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Fazit / Archiv | Beitrag vom 16.12.2019

Gertrud-Eysoldt-Ring für Sandra HüllerDank Hamlet der Wahrheit ins Gesicht blicken

Sandra Hüller im Gespräch mit Britta Bürger

Sandra Hüller in der Rolle von Hamlet sitzt auf einem Podest und blickt seitlich in die Kamera. Im Hintergrund ist Mercy Dorcas Otieno zu sehen. (JU Bochum / Schauspielhaus Bochum)
An die Rolle des Hamlet sei sie mit Neugierde herangetreten, verrät Hüller. Sie habe ihn vorher weder gelesen noch gesehen. (JU Bochum / Schauspielhaus Bochum)

Der Gertrud-Eysoldt-Ring ist einer der wichtigsten Theaterpreise im deutschsprachigen Raum und geht in diesem Jahr an Sandra Hüller für ihre Rolle als Hamlet. Sie habe Hamlet als sehr zurückgezogenen Menschen verstanden, sagt die Schauspielerin.

Der Gertrud-Eysoldt-Ring geht in diesem Jahr an die Schauspielerin Sandra Hüller - für ihre Rolle als Hamlet am Schauspielhaus Bochum. In der Jurybegründung heißt es, Sandra Hüllers leidenschaftliche und entschiedene Auseinandersetzung mit der Hamlet-Figur sei auch eine Auseinandersetzung mit der Bühnenkunst als solcher. "Hüller bleibt sie selbst, indem sie den Hamlet spielt, und sie spielt sich selbst, indem sie Hamlet ist."

Viele kennen die Schauspielerin aus dem Kino, aus Filmen wie "Toni Erdmann", "In den Gängen" oder "25 Kilometer pro Stunde". Vor genau 20 Jahren hatte sie ihr Bühnenjubiläum in Jena, das nun mit einem der wichtigsten Theaterpreise im deutschsprachigen Raum gekrönt wird. Vor ihr wurden Klaus Maria Brandauer, Nina Hoss, Gert Voss und Sophie Rois mit dem Ring ausgezeichnet, um nur einige zu nennen.

Mit dieser Auszeichnung, über die sie sich wahnsinnig freue, habe sie nicht gerechnet, verrät Sandra Hüller im Gespräch.

Hamlet will nicht im Mittelpunkt stehen

An die Rolle des Hamlet sei sie mit Neugierde herangetreten. Sie habe ihn vorher nicht gekannt, also weder gelesen noch gesehen. Von Beginn der Proben an habe sie Hamlet als jemanden verstanden, der nicht im Mittelpunkt stehen, der eigentlich nur sterben und vorher noch die Wahrheit herausfinden wolle, wer also seinen Vater umgebracht hat, um an ihm dann den Mord zu rächen.

"Und diese Rache, die ihm aufgetragen wird, ist kein Vergnügen für ihn. Im Gegenteil: Das ist eine Last, die er zu tragen hat und die er auch an den meisten Stellen versucht, also die Tat, zu vermeiden. Insofern habe ich ihn als sehr zurückgezogenen Menschen verstanden."

Johan Simons gibt den Schauspielern genug Freiraum 

Das Besondere an der langjährigen Zusammenarbeit mit Johan Simons, der auch Regie bei der Hamlet-Inszenierung in Bochum geführt hat, sei die freie Atmosphäre, die er kreiert:

"Das Nicht-Hierarchische und die Offenheit, mit der er inszeniert. Die Möglichkeiten, die er uns bietet, das Aushalten von heterogenen Ensembles, der Nicht-Versuch, Leute in ein bestimmtes Schema zu pressen oder eben Regietheater zu machen." Stattdessen entstünden die Stücke "aus den Spielern heraus. Und das ist ein großes Glück."

Alles andere als zynisch

In Kritiken über Sandra Hüllers Hamlet-Spiel wird dieses als feinnervig beschrieben - kühl, distanziert und emotional zugleich. Sie selbst wird im Programmheft mit den Worten zitiert, sie wolle den Zynismus unterbinden. Damit sei gemeint, so Hüller, dass man Hamlet natürlich auch als jemanden hätte inszenieren können, der sich gerne selbst reden hört. Das wäre aber nicht nur langweilig, sondern auch zynisch und überheblich gewesen.

Dieser Sicht auf Hamlet habe man aber auf vielfachen Wunsch anderer Schauspielerinnen und Schauspieler entsagt und stattdessen eine Figur geformt, die "alles unternimmt, um die Leute zum Reden zu bringen, damit die anderen sprechen und nicht er". Indem er die anderen provoziere, gebe Hamlet ihnen vor allem den Raum, sich selbst zu äußern.

"Und so habe ich es zumindest gelesen: Er stellt immer wieder Fragen oder inszeniert Dinge, um Menschen an einen Punkt zu führen, wo sie sich selbst und der Wahrheit ins Gesicht blicken müssen."

Hamlet
Regie: Johan Simons
Schauspielhaus Bochum

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