Geruch als Kommunikationsmittel

    Wie Düfte uns beeinflussen

    30:12 Minuten
    Zwei Flakons auf unterschiedlich farbigen Hintergrund.
    Duftstoffe können unser Riechzentrum umgehen – und auch über Haut, Lunge oder Blut ins Hirn gelangen, wo sie ihre Wirkung entfalten. © picture alliance / AP Illustration / Peter Hamlin
    Von Martina Weber · 27.05.2021
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    Als unsichtbarer Botschafter verschiedenster Informationen beeinflussen Gerüche Emotionen und Verhalten. Doch noch immer ist nicht gänzlich erforscht, wie das menschliche Gehirn Düfte wahrnimmt und wie große ihre Macht auf uns tatsächlich ist.
    Coffee to go. Laugenbrezeln mit Käse überbacken. Und da weht eine Parfümwolke an mir vorbei: Mich nur auf meinen Geruchssinn zu konzentrieren, während ich durch den Hauptbahnhof von Leipzig laufe, ist, als würde ich mich in einem dunklen Raum bewegen. Ich suche, aber stoße nur zufällig auf etwas. Und beschreiben, was es ist, kann ich nicht.
    Aber unsere Nase kann es – und zwar chemisch – mit Hilfe unserer 350 Geruchsrezeptoren. Eine Billion Düfte können wir angeblich unterscheiden – eine Untergrenze, sagen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Die Kombinationsmöglichkeiten der Moleküle in der Natur scheinen unendlich zu sein. Und unberechenbar. Aber es gibt Menschen, die auch die Unberechenbarkeit berechenbar machen wollen.

    Düfte als Visitenkarte

    In Räumen wie in einem Zugabteil etwa sind wir den willkürlichen Duftspuren unserer Umgebung ausgeliefert: Das scharfe Abendessen des Sitznachbarn oder die aufdringliche Nähe der Zugtoilette. Nicht immer angenehm.
    Eine Mischung aus Jasmin, Melone, Veilchen und Rosenholz aber, fein dosiert über die Klimaanlage, könnte unser Erlebnis mit der Deutschen Bahn erheblich verbessern. Zu diesem Ergebnis kam ein Experiment der Ludwig-Maximilians-Universität München, für das diese Duftmischung in einer Regionalbahn auf der Strecke Augsburg-Lindau in einem Zugabteil eingesetzt wurde. Dienstleistungsqualität und Sauberkeit wurden durchweg positiver wahrgenommen.
    An dem Versuch war auch die Firma Scentcommunication in Köln beteiligt. "Die Grundidee ist die Kommunikation mit Duft. Also: Wie kommuniziere ich über das Medium Duft?", erklärt Robert Müller-Grünow, der das Unternehmen gegründet hat. "Und wir wollen Unternehmen dazu bringen, Düfte als Kommunikationsmedium einzusetzen. Ob das jetzt am Point Of Sale oder im Produkt ist. Wir versuchen, technische Lösungen zu schaffen zum einen – und zum anderen den Duft zu definieren, der genau das aussagt, was man als Marke oder als Unternehmen versucht, auch über audiovisuelle Medien auszusagen."
    Robert Müller-Grünow führt mich durch die Lagerhalle seiner Firma: "Hier ist die Werkstatt. Hier ist unser Lager, hier machen wir Duftmuster, und unsere Düfte stehen eigentlich da. Wir haben 6000 Düfte, glaube ich. Also 5000 bis 6000 Düfte – wo auch immer die jetzt sind. So sieht das aus. Die Maschinen da hinten, das sind Maschinen, die ganze Hallen beduften können, zum Beispiel Messehallen."
    Für Robert Müller-Grünow ist die Luft in Räumen ein begehrtes Objekt der Beduftung. In den Fässern lagern synthetische und natürliche Duftöle und Aromen großer Hersteller. Hier experimentiert der Spezialist für Duftmarketing – macht aus Düften und Gerüchen: Versprechungen.
    Der Inhaber der Firma für Duft-Marketing, Scentcommunication, Robert Müller-Grünow, hält sich einen Aromastoff an die Nase.
    Er entwickelt "Geruchsvisitenkarten" für Hotelketten oder Einkaufsläden: Robert Müller-Grünow.© dpa / Oliver Berg
    In kleinen Fläschchen abgefüllt stehen vereinzelt die Geruchsvisitenkarten bekannter Hotelketten, Bekleidungsmarken und Einkaufsläden in den Regalen. Je nachdem, welchen Zweck der Duft erfüllen soll, hat Robert Müller-Grünow die entsprechenden Moleküle und Rezepturen im Kopf, die später ein Parfümeur verfeinert.
    In Räumen sollen sie dezent vorhanden sein und unterhalb unserer Wahrnehmungsschwelle vorbeiziehen. "Duft ist ein sensibles Medium", sagt Müller-Grünow. "Das kann man nicht irgendwo hinsprühen. Man muss es gut dosieren können. Richtige Beduftung ist eine technische Herausforderung."

