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Im Gespräch | Beitrag vom 12.11.2018

Gerhard HenschelDas eigene Leben in acht Bänden

Gerhard Henschel im Gespräch mit Klaus Pokatzky

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Porträt von Gerhard Henschel. (picture alliance / Uwe Zucchi)
Gerhard Henschel auf der Frankfurter Buchmesse 2015. (picture alliance / Uwe Zucchi)

Für Gerhard Henschel bietet die eigene Lebensgeschichte genug Stoff für sein chronologisch angelegtes Romanprojekt. Gerade ist Band acht erschienen: „Erfolgsroman“. Darin feiert Martin Schlosser, Henschels Alter Ego, seinen 30. Geburtstag und lässt es so richtig krachen.

Gerhard Henschel ist ein vielseitiger Autor. Er schreibt für das Satiremagazin "Titanic", kritisiert in seinem Buch "Die Springer-Bibel", die "Bild"-Zeitung, hat Bob Dylans "Chronicles" übersetzt und liebt Zungenbrecher wie "Es klapperten die Klapperschlangen, bis ihre Klappern schlapper klangen."

Aber seit er 1990 sein Studium an den Nagel hängte und nach kurzer Taxifahrerkarriere Schriftsteller wurde, ist er vor allem mit seinem großen autobiographischen Romanprojekt bekannt geworden. Das ist inzwischen auf acht Bände angewachsen.

Ursprünglich war nur ein Band geplant

"Das war nicht so geplant. Ursprünglich wollte ich nur den ‚'Kindheitsroman' schreiben und es dann enden lassen im 14. Lebensjahr des Ich Erzählers Martin Schlosser. Ich kam erst später auf den Geschmack und dachte, ich häng noch einen Band dran, den 'Jugendroman', bis zum Abitur, und dann ist Schluss. Aber beim ‚'Jugendroman' stellte ich nach fünfhundert Seiten leider fest, dass Martin Schlosser immer noch ins zehnte Schuljahr ging, und ich beschloss, dann noch einen weiteren Band zu schreiben, der mit dem Abitur enden sollte. Aber der endet leider zu einem Zeitpunkt, in dem Martin Schlosser erst ins zwölfte Schuljahr geht. Und inzwischen hatte ich so viel Freude an der Arbeit gefunden, dass ich weiter gemacht habe."

Auslöser für Gerhard Henschels Projekt waren die Werke Walter Kempowskis, dessen Roman "Tadellöser & Wolff" sowie seine "Deutsche Chronik". Darin schildert der 2007 gestorbene Autor in neun Bänden die Geschichte des Niedergangs einer bürgerlichen Familie bis in die 1960er-Jahre. Gerhard Henschel schätzt die "grundsätzlich humoristische Welteinstellung" Kempowskis und dessen Stil:

"Er arbeitet ja mit kurzen Textabschnitten in seiner 'Deutschen Chronik', 'Tadellöser & Wolff' und anderen Romanen. Er wiederum hat es von Arno Schmidt übernommen, der diese Fototechnik in vielen seiner Romane angewandt hat. Mir hat das immer eingeleuchtet. Man erinnert sich ja nicht wie ein Romancier des 19. Jahrhundert an sein Leben, sondern in kurzen Aufnahmen oder Takes. Und das habe ich von Kempowski übernommen."

Ob die Einrichtung der Eltern in den Fünfzigerjahren, seine Kindheit am "Deutschen Eck", Frauengeschichten oder die 68er-Revolte – alles fließt in Gerhard Henschels Bücher ein.

Familiennachrichten als Quelle

Schon als Kind gab der heute 56-Jährige eine Zeitung mit Familiennachrichten heraus. Heute dient sie ihm als Quelle. Im Keller seines Hauses in der Lüneburger Heide stapeln sich Briefe, Zeitungsschnipsel, Zeitdokumente – alles von seiner näheren und weiteren Verwandtschaft.

"Das sind ungefähr achthundert Aktenordner, und wenn in meiner weiteren Familie jemand stirbt, dann frage ich, ob ich den weiteren Nachlass erben kann, also Postkarten, Briefe, Tagebücher und dergleichen. Das Archiv wächst stetig, und das ist eine wunderbare Fundgrube.

Aber da die Familie sehr umfangreich ist, kann ich mich auch auf mündliche Quellen stützen. Ich maile und telefoniere viel mit den Verwandten, wenn ich etwas nicht weiß. Sie helfen mir gern auf die Sprünge und freuen sich jeweils auf den neuen Roman, und manchmal bei meinen Lesungen sitzen zehn, zwölf meiner Romanfiguren mit im Publikum. Das ist sehr schön."

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