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Lesart | Beitrag vom 27.07.2020

Gerald Murnane: "Landschaft mit Landschaft"In den karstigen Falten der Vorstellungskraft

Von Maike Albath

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Das Buchcover von Gerald Murnane auf orangefarbenem Hintergrund. (Deutschlandradio/ Suhrkamp)
Murnanes schillerndes Prosagewebe setzt ein mit imaginären Erläuterungen des gealterten Helden gegenüber einer sommersprossigen Frau. (Deutschlandradio/ Suhrkamp)

"Landschaft mit Landschaft" ist ein elegant verzahnter Geschichtenreigen: Gerald Murnane, von der "New York Times" zum größten lebenden Autor englischer Sprache erhoben, ist der legitime Erbe des großen italienischen Melancholikers Giacomo Leopardi.

Was hat der italienische Dichter Giacomo Leopardi, Inbegriff eines melancholischen Menschen, große Stimme des frühen 19. Jahrhunderts und berühmt für die Spiegelung innerer Welten in äußerer Landschaft, mitten in Australien zu suchen? In den heruntergekommenen Lagerhäusern der Innenstadt von Melbourne, wo 1959 ein junger Mann hinter einer Jalousie mit viel Bier intus nach Versen fahndet?

Es ist genau diese Versenkung in innere Resonanzräume, die den Ich-Erzähler des elegant ineinander verzahnten Geschichtenreigens "Landschaft mit Landschaft" von Gerald Murnane so fasziniert und die er seine Ginestra-Stimmung nennt, nach einem Gedicht Leopardis.

Auf der Suche nach der ultimativen Landschaft

Murnanes schillerndes Prosagewebe setzt ein mit imaginären Erläuterungen des gealterten Helden gegenüber einer sommersprossigen Frau. Er stellt sich vor, mit welchen Worten er dieser begehrenswerten Nachbarin seine Laufbahn und seine Suche nach der ultimativen Landschaft beschreiben würde, die ihn eines Tages schließlich in einen Vorort führte, wo er in einem Haus an einer silbrig glänzenden Straße wieder in einem Nebenzimmer sitzt und Sätze nachklingen lässt.

In der zweiten Geschichte mit dem Titel "Die Essenz schlürfen" stecken wir dann plötzlich mitten in eben jener Erzählung des Schriftstellers, und begegnen ihm als junger Mann. Notorisch schüchtern, von Frauen und Literatur besessen, versucht er mit hochprozentigen Getränken einer Kindheitserinnerung an seine Mutter auf die Spur zu kommen, wie sie am Herd stand und ihren Söhnen an heißen Tagen Sirup zubereitete. Die roten Schlieren im Topf stammten aus der besagten Essenz, die zu einem Bild für die Wahrnehmungsdurchlässigkeit wird. Und so gebiert dann auch diese Geschichte eine weitere, aus der noch eine entsteht und noch eine, bis wir an den Ausgangspunkt zurückkehren. Eine Verschachtelung, ein Spiel mit russischen Puppen.

Murnane hat seinen Heimatort kaum je verlassen

Gerald Murnane, 1939 in Melbourne geboren, schrieb seinen Zyklus, der an "Wenn ein Reisender in einer Winternacht", Italo Calvinos Roman mit den vielen verschiedenen Anfängen, und an Borges' labyrinthische Fiktionen erinnert, schon 1985. Mit seiner entschlackten, poetischen Sprache zählt der Schriftsteller, Verfasser von 14 Büchern, von Teju Cole und J.M Coetzee verehrt und von der New York Times zum größten lebenden Autor englischer Sprache erhoben, zu den erstaunlichsten Erscheinungen der Gegenwart.

Murnanes Romane, die vor zwanzig Jahren sämtlich vergriffen waren, sind bezwingend, seine Sprache knistert vor Spannkraft. Die Handlung ist nebensächlich, aber das Echo großer Literatur schwingt mit. Murnane hat seine Heimatregion Victoria kaum je verlassen, nie ein Flugzeug bestiegen, nie eine E-Mail geöffnet, nie einen Computer bedient und alle seine Bücher auf einer Schreibmaschine mit zwei Fingern getippt.

Er bewohnt die karstigen Falten seiner Vorstellungskraft und schaut auf die dürre Landschaft Australiens. Genau wie Leopardi auf der anderen Seite der Erdkugel zweihundert Jahre vor ihm.

Gerald Murnane: "Landschaft mit Landschaft"
Aus dem Englischen von Rainer G. Schmidt
Suhrkamp Verlag Berlin 2020
400 Seiten, 24 Euro

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