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Lesart / Archiv | Beitrag vom 28.08.2015

"Germany 2064" von Martin WalkerRoman, Sachbuch und Blick in die Glaskugel

Von Hahn Marten

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Eine Hand hält eine blau schimmernde Glaskugel. (picture-alliance/ dpa)
Zukunftsvision: In "Germany 2064" blickt Martin Walker ein paar Jahrzehnte voraus. (picture-alliance/ dpa)

Martin Walkers "Germany 2064" ist eine Art Thriller, der voller Fakten steckt, die zum Nachdenken anregen. Die Story ist simpel gestrickt, aber dennoch lohnt die Lektüre. Denn der Autor schaut - gestützt auf Experten-Befragungen - in Deutschlands Zukunft.

Als die schöne Sängerin Hati Boran aus den "Freien Gebieten" bei einem Auftritt verschwindet, übernehmen Kommissar Bernd Aguilar und sein Roboter-Partner Roberto die Ermittlungen und landen unversehens zwischen den Fronten eines Wirtschaftskriegs, den zwei Technologieunternehmen austragen: "Germany 2064" klingt nach einem futuristischen Kriminalroman. Es ist jedoch keiner.

Dabei ist der ehemalige "Guardian"-Journalist Martin Walker mit Krimis aus dem Périgord bekannt geworden. Seine Romane um den Dorfpolizisten Bruno haben in Deutschland eine erkleckliche Leserschaft. Gerade ist mit "Provokateure" der siebte Band der Reihe erschienen. "Germany 2064" ist nun nicht nur kein Krimi. Das inspirierende Buch ist nicht einmal ein Roman. Und nein, ein Sachbuch ist es auch nicht: "Germany 2064" liegt zwischen Fakt und Fiktion. "Faction" aber ist ein Genre, das in Deutschland misstrauisch beäugt wird. Also wird "Germany 2064" als Roman vermarktet. Leider.

Denn so beginnt man die Lektüre, nur um bald festzustellen: Die Charaktere sind flach, die Dialoge hölzern, der Plot gewinnt nie an Fahrt. Es fehlt an allem, was "echte" Literatur ausmacht. Woran es nicht mangelt, sind Exkurse in Robotik, ökologischer Landwirtschaft und Wirtschaftswissenschaft. Jedem Kapitel stellt Walker zudem Auszüge wissenschaftlicher Texte voran, inklusive Quellenangabe - intellektuelle Appetitanreger, die Lust darauf machen, sich mit Standardwerken zu künstlicher Intelligenz zu vergnügen.

Zukunftsentwurf erzählt viel über Gegenwartsprobleme

Das Nachwort macht klar: Das Buch ist Teil eines Projekts der Management-Beratung A.T Kearney. Dort verdient Walker sein Geld, wenn er keine Bücher schreibt. Zum fünfzigjährigen Jubiläum des deutschen Büros Ende 2014 versammelte die Firma führende deutsche Politiker, Unternehmer und Wissenschaftler und stellte ihnen die Frage: Wie entwickelt sich Deutschland in Europa in den nächsten 50 Jahren? "Germany 2064" ist der Versuch, die Ergebnisse dieses intellektuellen Abenteuers einem breiten Publikum zugänglich zu machen.

Walkers Buch berührt alles, was heute heiß diskutiert wird, was möglich und wahrscheinlich erscheint: TTIP ist Realität und Deutschland prosperiert. Aufgeteilt in hochtechnologisierte urbane Zonen und technologiefeindliche, zunehmend gesetzlose "Freie Gebiete" in Gegenden wie Mecklenburg-Vorpommern nimmt das Land eine Vorbildstellung in Europa ein. Die Transaktionssteuer wurde eingeführt. Selbstfahrende Autos bestimmen das Straßenbild. Roboter spielen im zivilen und militärischen Bereich eine entscheidende Rolle. Und Walker fragt: Was macht eine Maschine zum Menschen? Wer will, findet hier mühelos Philip K. Dick zwischen den Zeilen. Wer sich mit Roboterliebe beschäftigt, kommt um seinen Klassiker "Träumen Androiden von elektrischen Schafen?" nach wie vor nicht herum.

Glücklicherweise kann sich der schreibende Berater nicht zwischen Dystopie und Utopie entscheiden. Der Vorwurf der Propaganda verebbt an dieser Stelle. Und wer hinter die billige, erzählerisch einfach gestrickte Thriller-Verpackung schaut, wird mit Denkanstößen belohnt - und einem Zukunftsentwurf, der viel über die Probleme unserer Gegenwart erzählt.


Martin Walker: "Germany 2064 - Ein Zukunftsthriller"
Diogenes, Zürich 2015
432 Seiten, 24 Euro

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