    Urlaubsdüfte regen zum Kauf an

    Nichts soll bei Müller-Grünow der olfaktorischen Beliebigkeit überlassen werden. Gerüche von Produkten sollten daher immer mit anderen Sinneseindrücken übereinstimmen: "Wie fühlt sich der Knopf an? Wie klickt der Knopf, wenn man ihn klickt? Wie fühlt sich das Leder an, in das man sich reinsetzt? Und wie riecht es?"
    "Gerüche würde ich immer dann einsetzen, wenn ich möchte, dass Menschen Dinge als normal empfinden", sagt Bettina Pause, Professorin für Biologische Psychologie und Sozialpsychologie an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf. "Menschen denken ja über Gerüche selten nach, außer es riecht wirklich sehr intensiv und sehr stark. Wenn Dinge nicht so riechen wie sie riechen sollten, wie zum Beispiel Kunstleder, was gar nicht nach Leder riechen kann – wenn das nicht beduftet wird mit Ledergeruch, merkt der Mensch: Irgendetwas ist hier komisch. Ich kaufe die Kunstledercouch nicht."
    Der systematische Einsatz von künstlich bedufteten Produkten, erklärt sie, erfülle immer eine Erwartungshaltung. Und je komplexer der Duft, desto wahrscheinlicher ist, dass ihn viele Menschen ähnlich ansprechend finden – und dass er sie dadurch zum Kaufen anregt. Das konnte Robert Müller-Grünow mit einem speziellen Duft für den Coca-Cola-Konzern in einem US-Supermarkt zeigen.

    "Wir haben uns genau diese Zielgruppen angeschaut damals. Das waren eben Frauen, die in den 60er-Jahren aufgewachsen sind, also 60er-, Anfang 70er-Jahre, die jetzt Familien hatten und die damals – das war eben typisch im Urlaub – Coca-Cola getrunken haben, quasi als Belohnung. Das hat alles mit freier Zeit und mit Wohlfühlen und so zu tun – und ein Duft, der eben ganz klar assoziierbar ist mit dieser schönen Zeit, ist eben ein Sonnencreme-Duft. Ein Sonnenöl, das damals einen ganz großen Marktanteil hatte, 80 Prozent Marktanteil. Und diesen Duft haben wir genommen und ihn in die Kommunikation von Coca-Cola eingebaut. Und das hat ganz stark zur Verkaufssteigerung geführt."
    Junge Frau trägt Sonnensucht auf.
    Den Geruch von Sonnencreme verbinden die meisten mit positiven Erinnerungen.© imago / Petra Schneider

    Instinkt oder bewusste Wahrnehmung?

