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Lesart / Archiv | Beitrag vom 25.06.2016

Gero von Randow: "Der Cyborg und das Krokodil"Kann eine Maschine ethisch handeln?

Gero von Randow im Gespräch mit Felix Weyh

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Der Roboter "Nao" mit einem Kind (CITEC/Universität Bielefeld)
Soll Kindern Sprechtraining geben: der Roboter "Nao" (CITEC/Universität Bielefeld)

Glücklich durch Technik: "ZEIT"-Redakteur Gero von Randow glaubt, das ist möglich. Und doch werfen neue Technologien komplexe ethische Fragen auf, sagt der Wissenschaftsjournalist.

"Der Wecker ist als Ding bloß ein Krachmacher", schreibt Gero von Randow. Und fährt fort: "Aber als Technologie ist er ein Taktgeber des Alltags. Er synchronisiert gesellschaftliches Leben und bringt es auf den Punkt."

Ein schönes Beispiel für die Vernetzung auch unaufwendiger Technik zu etwas Größerem – nämlich einem Lebenszusammenhang. "Jedes Ding weist auf andere Dinge oder auf Personen oder auf Handlungen", sagt der Wissenschaftsjournalist im Gespräch.

Handlungen beeinflussen Dinge, und umgekehrt

Im Buch hält er dafür einen Formalismus parat: HDH oder DHD. Er sollte allerdings nicht überschätzt werden: "Ich operiere damit nicht formal." Im herkömmlichen Technikverständnis – HDH – steht zu Beginn eine Handlung, die sich eines Dinges bemächtigt, woraus dann wieder eine Handlung resultiert.

Irgendwann – das wäre die dystopische Sicht – könnte sich das Verhältnis zu DHD umdrehen: Intelligente Dinge befehlen uns Handlungen, die wiederum anderen intelligenten Dingen nützen. Der Mensch wäre dann nur noch ein Zwischenglied in einer Maschinenkette.

"Wir sind noch lange keiner Roboterwelt ausgeliefert", meint Gero von Randow. Wenn es in manchen Fabriken so erscheine, dann liege das an einer undifferenzierten Wahrnehmung: "Der Mensch ist den Interessen untergeordnet, die diese Fabrik organisieren." Die Maschine selbst führe kein Eigenleben. "Technik sind geronnene Interessen", bringt es der ZEIT-Wissenschaftsredakteur auf den Punkt.

"Schlimmer als die Techniksketiker sagen"

Gero von Randow ist kein Dystopiker und schwimmt genussvoll gegen den Strom allgemeiner Technikskepsis. Ein Euphoriker ist er allerdings auch nicht. "Es ist sogar manchmal schlimmer, als die Technikskeptiker sagen", erklärt er, "weil die Probleme überwiegend nicht technischer Natur sind, sondern sozialer und politischer, und deswegen viel schwieriger zu lösen."

Das selbstfahrende Auto illustriert die Komplexität der Technikdiskussion am besten. "Die schwierigste Frage ist nicht, so ein Auto zu bauen, sondern es so zu programmieren, dass das System dann unseren ethischen Ansprüchen genügt." Wie soll es in einem kritischen Fall – etwa wenn es nur zwei schlechte Entscheidungsoptionen gibt – ethischen Maßstäben gerecht werden?

"Das ist mehr als das normale Mensch-Maschine-Verhältnis", meint Randow, selbst wenn die Maschine bloß einen Entscheidungsvorschlag servieren und nicht selbst tätig würde. "Ich würde darauf wetten, dass die technischen Hürden des autonomen Fahrens allesamt genommen sein werden, noch bevor eine einzige ethische übersprungen sein wird", heißt es dazu im Buch.

Nach welchen Kriterien soll Technik funktionieren?

Cover: Gero von Randow "Der Cyborg und das Krokodil" (Cover: Gero von Randow "Der Cyborg und das Krokodil" Edition Körber Stiftung)Cover: Gero von Randow "Der Cyborg und das Krokodil" (Cover: Gero von Randow "Der Cyborg und das Krokodil" Edition Körber Stiftung)

Wenn Technik aber auch glücklich macht, wie der Untertitel des Buches nahelegt, dann muss es auch ein zu formulierendes, positives Programm an die Ingenieure geben. Im Essay formuliert es Gero von Randow so: "Technik soll die Freiheitsgrade der Menschen erhöhen, aber ohne die Ungerechtigkeiten zu verstärken." Und: "Das Verhältnis von Nutzen und Risiken einer Technik muss das Ergebnis einer öffentlichen Aushandlung sein."

Im Gespräch demonstriert der Autor dann eine Tugend des aufgeklärten Wissenschaftsjournalismus. Er kritisiert seine geschriebenen Worte selbst: "Ich gebe zu, dass das nicht weit von Techniklyrik entfernt ist." Aber "Kriterien zu formulieren, entlang derer Technik zu entwickeln ist, ist bislang noch nie jemandem gelungen."

Und der seltsame Buchtitel vom Cyborg und dem Krokodil? Er löst sich mit dem Rat an den Leser auf, sich wie ein Krokodil zu verhalten – jedenfalls bei der Nutzung neuer Technologien: "Hören und schauen Sie sich um, sobald Sie Lust dazu haben – und wenn Sie Beute sehen, dann springen Sie."

Nicht jedes Update sei ein Gewinn, nicht jedes Gimmick ein Fortschritt: "Man muss nicht jeden Quatsch mitmachen, darauf läuft es hinaus." 

Gero von Randow: Der Cyborg und das Krokodil. Technik kann auch glücklich machen
Edition Körber-Stiftung, Hamburg 2016
176 Seiten, 14 Euro, als E-Book 9,99 Euro

 

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