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Im Gespräch | Beitrag vom 09.10.2019

Gert Möbius über seinen Bruder Rio Reiser"Ich hab' eine Woche fast nur geheult"

Moderation: Tim Wiese

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Der Bruder von Rio Reiser, Gert Möbius, nimmt den Preis für Rio Reisers Lebenswerk am 08.09.2017 bei der Verleihung des Preises für Popkultur des "Vereins zur Förderung der Popkultur" im Tempodrom in Berlin entgegen. (picture alliance/dpa/Gregor Fischer)
Preis für Popkultur: Gert Möbius nimmt den Preis für Rio Reisers Lebenswerk entgegen. (picture alliance/dpa/Gregor Fischer)

Gert Möbius ist Maler und Drehbuchautor; er hat als Hausbesetzer in Kreuzberg die wilden Zeiten West-Berlins erlebt und war Manager der Band "Ton Steine Scherben" um seinen Bruder Rio Reiser. Jetzt bringt er ein Musical über den Sänger auf die Bühne.

Er war der "König von Deutschland": Rio Reiser, Frontmann von "Ton Steine Scherben". Dass es heute ein Rio-Reiser-Archiv gibt – und derzeit ein Rio-Reiser-Musical am Berliner Schillertheater läuft – ist seinem älteren Bruder zu verdanken: Gert Möbius. Beide entstammen einem liberalen Elternhaus, die Eltern waren in der Zeit des Nationalsozialismus in der "Bekennenden Kirche". Die kunstbegeisterte Mutter führt ihre drei Söhne früh an die Musik heran. Gert Möbius studiert wie sein älterer Bruder Peter Kunst, beide ziehen mit einem Wandertheater durch Bayern: "Wir wollten frei sein!"

Die erste Beat-Oper der Welt

In den 60er-Jahren geht Gert Möbius nach Berlin; die drei Brüder inszenieren 1967 die "erste Beat-Oper der Welt" – ausgerechnet am altehrwürdigen "Theater des Westens". Schon damals schreibt der 17-jährige Rio die Musik dafür – ein Erfolg wird "Robinson 2000" nicht. Gert und Rio wohnen in Kreuzberg, erleben die APO-Wirren mit, besetzen ein Haus. Gert ist und bleibt der große Bruder.

Philip Butz tritt als Rio Reiser bei der Fotoprobe des Musiktheaterstücks "Rio Reiser - Mein Name ist Mensch" in der Komödie am Kurfürstendamm im Schiller Theater auf.  (pictura alliance/dpa/Christoph Soeder)König von Deutschland im Konjunktiv: Philip Butz als Rio Reiser. (pictura alliance/dpa/Christoph Soeder)

"Komischerweise hatte ich so ein Aufpasser-Verhältnis zu Rio, auch später, als es mit Drogen losging und mit Trips und Shit geraucht wurde. Da musste ich gucken, dass er auch abends nach Hause kam. Da hatte ich schon Angst, weil manche Heroin genommen haben, das war immer so eine Gefahr. Gott sei Dank hat er kein Heroin genommen."

Zwei Leichenwagen für Rio

Rio Reiser stirbt am 20. August 1996 überraschend im Alter von 46 Jahren auf seinem Künstlerhof in Fresenhagen – ein Schock für Gert Möbius: "Ich hab es gar nicht fassen können. Ich bin gleich losgefahren nach Fresenhagen, wo er gestorben ist. Und meine Familie und ich waren fix und fertig; ich hab` eine Woche fast nur geheult. Ja, das war, wie wenn ein Sohn gestorben wäre. Also für mich war es ganz schwer, das zu verarbeiten, weil man ja nicht immer so gute Freunde hat – und einen so guten Bruder."

Die Beerdigung wird zum Event: Die Brüder möchten, dass Rio auf dem Gelände des Künstlerhofs beerdigt wird – das ist aber verboten. Also organisieren sie zwei Leichenwagen: einen, der offiziell zum Friedhof fahren soll und einen Richtung Fresenhagen. Kurz vor der Bestattung gibt die damalige schleswig-holsteinische Ministerpräsidentin Heide Simonis die Erlaubnis: Rio darf unter seinem Apfelbaum beerdigt werden. Fresenhagen wird zunächst zur Rio-Gedenkstätte, inklusive Archiv und Tonstudio – aufgebaut von Gert Möbius. Doch er kann das Projekt nicht auf Dauer finanzieren. 2011 wird Rio auf den "Alten St.-Mätthäus-Kirchhof" in Berlin umgebettet und das Gut wird verkauft. Der Nachlass geht ans Literaturarchiv in Marbach.

Das Rio-Reiser-Musical

Auch mit Mitte 70 ist Gert Möbius noch immer als Drehbuchautor aktiv. Zuletzt hat er an dem aktuellen Musical über seinen Bruder mitgearbeitet: "Rio Reiser - Mein Name ist Mensch". Es läuft noch bis zum 3. November im Berliner Schillertheater. Dafür nutzte er auch die Tagebücher, die Rio hinterlassen hat. Er konnte sie jahrelang nicht anfassen; erst vor wenigen Jahren begann er, darin zu lesen. Die Texte beeindrucken ihn bis heute:

"Also seine Fähigkeit, seine Gefühle so auszudrücken, dass es fast Gedichte sind. Er kann das wirklich sehr gut. Wenn man liest in dem Buch, merkt man, dass das wirklich auch Poesie ist."

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