    Jasmin und Kokosnuss, die geheimen Verführer, die Kunden verleiten, eine Brause mehr in den Einkaufskorb zu packen. Immer wieder heißt es nach Experimenten, dass angenehme Gerüche in Geschäften die Verweildauer und Kaufbereitschaft steigern. Doch bekommen Kokosnuss und Co. im Gehirn wirklich einen privilegierten Zugang zu unseren Gefühlen? Können sie sogar unseren freien Willen beeinflussen?
    "Das bringt uns zu der Frage: Erleben wir Gerüche instinktiv oder kognitiv? In der Geschichte wurden Gerüche lange Zeit als eine Art tierischer Instinkt der Natur gesehen, der stark bei Tieren ist, aber bei uns Menschen eigentlich zurückgeht", sagt Ann-Sophie Barwich, die an der Indiana University in Bloomington zu Gerüchen an der Schnittstelle von Philosophie und Neurowissenschaft forscht. "Aber das Gegenteil ist der Fall: Geruch ist kognitiv hoch entwickelt und er befähigt uns, Entscheidungen zu treffen. Wir werden nicht durch einen Geruch gezwungen, eine bestimmte Reaktion zu haben. Daher denke ich nicht, dass er eine Beeinträchtigung des freien Willens ist. Er wirkt sich zwar auf deinen Willen aus, auf dein Denken und deine Entscheidungsfindung. Aber: Es ist nicht notwendigerweise reiner Instinkt, da du deine Optionen abwägen kannst."
    In ihrem Buch "Smellosophy" zeigt Barwich, wie wir durch die Nase Realität neu bewerten und verstehen können. Zwar empfinden wir unsere Geruchswahrnehmung als sehr individuell, also subjektiv. Aber nach Barwich ist sie etwas objektiv Erklärbares, Messbares, das allerdings – unter anderem – von Kontext, Intensität und individueller genetischer Ausstattung abhängig ist.
    Einen einzelnen Duft erleben wir daher immer anders. Duft ist eine chemische Momentanalyse. Eine immer gleiche, eindeutige Wirkung eines einzelnen Geruchs gibt es nicht.
    "Gerüche als Chemikalien sind flexibel und mehrdeutig. Denn Geruchsstoffe können verschiedene Quellen haben und dementsprechend unterschiedliche Reaktionen hervorrufen. Das ist auch sinnvoll, denn es wäre sehr schädlich für einen Organismus, eine festprogrammierte Reaktion auf etwas zu haben, das sich ständig in seiner Zusammensetzung ändert. Man riecht nur selten ein einzelnes Molekül, meistens sind es Hunderte. Mit Geruch ist ein bisschen wie bei Walt Whitmans Gedicht "Ich bin Vielfalt": Er hat mehr als eine Qualität und ruft daher in verschiedenen Kontexten unterschiedliche Assoziationen hervor."

    Riechen muss gelernt werden

    "Ich habe hier die Dose, die öffne ich jetzt, da steht Commerzbank drauf. Und ich wedele Ihnen den mal zu", sagt Robert Müller-Grünow. Eine frische Zitrusnote. Das erinnert mich an saubere Wäsche oder eben an einen frisch gewischten Boden in einer Bankfiliale.
    "Also ganz leicht gelb muss auch sein", sagt Robert Müller-Grünow dazu. "Aber wir haben versucht, extra keinen Zitrusduft reinzutun." Die Düfte, die mir Robert Müller-Grünow präsentiert, sind nicht neu, zumindest denke ich, dass ich sie erkennen kann. "Auf jeden Fall süß." – "Ich finde nicht. Es sind viele Wasser- und Luftnoten drin. Und es ist sehr spitz. Er ist sehr mutig auch, der Duft."
    Luft, Wasser, spitz, mutig. Diese geruchlichen Interpretationen von Bildern kenne ich aus der Weinverkostung. Sie leuchten auch ein, sobald ich darauf hingewiesen werde.
    "Das ist das Problem beim Riechen, dass man ja oft sagt: Ja, ich rieche was, aber ich habe keine Ahnung, was es ist. Ich kann es nicht erkennen, weil ich es eben nicht gelernt ist", sagt Hanns Hatt. Er ist Zellphysiologe an der Ruhr-Universität Bochum und einer der führenden Geruchsforscher in Deutschland. "Das heißt also, man muss riechen lernen, das Gehirn muss es lernen und muss eben diese komplexen Muster abspeichern. Und wenn mal was abgespeichert ist, dann kann ich diese Information auch wieder reduzieren."
    Damit Düfte unsere Gefühle und Erinnerungen ansprechen und bei uns eine Wirkung auslösen, muss unser Riechsystem zunächst ihre charakteristischen Muster lernen. Wenn ein Rosenduft – der übrigens wie das Parfüm Chanel aus über einhundert Duftstoffen besteht – einmal erkannt und abgespeichert ist, dann genügen für die Wiedererkennbarkeit nur einige molekulare Bruchstücke dieses Duftes.
    "Es ist wie beim Kreuzworträtsel: Wenn ich weiß, dass Orange eine Südfrucht ist mit so und so vielen Buchstaben, und lese Ora…, dann kann ich die Orange im Gehirn ergänzen. Und genauso macht unser Gehirn das mit den Düften auch. Also, wenn ich schon mal einen Duft kennengelernt habe, wie einen Vanilleduft, dann reichen oft schon ein, zwei Komponenten aus diesem Duft, wie eben Vanillin zum Beispiel, Erkennungsmoleküle. Dann reicht die reduzierte Information schon aus, um im Gehirn den Rest zu ergänzen. Und das macht ja auch die Industrie mit uns. Zum Beispiel bei Vanillepudding, da sind keine komplexen Vanille-Moleküle drin, sondern ein, zwei, drei Moleküle."
    Diese molekularen Bruchstücke der Vanille können wir bewusst nicht immer einzeln riechen. Wir empfinden den Duft als höchstens süß-vanillig. Eine Geruchs- oder Geschmacksrichtung, die die meisten von der Muttermilch kennen und mit Vertrauen und Geborgenheit assoziieren, erklärt Hanns Hatt. Ist die Wirkung von Duftstoffen also unweigerlich mit unseren – jeweils individuellen – Erfahrungen verknüpft?
    "Wenn meine Erfahrung wie beim Lavendel zum Beispiel sagt: Ich mag den Lavendelduft überhaupt nicht. Ich habe den immer nur in unangenehmen Situationen kennengelernt, dann wird Lavendel mich natürlich nicht beruhigen", sagt dazu Hanns Hatt. "Obwohl im Lavendel Stoffe sind – Linalool Linalylacetat heißen die –, die zum Beispiel, wenn ich Lavendel esse über eine Kapsel oder in die Haut einreibe oder einatme, dann wird auch dieser Duftstoff übers Blut in mein Gehirn kommen und dort gibt es nun Duftsensoren im Gehirn, die genau wie auf Valium auf diese Lavendeldüfte ansprechen und damit mein Gehirn in einen Beruhigungszustand versetzen."

