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Im Gespräch | Beitrag vom 19.10.2020

Germanist und Kulturwissenschaftler Helmut Lethen"Ich versuche, aus Enttäuschung Energie zu ziehen"

Moderation: Susanne Führer

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Porträt von Helmut Lethen (Anna Weise)
Der Radikalenerlass habe damals vielen das Leben versaut. "Ich hatte Glück", sagt der Germanist Helmut Lethen. (Anna Weise)

„Verhaltenslehren der Kälte“ heißt das Buch, mit dem Helmut Lethen 1994 bekannt wurde. Nun hat der Germanist sie im eigenen Haus. Seine Frau zählt zur Neuen Rechten, verweigert Flüchtlingen die Empathie. Für den Altlinken Lethen ein Schock.

Warum schreibt man seine Erinnerungen auf? Zum Beispiel, weil man sich "plötzlich in der Zange politischer Lager fühlte", eingeklemmt zwischen Links und Rechts. So war es bei dem Germanisten und Kulturwissenschaftler Helmut Lethen, der mit "Denn für dieses Leben ist der Mensch nicht schlau genug" nun seine Autobiografie vorlegt. Es ist auch der Versuch, einen Schritt aus dem eigenen Leben zurückzutreten, um ein wenig klarer zu sehen.

"Eine Empathie, die mich prägte"

Empathie und Distanz: Dieses Spannungsfeld beschäftigt Helmut Lethen schon lange – in seiner Arbeit, in seinem Schreiben, aber auch persönlich.

Geboren 1939 als Kind überzeugter Nazis sieht er als Jugendlicher die französische Dokumentation "Nacht und Nebel", die als erster Film nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs die Geschehnisse in den Vernichtungslagern der Nationalsozialisten in Bilder fasst. "Das war eigentlich eine somatische Erkenntnis, also eine Empathie, die nie mehr rückgängig gemacht werden konnte und mich sehr geprägt hat."

Politischer Aktivist, dann Germanistik-Professor

Nach der Schule geht Helmut Lethen als einer von zweien aus seiner Klasse zur Bundeswehr. Anschließend studiert er und wird Mitglied der Aufbau-Organisation der Kommunistischen Partei Deutschlands. Wegen "Versöhnlertum" wird er 1975 aus der Organisation ausgeschlossen, kann aufgrund seiner politischen Vergangenheit aber in der Bundesrepublik auch kein Beamter werden. Er geht nach Holland und lehrt als Professor in Utrecht – für ihn ein Glücksfall. "Es gab Genossen, denen der Radikalenerlass wirklich das Leben versaut hat. Bei mir nicht. Ich hatte Glück."

Später hat er den Lehrstuhl für Neueste Deutsche Literatur an der Universität in Rostock inne, ist Direktor des Internationalen Forschungszentrums Kulturwissenschaften in Wien und seit 2016 Professor an der Kunstuniversität Linz – und schreibt Bücher.

Erkenntnis durch Distanz

Sein Buch "Verhaltenslehren der Kälte. Lebensversuche zwischen den Kriegen", das stark beeinflusst ist von einem Text des Soziologen und Philosophen Helmuth Plessner und Helmut Lethen 1994 bekannt macht, sei der Versuch "gegen die Tyrannei der Intimität die Verhaltenslehre der Distanz zu lehren".

"Ein Grundsatz ist quasi: wie kann man eine Lebenskunst entwickeln, die dazu führt, dass man einander begegnet, ohne sich zu verletzen, dass man sich voneinander trennt, ohne sich endgültig zu entfremden." Erst Distanz eröffne Erkenntnis. "Wer aus der Symbiose extremer Nähe nicht herauskommt, wird bestimmte Erkenntnisse nicht mehr haben."

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Manchmal trägt auch die zeitliche Distanz dazu bei, neue Erkenntnisse zu ermöglichen. Seine Studierenden finden in Plessners Text 25 Jahre später nämlich "ein Naturrecht auf Wärme", wo Helmut Lethen nur Kälte wahrgenommen hat. Die neue Lesart ist für ihn nicht nur schmerzhaft. "Enttäuschung war für mich immer ein Erlebnis, aus dem ich Energie ziehen wollte. Und insofern war, was ich da erlebte, eine große Enttäuschung für mich. Aber ein großer Schritt der Erkenntnis."

Politische Differenzen im Wohnzimmer

Womöglich ist die Energie, die der 81-Jährige aus Enttäuschungen zu ziehen vermag, auch ein Grund, warum er die Spannungen in seiner eigenen Familie aushält. Seiner Ehefrau Caroline Sommerfeld-Lethen, früher seine Studentin und wie er politisch rotgrün verortet, widmet er in seinem neuen Buch ein eigenes Kapitel: Die Mutter dreier seiner Söhne gehört seit einiger Zeit der Neuen Rechten an und engagiert sich in der Identitären Bewegung. "Natürlich war es ein Schock. Vor allen Dingen, weil es mich vollkommen unvorbereitet traf. Na klar. Aber mit Schocks muss man umgehen."

Während Helmut Lethen die Willkommenskultur gegenüber Geflüchteten begrüßte, sah seine Frau "eine Flüchtlingsindustrie am Werke und quasi jedes Flüchtlingskind war für sie auch eine allegorische Figur dieser Industrie". Das eigene Wohnzimmer als Kältekammer des Mitgefühls.

Sie hätten sich "über die Rolle der Empathie und die dunklen Seiten der Empathie gestritten". So viel gibt Helmut Lethen über die politischen Spannungen in seiner Ehe preis. Es sei "ein interessanter Streit, der noch lange nicht zu Ende gestritten ist".

(era)

Helmut Lethen: "Denn für dieses Leben ist der Mensch nicht schlau genug. Erinnerungen"
rowohlt, Berlin 2020
384 Seiten, 24 Euro

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