ist eine detailreiche Studie gelungen, die die Licht- und Schattenseiten des Fotojournalismus aufzeigt und dabei auch technische, wirtschaftliche und politische Aspekte berücksichtigt. Zudem weist er mit den Handyfotos sogenannter Bürgerjournalisten in die mögliche Zukunft des Genres. Lesenswert.

Wolfgang Pensold: "Die Geschichte des Fotojournalismus. Was zählt, sind die Bilder"
Springer Verlag, 2015
202 Seiten, 29,99 Euro

Mehr zum Thema:

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