    Düfte – in ihrer Komplexität – schleichen sich um unsere individuelle Erkennungsschwelle herum. Duftstoffe können unser Riechzentrum umgehen – und auch über Haut, Lunge oder Blut ins Hirn gelangen, wo sie ihre Wirkung entfalten.
    Lavendelfeld mit Biene
    Lavendelduft versetzt unser Gehirn in einen Beruhigungszustand.© picture alliance / NurPhoto / Martin Gorostiola
    Lavendel und Co. etwa sind Stoffe, auf die wir durch ihre Dauerpräsenz in Kosmetika ohnehin positiv konditioniert sind, unsere Reaktion darauf ist eine berechenbare Größe für die Industrie. Aber auch die Wirkung bekannter, allgemein positiv konnotierter Düfte wird uneindeutig, sobald diese Düfte eine soziale und für uns lebenswichtige Funktion übernehmen, die über den Wellnessbereich hinausgeht.

    Gerüche als "Ehrlichkeitssignal"

    Neurobiologen vom Weizmann Institut in Israel haben in einem Experiment mit einer versteckten Kamera beobachtet, dass Berührungen im Gesicht im Zusammenhang mit unserer persönlichen Duftkontrolle stehen. Im Video ist zu sehen, dass Probanden auffällig häufig ihre Hand in der Nähe ihrer Nase haben, noch bevor es zum Händeschütteln kommt.
    Nach einem Händedruck mit einer Person des gleichen Geschlechts verbrachten die Probanden jedoch mehr als doppelt so viel Zeit mit der Hand in der Nähe ihrer Nase – und sie rochen auch aktiv daran. Körpergerüche als zweite Sprache.
    "Es ist eine Sprache, mit der wir miteinander kommunizieren, die quasi unbewusst verläuft, sowohl die Produktion, als auch die Sensorik und die Prozessierung verlaufen unbewusst, also unterschwellig unterhalb der Wahrnehmungsgrenze", erklärt Bettina Pause. "Und diese chemischen unterschwelligen Reize triggern den Menschen. Das heißt, sie machen uns achtsam für weitere Signale aus der Umgebung. Der Geruch ist der einzige Sinn, der eben nicht gefälscht werden kann, der ein sogenanntes Honesty-, Ehrlichkeitssignal bildet. Alle anderen – Mimik, Gestik, Tonfall – können ja durch gute Schauspieler sehr gut auch getäuscht werden."

    Gerüche können unsere soziale Wahrnehmung hin zum "Wesentlichen" beeinflussen, meint Bettina Pause. Denn sie besitzen als chemisches Signal eine Art Warnfunktion. Diese sozialen Gerüche unseres Körpers aktivieren ein kognitives Assoziationsfeld, das alle anderen Sinneskanäle beeinflusst, wie zum Beispiel Bilder, Worte, taktile Empfindungen – und damit auch, wie wir soziale Situationen bewerten. "Priming" nennt die Psychologie diesen Effekt, den Bettina Pause in einem Experiment nachgewiesen hat.
    "Wenn wir fröhliche Gesichter oder traurige oder ängstliche Gesichter an der Wahrnehmungsschwelle präsentieren und gleichzeitig bestimmte distinkte Emotionen über den Geruch auch wieder an der Wahrnehmungsschwelle präsentieren – beides also kaum mitbekommen wird –, orientiert sich die gesamte Organismus-Reaktion, also die Wahrnehmung der gesamten Situation immer am Geruch, nach all dem, was wir bisher wissen."
    Was wir Bauchgefühl nennen, ist häufig die Reaktion auf Geruchsreize. Sie helfen uns, Situationen besser einzuschätzen und entsprechend zu reagieren.
    BVB-Trainer Jürgen Klopp fasst sich an die Nase.
    Um unseren Eigengeruf zu riechen, fassen wir uns häufig an die Nase: auch der damalige BVB-Trainer Jürgen Klopp.© imago / Norbert Schmidt
    Angst zum Beispiel nehmen wir in der Regel wahr, auch wenn unser Gegenüber uns mit einem stark vanillehaltigen Parfüm das Gegenteil suggerieren will. Der Geruch kann Empathie auslösen, gesteigerte Aufmerksamkeit – oder auch eigene Ängste hervorrufen. Wie dieses Angst-Molekül aussieht und an welche Rezeptoren es sich genau bindet, weiß die Wissenschaft bis heute nicht.

    Parfüm – eine Täuschung unseres Geruchssinns?

    Ein Kommunikations- und Wissenssystem beruhend auf einem Pheromon-Duftnetzwerk, wie etwa das Pherinfonsystem der Gente in Dietmar Daths Roman "Abschaffung der Arten", ist Science-Fiction-Stoff. Doch das Kopieren tierischer Duftnoten hat lange Tradition in der Parfümherstellung. Es scheint, als hätte die Benutzung von fremden Duftstoffen einen tieferen, vielleicht sogar biologischen Sinn. Aber: Können wir auf diese Weise tatsächlich unseren Geruchssinn täuschen? Den unbestechlichen, olfaktorischen Wahrheitsindikator?
    "Kein Computer würde darauf abgehen, aber wir halt schon. Das macht uns an. Das ist ein erogener, sehr befriedigender angenehmer Geruch. Deswegen bist du damals auf die Person in der Disco drauf zu gegangen und deswegen stoppen Leute auf der Straße jemanden, der vor ihnen herläuft und die denken: Oh, das riecht so gut, ich muss sofort wissen, was das ist."
    Die Rede ist von Escentric Molecules 01. Ein Parfüm, das aus einem einzigen synthetischen Duftstoff besteht, Iso E super. Der Parfümeur Geza Schön aus Berlin verwendet ihn als einzelnen Riechstoff in seiner Serie "Escentric Molecules", mit der er weltbekannt wurde. Was den Duft so besonders macht, darüber streiten Benutzer in Foren:
    "Dieser Duft riecht nach etwas metallischem, wie der Geruch einer Bleistiftmine. Ansonsten rieche ich rein nichts." – "Es ist ein sachter Duft, der sauberen Körpergeruch von jemanden imitiert, den man gut riechen kann. Das Parfum riecht ganz anders bei mir als bei meiner Freundin." – "Reine Katastrophe, gepanschtes, stranges Material, und nahezu allergische Reaktion." – "Macht Sie extrem attraktiv für das andere Geschlecht!" – "Ich mache es kurz: Auf meiner Haut riecht es nach Pastinaken."
    Nüchtern betrachtet: In der Kopf- und Herznote kaum zu riechen, entfaltet sich der Duft von Geza Schön erst in seiner sandel- und zedernholzartigen Basisnote. Für die einen der menschlichste künstlich hergestellte Duft – für die anderen nicht wahrnehmbar.
    Das komplexe Isomer, das die International Flavor & Fragrance Firma in den 70er-Jahren auf den Markt gebracht hat, fand seinen Weg zunächst vom Laborkolben in die Haushaltsprodukte. Mittlerweile ist es Bestandteil in vielen hochpreisigen Parfüms. Hinweise, dass Iso E Super eine biochemische Wirkung auf unseren Organismus auslöst, kamen für Geza Schön aus der Wissenschaft.
    "Das hat Hanns Hatt herausgefunden. Eine der Testreihen, die sie da fahren an der Ruhr-Uni Bochum: Die injizieren eine Kleinstmenge eines Riechstoff in eine singuläre Zelle, um zu gucken, was die Zelle dazu sagt. Und dann habe ich ihm eine Handvoll von Produkten mitgegeben, unter anderem auch Iso E super natürlich, und dann zwei Monate später habe ich ihn angerufen und meinte: Und was ist passiert? Und dann sagte er: Die Zelle fing an zu tanzen. Und dann haben die das weiter geführt und haben eben festgestellt in so einem Labortest, dass dieses Iso E super eben einen dieser fünf verbliebenen Pheromonrezeptoren tatsächlich stimuliert."
    Ob dieser Stoff wirklich auf unsere fünf Pheromonrezeptoren wirkt, bleibt offen. Laut Hanns Hatt gibt es Daten, die dafür sprechen, aber sie sind nicht publiziert. Auch ob Menschen über Pheromone kommunizieren, ist bis heute umstritten.
    In der Wissenschaft gibt es sogar Stimmen, die kritisch gegenüber der Idee sind, es gäbe menschliche Pheromone. Zudem sei eine unverschlüsselte olfaktorische Sprache in der Biologie ein höchst seltener Fall. "Du willst eine Bestätigung haben und du willst, dass die Leute dich idealerweise mehr mögen, als ohne den Duft. Und so kriegen Menschen irgendwann ihren olfaktorischen Fingerprint hin. Das ist dann auch ein Teil deiner Persönlichkeit, so ein Geruch."

    Kommunikation über Körpergerüche

    Vielleicht empfinden wir Chanel und Co. angenehmer als ein Gemisch aus Wasser und Salz. Doch der in unserer Gesellschaft tabuisierte aber natürliche Eigengeruch enthält die aussagekräftigsten Informationen unseres inneren Codes. Unseren eigenen Corporate-Smell in Form von Eiweißbruchstücken, nachfolgend als Peptide bezeichnet.
    Das sind "Fußabdrücke" unserer MHC-Moleküle, mit denen wir geruchlich über unsere MHC-Gene informieren. Jener Genkomplex, der Abwehrstoffe zur Bekämpfung von Viren und Bakterien bildet. Unseren olfaktorischen Fingerprint, den Parfümeure wie Geza Schön synthetisch herzustellen versuchen, tragen wir längst unter den Achseln, sagen Evolutionsbiologen: "Die Nase nimmt diese Peptide wahr und irgendwo darüber ist jetzt eine Instanz, die vergleicht das, was sie da jetzt an Peptiden wahrnimmt, mit dem was sie selber haben an MHC-Molekülen und rechnet aus: Passt oder passt das nicht. Und wenn es passt, kommt das Signal von oben wieder: Typ riecht gut – bevorzugen. Und wenn es nicht passt, dann kommt die Antwort von oben: stinkt! Und dann haben Sie keine Lust mehr."
    Finden wir, dass jemand "gut riecht", bedeutete das in dem Fall, dass der- oder diejenige das komplementäre Gen-Material für die Zeugung krankheitsresistenter Nachkommen besitzt. Denn unser individueller Körpergeruch spiegelt unsere Immungenetik wider, sagt Manfred Milinski vom Max-Planck-Institut für Evolutionsbiologie in Plön. Er bestimmt unsere Partnerwahl – sowie die Wahl unseres Parfüms. Und beides – die Wahrnehmung von Körpergerüchen und von Parfüm – spielt eine Rolle in der sexuellen Kommunikation.
    In einem Experiment ließ Manfred Milinski Probanden an ausgewählten, natürlichen traditionellen Parfüm-Duftstoffen, wie Moschus, Ambra, Rosenholz oder Jasmin, riechen. Danach sollten sie sagen, ob sie diesen Geruch auch selbst tragen würden.
    "Was wir herausgefunden haben: Wir haben eine irrsinnig signifikante Korrelation zwischen dem Besitz von bestimmten MHC-Allelen, also das sind die Varianten, die heißen Allele, und der Bevorzugung von ganz bestimmten natürlichen Geruchsbestandteilen. Also Leute, die dasselbe Allel haben, haben denselben Geruch bevorzugt, und zwar nur an sich selbst. Für den Partner wurden diese Gerüche abgelehnt und andere bevorzugt."

    Die Max-Planck-Forscher vermuten, dass offenbar natürliche Parfüm-Zutaten chemische Nachahmungen von menschlichen immunabhängigen Geruchssignalen enthalten. Ein perfektes Parfüm enthält im besten Fall Duftstoffe, die unseren genetischen Duftmolekülen entsprechen.
    Der Direktor des Max-Planck-Instituts für Evolutionsbiologie, Manfred Milinski, steht am Rande des Plöner Sees ineben großen Käfigen, in denen sich Stichlinge tummeln.
    Körpergeruch spiegelt unsere Immungenetik wider, sagt Manfred Milinski vom Max-Planck-Institut für Evolutionsbiologie in Plön. © dpa
    Das kann in komplexen Düften – etwa Rosen Absolue, der aus mindestens 500 Duftstoffen besteht – durchaus der Fall sein, meint Manfred Milinski. "Aber ich würde jetzt mutmaßen, das sind nicht Peptide, die da in dem Rosenduft mit drin sind, sondern das ist irgendein anderer Stoff, der so die Wirkung dieses Peptids im Organismus nachahmt – so wie Süßstoff Zucker. Also wir haben Rezeptoren, die man täuschen kann. Man kann ihnen ein anderes chemisches Molekül vorsetzen, auf das sie genauso reagieren wie auf das Originalmolekül.
    Auch die Wahl des Parfüms erzählt also etwas über uns, das sich unserer bewussten Wahrnehmung sonst weitgehend entzieht. Dass wir damit auch eine Wirkung erzielen, bei jeder Person, die unseren Geruch wahrnimmt, ist sicher. Welche Wirkung allerdings: Das bleibt fast immer Zufall.

    Der olfaktorische Code: noch immer ein Geheimnis

    Düfte und Gerüche sind nicht nur das Ergebnis endloser chemischer Kombinationen. Sie sind die erlebbare Oberfläche von biologischen und sozialen Prozessen, die unter ihr ablaufen. Wie wir etwas riechen, wie stark und wann uns Gerüche bewusst werden, hängt von unserer individuellen Stimmung und dem Setting ab. Gerüche folgen einer biochemischen Logik, einer Urform von Kommunikation, die uns von Innen nach Außen und andersherum durchdringt. Und die zugleich kulturell geformt und codiert ist.
    Bei der Recherche für dieses Thema bin ich auf unzählige Studien, Experimente und vielversprechende Überschriften gestoßen, die alle ein Ziel haben: Den olfaktorischen Code zu knacken. Eine Formel zu finden, die anhand der molekularen Struktur eines Geruchs dessen Eigenschaften und Wirkungen berechnen kann.
    Es gibt diese Formeln: für Düfte, die nachweislich Wohlbefinden in Zugabteilen auslösen oder uns mehr Cola kaufen lassen. Noch mehr aber gibt es Ausnahmen, die diese Rechnungen widerlegen oder auf bestimmte Bereiche beschränken.
    Was wir aber sicher – und in Anlehnung an Aristoteles – festhalten können: Düfte sind im Ganzen mehr als die Summe Ihrer einzelnen Bestandteile. Sie sind nicht unsere Wörter oder Sätze. Sie sind, was wir – jeweils – daraus machen. Sie sind das Narrativ. Sie sind die Geschichte.

    Autorin, Sprecherin und Produzentin: Martina Weber
    Redaktion: Jana Wuttke, Lydia Heller

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